Mediathek der Stiftung Liebenau
Aufrufe
vor 2 Jahren

Anstifter 2, 2019 der Stiftung Liebenau

  • Text
  • Haus
  • Betroffenen
  • Behinderungen
  • Pflege
  • Freiheit
  • Kinder
  • Anstifter
  • Menschen
  • Stiftung
  • Liebenau
Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Pflege und Lebensräume, Service und Produkte sowie Teilhabe.

Stiftung Liebenau Eine Lobbyistin für „ihre Lüt“ Im Aufsichtsrat der Stiftung Liebenau ist Dr. Gabriele Nussbaumer so etwas wie die „Stimme Österreichs“. In ihrer Heimat, jenseits des Bodensees, kennt man die ehemalige Landtagspräsidentin von Vorarlberg vor allem als Verfechterin von Inklusion und Teilhabe. Eigentlich sei sie gar nicht der Typ für die Politik gewesen. Gerichtsreporterin wurde sie „nur“ aufgrund eines Ausbildungsstopps für Richter. Selbst das Jurastudium habe sie eher zufällig abgeschlossen. Für eine Frau, die Karriere gemacht hat, klingt das fast etwas halbherzig. Und genau das ist es auch, denn das bestimmende Thema im Leben von Dr. Gabriele Nussbaumer ist weniger die Selbstverwirklichung, sondern der Einsatz für Menschen mit Behinderungen. Dieses Engagement ist tief in ihrer Biografie verwurzelt. Geboren wird Gabriele Nussbaumer in Lochau, nur eine kurze Tretbootfahrt von der deutschen Grenze entfernt. Dort wächst sie mit vier Geschwistern auf, darunter ein älterer Bruder, der mit einer schweren Behinderung auf die Welt gekommen ist. An eine Einrichtung, die die Familie entlasten könnte, ist im Österreich der späten 50er-Jahre noch nicht zu denken. „Auf der einen Seite bedeutete das für uns große Einschränkungen, was Urlaube und Familienfeste betraf, auf der anderen Seite hatten wir aber auch diesen besonderen Zusammenhalt in der Familie“, erinnert sich Gabriele Nussbaumer. Dass der Umgang für Menschen mit Behinderungen zum „roten Faden“ ihres Lebens werden würde, kann sie da noch nicht ahnen. Nach der Matura wird Gabriele Nussbaumer Volksschullehrerin, als sich auch ihr eigener Kinderwunsch erfüllt. Bei der Geburt kommt es jedoch zu Komplikationen. „Aufgrund von Sauerstoffmangel kam mein Sohn Robert mit leichten motorischen und starken intellektuellen Einschränkungen zur Welt“, sagt Gabriele Nussbaumer. Zu dieser Zeit hat sich in Österreich aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement bereits die Lebenshilfe entwickelt. Ein Verein, der als Interessenvertretung für Menschen mit Behinderungen agiert, darüber hinaus aber auch unterstützende Dienstleistungen anbietet und Häuser betreibt. „Ich habe mich dann dort engagiert und bin zunächst Obfrau in einer kleinen Einrichtung in Feldkirch geworden“, sagt Nussbaumer. Den Job als Lehrerin gibt sie damals auf. „Bei uns in der Familie war einfach klar: Frauen bleiben bei den Kindern. Das war sehr traditionsbewusst.“ Mit der Geburt ihrer Tochter wird der Wunsch nach einem Ausgleich zur fordernden Haushaltsführung dann aber immer größer. „Jura war meine Profession, das habe ich immer gewusst, also begann ich, nebenher zu studieren. An der Uni hat man mich aber nur zu den Prüfungen gesehen, das ging damals“. Sie promoviert schließlich und beginnt für die Vorarlberger Nachrichten Gerichtsberichte zu schreiben. Ihr Talent, komplizierte Vorgänge in eine verständliche Sprache zu übersetzen, bleibt nicht lange unentdeckt. Die Österreichische Volkspartei fragt an, ob sie für den Vorarlberger Landtag kandidieren wolle. „Meine erste Reaktion: Auf keinen Fall! Dann wurde ich jedoch damit geködert, dass ich für meine Lüt – die Menschen mit Behinderungen – viel mehr erreichen kann, wenn ich an den Schalthebeln sitze.“ Eben jene Schalthebel setzt sie schließlich in Bewegung und reformiert, gemeinsam mit Betroffenen und Trägern, das 40 Jahre alte „Behindertengesetz“ von der Basis her. Als „Chancengesetz“ wird es zu ihrem politischen Vermächtnis. Nach 19 Jahren im Vorarlberger Landtag, davon zwei Jahre als Präsidentin, genießt Gabriele Nussbaumer nun ihre Pension: „Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, wenn ich keine Termine habe und am Morgen überlegen kann, was ich jetzt mit dem Tag tue“, sagt sie und klingt dabei alles andere als halbherzig. (dk) 4 anstifter 2 | 2019

Stiftung Liebenau Heute schon gelacht? von Prälat Michael H. F. Brock Es gibt viele Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen. Erwachsene sind selbstständig, oder können es zumindest sein. Kinder sind angewiesen auf Menschen, die es gut mit ihnen meinen. Erwachsene auch, erwiderst du. Stimmt. Aber viele kommen auch ohne Angewiesenheit aus. Leider. Manche meinen, das mache das Erwachsensein aus. Natürlich ein Irrtum, aber manche meinen es. Kinder können nicht sprechen, nicht, wenn sie auf die Welt kommen. Eine große Herausforderung für uns Erwachsene. Welche Worte werden wir ihnen beibringen? Und in welchem Tonfall werden wir mit ihnen sprechen, den Kindern. Hoffentlich glauben sie uns nicht jedes Wort. Hoffentlich finden sie ihre eigene Sprache, eine liebevolle, verantwortungsvolle zärtliche Sprache. Unsere Kinder werden verhungern, wenn wir Erwachsenen ihnen nichts zu essen geben. Das ist keine Binsenweisheit, das ist bittere Realität jeden Tag. Jeden Tag sterben Kinder des Hungers wegen, und der dummen Worte wegen, mit denen wir uns dafür rechtfertigen, dass es uns bis heute nicht gelungen ist, Menschen wenigstens satt zu bekommen. Es gibt keine Entschuldigung dafür, aber so ist die Welt der Erwachsenen. Wir finden immer wieder Ausflüchte dafür, dass wir es nicht hinbekommen. Ich sage dazu: nicht hinbekommen wollen. Kinder können sich auch nicht selbst beschützen. Nur zu dumm, dass die meisten Erwachsenen das auch nicht können oder wollen: Menschen beschützen. Vielen genügt der Selbstschutz. Nur geht der meist auf Kosten anderer. So, jetzt ist Schluss mit trüben Gedanken. Kinder lachen. Erwachsene lachen auch. Kinder ungefähr 100 Mal am Tag. Erwachsene bringen es gerade einmal auf 10 Mal. Merken sie was? Je älter wir werden, desto mehr vergeht uns das Lachen. Weil ich es aber wieder haben will, das Lachen, forsche ich nach. Kinder lachen spontan, sie lachen, weil sie lachen wollen. Kinder wollen glücklich sein, instinktiv. Das soll jetzt nicht heißen, dass Erwachsene nicht glücklich sein wollen. Aber augenscheinlich stellen sie sich weit ungeschickter dabei an. Lachen öffnet, befreit, ist spontan, macht aber auch angreifbar. Und genau das scheint mir ein wesentlicher Punkt. Erwachsene lassen sich nicht gern in die Karten schauen, oder ins Herz, schon gar nicht in ihre Gedanken. Da sind Kinder freigiebiger: Sie lachen spontan, herzlich, unverkrampft. Irgendwie immer mit dem Vertrauen, dass ihre Offenheit nicht benutzt wird, oder ausgenutzt. Lachen ist eine Frage des Vertrauens. Kaum ein Kind, das die Mundwinkel nach unten hängen lässt. Bei meinen ist es noch nicht entschieden, der rechte hängt ein wenig tiefer als der linke. Kein Wunder, die linke Seite ist ja auch die Herzseite. Und Lachen kommt vom Herzen. Ich gebe es noch nicht auf. An manchen Tagen komme ich schon auf über zwanzig Mal Lachen. Immerhin. Und wie steht es bei Ihnen? Werdet wie die Kinder, heißt es. Nun denn: ein paar Mal mehr Vertrauen, einige Worte der Zuneigung, und das jeden Tag. Das wäre was. Wir würden das Lachen wieder lernen und das Vertrauen. anstifter 2 | 2019 5

Stiftung Liebenau Österreich