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Anstifter 2, 2019 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Pflege und Lebensräume, Service und Produkte sowie Teilhabe.

Schwerpunkt Acht Gaben

Schwerpunkt Acht Gaben sollst du haben Das brauchen Mitarbeitende, wenn sie in ihrer Arbeit mit Gewalt konfrontiert sind Acht Gaben haben Hubert Gärtner, Psychologischer Fachdienst, und Stephan Becker, Heilpädagogischer Fachdienst, gen auf emotionaler und persönlicher Ebene einlassen. Die- sein und sich andererseits auf Jugendliche mit Behinderun- identifiziert. Beim Fachtag „Hilfe – Gewalt!“ im Februar 2018 ser Konflikt zeigt sich besonders deutlich beim Umgang mit Gewalt. stellten sie diese Gaben vor, frei nach einem Lied des Liedermachers Gerhard Schöne: Geduld, Stolz, Balance, Frechheit, Frechheit: Der kreative und freche Umgang mit den Symptomen einer Störung, mit Situationen, in denen Fachkräfte Geheimnis, Traum, Mut und Zusammenhalt. scheinbar ausweglos mit Gewalt konfrontiert werden, kann durchaus angebracht sein. In Bezug auf die Dynamik einer Geduld: Gewalt beschleunigt Prozesse, schafft Fakten. Aktionismus und hektisches Mitagieren sind aber keine Ansätze, das Entfernen aus der Situation sein. Auch Humor, eventuell eskalierenden Situation mag eine unkonventionelle Art etwa wenn Jugendliche sich wiederholt unbeherrscht und bedrohlich zeigen. Um größeren Schaden zu vermeiden, ist in der rung bewirken. eine direkte Ansprache oder Ignorieren können eine Verände- akut bedrohlichen Situation beherztes, schnelles und deeskalierendes Verhalten enorm wichtig. die Ressourcen des Anderen unbedingte Voraussetzung. Mit Geheimnis: Für jede Erziehungsabsicht ist das Vertrauen in Stolz: Erlebnisse und Rückmeldungen, die uns stolz heilpädagogischen und therapeutischen Angeboten lässt sich machen, stärken unsere Eigenständigkeit. In der pädagogischen Arbeit treffen Mitarbeitende jedoch häufig auf Zwangs- gleichförmig fortsetzen: Scheitern, Aufgeben und Zurückfallen Entwicklung zwar in Gang bringen. Diese wird sich jedoch nie kontexte und Anforderungen von außen. Klar vereinbarte sind unvermeidbare Kennzeichen jeder Entwicklung. Grenzen und transparente Handlungswege schützen dabei Traum: Das Leben mancher Klienten scheint überladen mit sowohl Klienten als auch Mitarbeiter. Was auszuhalten geht, Misserfolgen, Missverständnissen oder Zurückweisungen. bestimmen Mitarbeitende, nicht andere. Zuwendungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stoßen Balance: Die Vermittlung von Nähe und Distanz ist Voraussetzung für die pädagogische Arbeit mit Betreuten. Fachkräf- ansteckend sein. Um diese Dynamik zu erkennen, braucht es nicht selten auf Ablehnung. Das Gefühl des Misstrauens kann te müssen sich ihrer professionellen Rolle einerseits bewusst besondere Feinfühligkeit und fachliche Reflektion. Veränderung ist nur zu erreichen, wenn Perspektiven und lohnende Ziele gefunden werden. Mut: Sich zur Vermeidung von Gewalt-Eskalationen rechtzeitig Hilfe zu holen, klingt zwar banal und selbstverständlich. Dennoch erfordert das Eingeständnis der eigenen Angst, das Anerkennen von eigenen Grenzen oder die Reflexion von Verstrickung besonderen Mut. Zusammenhalt: Zusammen etwas auszuhalten, Lösungen zu finden und erzieherische Erfolge zu erzielen, ist für ein Wohngruppenteam allein oft nicht möglich. Mehrere Stellen müssen eingeschaltet werden, die ihre Kompetenzen mit einbringen. Neben den Beteiligten wie Eltern, Sozial- und Jugendamt sind womöglich auch Psychiatrische Praxen für Kinder und Jugendliche, Kliniken oder Beratungsstellen sowie die supervisorische Betreuung der Teammitglieder eine sinnvolle Zusammenhalt im Team und die Kompetenzen anderer Stellen sind wichtig für erzieherische Erfolge. Erweiterung. (ao) 18 anstifter 2 | 2019

Schwerpunkt Autonomie: aber sicher Bewegungsfreiheit durch technische Innovation Im Alter möchten Menschen so lange wie möglich ihre Autonomie behalten, ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Abnehmende körperliche oder auch geistige Kräfte machen das aber zunehmend schwieriger. Für Angehörige wie für Pflegeprofis stellt sich dann häufig die Frage, was schwerer wiegt: der Respekt vor dem Autonomiebedürfnis oder der Schutz vor Gefährdung. Notruf-Tags oder Niederflurbetten mit Sensormatten helfen beim Erhalt der Bewegungsfreiheit. Die Szenen sind bekannt: Eine an Demenz erkrankte Seniorin verlässt auf der Suche nach dem alten Zuhause immer wieder das Pflegeheim, findet aber weder den Weg dorthin noch wieder zurück ins Heim. Oder der alte Herr, der schon mehrmals beim nächtlichen Aufstehen aus dem Bett gefährlich gestürzt ist. Statt verschlossener Haustüren oder Bettgittern gibt es heute eine Reihe von technischen Systemen, die helfen können, so viel Bewegungsfreiheit wie möglich zu erhalten. Im Folgenden sind einige Beispiele aus deutschen und österreichischen Häusern der Pflege dargestellt. Pflegebetten sind meist vom Werk aus mit einem hochziehbaren Bettseitenschutz ausgestattet. Sie dienen dem Schutz der Betroffenen, werden aber von vielen als drastische Freiheitseinschränkung erlebt. Ihr Einsatz bedarf daher der gerichtlichen Genehmigung (siehe auch S. 14). Heute werden sie so gut wie nie mehr hochgezogen. Stattdessen wurden moderne Niederflurbetten angeschafft, die geringere Höhe reduziert Sturzfolgen. Damit sich Bewohnerinnen und Bewohner nicht verlaufen, gibt es in den österreichischen Häusern der Pflege Weglaufschutz-Systeme an den Haupteingängen. Pflegekräfte werden über die Rufanlage automatisch informiert, wenn jemand das Haus verlassen möchte, und können diese Person dann begleiten. Eine ähnliche Funktion haben so genannte „Alarm-Matten“, die vor die Zimmertür gelegt werden. Auch digitale Technologie in der Pflege nimmt zu. So wird zum Beispiel gerade der intelligente Rollator RABE entwickelt, der autonom kurze Strecken zurücklegen und bei Steigungen unterstützen kann. Dieser Rollator könnte zum Beispiel nachts selbsttätig zum Bett heranfahren, wenn jemand zum Toilettengang aufstehen muss. Mithilfe der Einblendung visueller Hinweise (mit Lasern auf den Boden projizierte Linien) könnten Parkinson-Patienten Gehblockaden überwinden. An dem Projekt, das aus Drittmitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wird, sind Partner aus Industrie, Wissenschaft und Praxis beteiligt. Die Stiftung Liebenau erprobt die Prototypen in ihrem Haus der Pflege St. Josef in Meckenbeuren-Brochenzell. Im Bereich des Service-Wohnens können inzwischen so genannte Smart-Home-Systeme eingebaut werden. Neben einer automatischen Herdabschaltung, einem automatisch einschaltenden Wegelicht und einem Notruftaster am Bett können Sensoren weitere Informationen übermitteln: etwa eine individuell ungewöhnliche Bewegungsaktivität oder keine Rückkehr ins Bett in der Nacht. Für solche Fälle kann dann eine entsprechende Reaktion vereinbart werden. (hr) anstifter 2 | 2019 19

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