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Anstifter 2, 2020 der Stiftung Liebenau Österreich

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Schwerpunkt Doch dann

Schwerpunkt Doch dann wurde der Ruf nach Lockerungen lauter… Ja, nach Ostern haben uns vermehrt Beschwerden von Bewohnern, Angehörigen und Beschäftigten aus den Einrichtungen erreicht. Die vielen Erlässe und Verordnungen des Bundes haben zunehmend für Verwirrung und Verunsicherung gesorgt. Auch die Kommunikation durch den Krisenstab des Landes Oberösterreich war aus Sicht der Betroffenen leider nicht immer ideal. Daher war der erste Lockerungsschritt rund um den Muttertag für die Bewohner und Angehörigen gemeinsame Aktivitäten abgesagt werden und die Besuche von Angehörigen ausbleiben. Abgesehen davon, dass ihre körperlichen, geistigen und sozialen Fähigkeiten nicht mehr wie gewohnt gefördert werden, fühlen sie sich vor allem einsam. Da haben Sie Recht. Gerade für Seniorinnen und Senioren waren die Einschränkungen hart. Nicht nur für jene, die in Pflegeheimen untergebracht sind, sondern auch für die, die zuhause leben. Mehrere Wochen die Kinder und Enkelkinder nicht treffen zu können, war schlimm. Die Vereinsamung älterer Menschen ist aber insgesamt ein großes Problem in unserer Gesellschaft. Daher beschäftigen wir uns intensiv damit, wie wir dieser Entwicklung zum Beispiel mit neuen Betreuungsformen und neuen Möglichkeiten gesellschaftlicher Kontakte entgegenwirken können. Hat die Krise selbst nicht schon neue Formen an Kontakt ­ möglichkeiten hervorgebracht? Ja, zum einen natürlich die Videotelefonie, die ja auch die ältere Generation erreicht hat. Eine weitere positive Entwicklung in den Wochen des Lockdowns war, dass sehr schnell Nachbarschaftshilfen ins Leben gerufen worden sind. Gerade für ältere Menschen war das wichtig. Ich denke, dass diese freiwilligen Netzwerke und die Kontakte, die dadurch geknüpft wurden, auch künftig bestehen bleiben werden. Landesrätin Birgit Gerstorfer eine große Erleichterung. Auch die zweite Lockerung, die Besuche außer Haus wieder möglich machte, war ein ganz wichtiger Schritt in Richtung Normalität. Die Einhaltung der Sicherheits-Auflagen muss natürlich kon trolliert werden und so brachten diese Erleichterungen wieder neue, zusätzliche Arbeitsbelastungen für die Beschäftigten mit sich. Daher möchte ich mich beim Pflegepersonal aufrichtig bedanken. Ein großes Lob auch an alle anderen Mitarbeitenden in der Verwaltung, dem Reinigungs- und Küchenpersonal für ihr großes Engagement. Auch wenn sie besonderen Schutz brauchen, können doch gerade ältere Menschen, vor allem jene mit Demenz, die Schutzmaßnahmen im Zuge der Covid-19-Pandemie nicht wirklich begreifen. Sie haben erlebt und erleben noch, dass Während des Lockdowns haben keine Heimkontrollen stattgefunden. Gibt es Hinweise auf Folgen? Wenn ja: Welche? Vorweg: Bewohner, Mitarbeiter und Angehörige können sich bei Problemen jederzeit an mich oder die Heimaufsicht wenden. Beschwerden, Wünsche oder Anregungen werden auf Wunsch natürlich auch anonym behandelt. Ich kann versichern, dass wir jeder Meldung konsequent nachgehen. Während des Lockdowns im März und April wurden die Routinekontrollen zurückgefahren, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Routinekontrolle heißt: Heime werden stichprobenartig kontrolliert, auch wenn kein konkreter Beschwerdefall vorliegt. Die Mitarbeitenden der Heimaufsicht waren aber auch in dieser Zeit in ständigem Kontakt mit den Pflegeheimen und Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, da das Corona-Virus uns laufend vor Entscheidungen stellte. Das Kontrollnetz war zu jeder Zeit eng gespannt. Seit Mai finden wieder verdichtete Kontrollen statt. Berufe in der Pflege und Betreuung sind systemrelevant. Das hat die Gesellschaft mit Applaus anerkannt. Wie wirkt sich diese Anerkennung nun politisch aus? In Bezug auf Entlohnung, Arbeitsbedingungen oder Ausbildungsplätze? Die abgeschlossenen Pflegeverhandlungen sind ein erster wichtiger Schritt in Richtung fairere Löhne und bessere 12 anstifter ÖSTERREICH 2 | 2020

Schwerpunkt Arbeitsbedingungen. Jetzt gilt es aber dranzubleiben. Wir brauchen mehr Personal, damit zum Beispiel das ständige Einspringen wegfällt, die Freizeit planbarer wird und der Arbeitsdruck sinkt. Da ist noch viel Luft nach oben, damit man seinen Beruf und seine Berufung auch langfristig ausüben kann und neben der Pflege auch die Betreuung der Bewohner nicht zu kurz kommt. Nur so können wir Menschen überzeugen, in die Altenpflege zu gehen. Die Ausbildungsplätze dafür sind jedenfalls vorhanden: Wir arbeiten hier intensiv mit dem AMS Oberösterreich zusammen, und haben im Juli neue Förderprogramme gestartet, insbesondere für interessierte Quereinsteiger. Binnen kürzester Zeit haben sich aufgrund dieser neuen Kooperation 300 Personen gemeldet, die sich für eine Pflegeausbildung interessieren. Das ist ein beachtlicher Erfolg und knüpft an die seit 2019 laufende Ausbildungsoffensive für Pflegeberufe an – alleine dadurch konnten wir die Anzahl der Ausbildungsplätze nahezu verdoppeln. Inwiefern wird sich ein möglicher zweiter Lockdown für die Bewohner, Pflegekräfte und Angehörigen vom ersten unterscheiden? Da wir aus dem ersten Lockdown massiv gelernt haben, wird sich – sollte es einen geben – ein zweiter deutlich vom ersten unterscheiden. Was die Schutzmaßnahmen betrifft, haben wir einen Mehrstufen-Plan erarbeitet. Wir können künftig viel schneller, regionaler und effizienter reagieren. Leider ist das Virus noch immer unter uns, unsere Einrichtungen und ihre Bewohner müssen daher weiterhin bestmöglich geschützt werden. Hier muss jeder seinen Teil dazu beitragen. Zusätzlich muss es endlich die von der Bundesregierung versprochenen Testungen geben. Denn nur so werden wir einen zweiten Lockdown verhindern können. (eb) Vielen Dank für das Gespräch, Frau Gerstorfer! Hauseigene Maskenproduktion Mundschutz Sowohl im St. Josefshaus in Gaißau als auch im Haus St. Josef in Gmunden ergriffen die Hausleiter und ihre Teams die Initiative und produzierten diese angesichts des Maskennotstands einfach selbst. „Die Unsicherheit und Sorge um die eigene Gesundheit und die der zu Betreuenden ließen nur schnellstmögliche Lösungskonzepte zu“, beschreibt Wohnbereichs leiterin Rosaria Helfer die Situation. Unterstützung kam spontan auch aus pflegefremden Bereichen: So schlossen sich in Vorarlberg Firmen zusammen und entwarfen ein Material, das den Sicherheitsstandard genügte. „Beseelt durch so viel Unterstützung von außen fanden sich auch gleich viele fleißige Hände, die in eine Nacht- und Nebelaktion unzählige Mund-Nasen-Schutz- Masken für unsere Belegschaft nähten“, berichtet Rosaria Helfer. Neben den Masken wurden auch Schutzvisiere her gestellt. „Ein solidarisches Miteinander, das uns Pflegekräften in dieser Zeit viel Kraft schenkte und mutig sein ließ“, so Frau Helfer. anstifter ÖSTERREICH 2 | 2020 13

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