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Anstifter 2, 2020 der Stiftung Liebenau Österreich

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Schwerpunkt „Wir haben

Schwerpunkt „Wir haben die Prüfung bestanden!“ Warum sich die dezentrale Organisation auch in der Krise bewährt Das Leben geht weiter, selbst wenn die Welt wie in den Wochen des Lockdowns stillsteht. Die Frage ist nur: Wie? Wie gehen wir um mit Angst, Einsamkeit und Ungewissheit bei Bewohnern, Mitarbeitern und Angehörigen? Wie sorgen wir für Nähe, Zuversicht und Orientierung? Wie für Aktivität und Ablenkung und ja: auch für Masken? Hinzu kommt, dass sich die Situation rund um das Virus seit Mitte März fast täglich ändert und langfristige Planungen unmöglich macht. Da braucht es tatsächlich vielfältige neue Ideen, Mittel und Wege abgestimmt auf jedes Haus, jede Wohngruppe und jeden Bewohner. Im nachfolgenden Interview beschreibt Winfried Grath, Verwaltungsleiter und Wirtschaftlicher Leiter der Liebenau Österreich, die Krise aus Sicht der Verantwortlichen und erklärt, warum sich ein gemeinsamer, zentraler Austausch mit nachfolgend dezentral getroffenen Entscheidungen bewährt hat. Die Fragen stellte: Elke Benicke 4 anstifter ÖSTERREICH 2 | 2020

Schwerpunkt Zentraler Austausch via Videokonferenz (v.l.n.r.): Klaus Müller (Geschäftsführer), Florian Seher (Hausleiter), Markus Schrott (Gesamtleitung Bregenz), Winfried Grath (Verwaltungsleiter und Wirtschaftlicher Leiter), Doris-Kollar Plasser (Regionalleiterin), Philipp Graninger (Hausleiter), Stefanie Freisler (Hausleiterin), Thomas Adler (Hausleiter) und Bernadette Peitler (Hausleiterin). Herr Grath, wie ging es denn den Verantwortlichen der Liebenau Österreich zu Beginn der Corona-Krise? Winfried Grath: Im März rollte die Corona-Welle wie ein Ts u­ nami auf uns zu und wir versuchten uns einen Überblick zu verschaffen. Wir fragten uns: ‚Was passiert als nächstes?‘ und vor allem: ‚Welche Informationsquellen sind verlässlich?‘ Trotz der schnell anwachsenden Informationsflut sahen wir uns gezwungen, schnell zu handeln. Keine Situation, die man sich wünscht. Ganz bewusst haben wir uns gleich zu Anfang an die Fachexpertisen, zum Beispiel des Robert-Koch-Institutes (RKI), gehalten. Das hat uns Sicherheit in unseren Entscheidungen gegeben. War denn ausreichend Schutz au s rüstung vorhanden? Da ging es uns auch nicht besser als anderen sozialen Trägern. Falls wir in den ersten Tagen der Pandemie einen Corona-Ausbruch an einem Standort in voller Wucht hätten verzeichnen müssen, wären wir vermutlich nicht ausreichend geschützt gewesen. Das war eine schrecklich heilsame Erkenntnis! Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt und sofort eigene Zentral lager in den verschiedenen Bundesländern aufgebaut. Teils haben wir zuerst sehr hemdsärmelig gearbeitet: Als wir keine Schutzbrillen mehr bekommen konnten, haben wir sie kurzerhand mit Laminierfolie und Gummi in Handarbeit erstellt. Auch Mund-Nasen-Schutz-Masken haben wir selbst genäht und als die Schutzmäntel nicht zu beschaffen waren, haben wir notdürftig handelsübliche Regenüberzüge organisiert. Zum Glück besserte sich unsere Versorgungslage aufgrund unserer Kontakte schnell und auch die Landesstellen konnten Lager aufbauen. Heute fühlen wir uns gut gerüstet. Homeoffice ist nun in aller Munde, auch in der Stiftung Liebenau in Österreich? Für unsere direkten Aufgaben zum Wohl der Menschen ist Homeoffice natürlich keine Alternative, aber sehr wohl für die Bürotätigkeiten. Wir statteten zahlreiche Mitarbeiter mit Laptops und Sticks aus. Zeitweise hielten wir die Verwaltungen nach außen geschlossen, um sicher und beständig arbeiten zu können. Mittlerweile arbeiten einige unserer Verwaltungsmitarbeiter fix einen Teil im Homeoffice. Wie lief es mit der internen Kommunikation? Als wir beim Stiftungstag 2018 die digitale Zukunft in den Fokus nahmen, war noch nicht abzusehen, dass der soziale Bereich so schnell von den neuen Kommunikationsmitteln profitieren würde. Unsere Standorte in Österreich sind weit gestreut, da will Kommunikation per se gut geplant sein. Doch nun konnten Sitzungen der Führungskräfte, Jour-Fixe mit den Hausleitern, interne Abstimm-Termine oder Schulungen nicht mehr wie gewohnt abgehalten werden. Gleichzeitig war der Kommunikationsbedarf riesig. Deshalb richteten wir schon früh einen Krisenstab ein, der sich per Videokonferenz, in der ersten Zeit sogar täglich, abstimmte. Die Informationen wurden gefiltert und per Mailverteiler an die Verantwortlichen weitergeleitet. Welche Stärken oder auch Schwächen zeigte das Management der Liebenau Österreich? Es war in jedem Fall eine Prüfung für unsere Organisationskultur. Doch unsere Kultur, die einzelnen Häuser in ihrer Autonomie zu stärken, hat sich bewährt. Die Teams an den jeweiligen Standorten haben vom ersten Tag an Eigenverantwortung übernommen und ganze Arbeit geleistet! Der zentrale Krisenstab koordinierte die Infos und den Austausch, hörte vor allem auch zu und fragte immer wieder nach: ‚Wie geht es euch gerade?‘, ‚Was sollen wir zentral abstimmen?‘ und ‚Was braucht ihr?‘ Das war wichtig und richtig, denn so konnten viele mutige, kreative und individuelle Lösungen realisiert werden. Das heißt, Sie haben die Prüfung bestanden? (lacht) Ja, diese Prüfung haben wir bestanden. Mehr noch: Durch die Krise sind wir noch einmal ein Stück enger zusammengewachsen. Sehen das die Mitarbeiter vor Ort genauso? Das wird wohl unterschiedlich sein. Zum Teil entsprachen die Dienstpläne nicht mehr vorrangig den Interessen der Mitarbeiter, sondern reagierten vor allem auf die besonderen Umstände. Aufgrund von Corona-Verdachtsfällen fielen zum Teil ganze Teams aus, für die andere Mitarbeiter einspringen mussten. Hinzu kamen Angst und Sorgen aus dem privaten Umfeld: ‚Was mache ich mit meinem Kind, das jetzt zuhause ist?‘ oder: ‚Kann ich meine Oma zuhause noch weiter betreuen?‘ oder: ‚Bin ich selbst gefährdet?‘ waren Fragen, die nun auch im beruflichen Alltag eine Rolle spielten. Aufgabe der Führungskräfte war es, genau hinzuschauen, was jeder Mitarbeiter individuell an Unterstützung brauchte. Wichtig war auch, als Ruhepole klare Orientierung zu bieten, die Mitarbeiter und damit das Team zu stärken. Genau darum geht es auch in unseren Teamentwicklungsschulungen. anstifter ÖSTERREICH 2 | 2020 5

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