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Anstifter 2, 2018 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Lebensräume, Pflege, Service und Teilhabe.

Schwerpunkt Seit über

Schwerpunkt Seit über 20 Jahren sind Conni und Horst Peter glücklich verheiratet. Der Mann fürs Leben Menschen mit Behinderungen geben sich das Eheversprechen Conni Peter erinnert sich noch ganz genau an die erste Begegnung mit „ihrem“ Horst, dem Mann mit dem strahlenden Gesicht. „Als ich ihn das erste Mal sah, hat es sofort geknallt“, sagt sie lachend. „Ich bin stolz, dass ich den Mann für mein Leben kennengelernt habe.“ Das war vor etwa 25 Jahren, geheiratet haben sie im Mai 1997. Conni Peter lebt in Rosenharz in einer Wohnung und wird ambulant von der Stiftung Liebenau begleitet. Ihr Mann wohnt seit etwa zwei Jahren in Liebenau im Haus St. Pirmin. Der 81-Jährige benötigte nach zwei Oberschenkelhalsbrüchen umfangreichere Pflege. Um für ihn da sein zu können, hat die heute 63-Jährige sogar ihre Arbeit aufgegeben. Eine Zeitlang konnte sie ihn noch in der gemeinsamen Wohnung versorgen. „Mein Mann kommt als erster: Ich will, dass es ihm gut geht.“ Doch irgendwann ging es nicht mehr. Nach ausgiebiger Suche fand sich der Platz im Haus St. Pirmin. Horst Peter sitzt größtenteils im Rollstuhl. Lediglich kurze Strecken kann er noch gehen. Dem Gespräch folgt er aufmerksam und nickt oft zustimmend zu den Ausführungen seiner Frau. Ihren Mann abzugeben, habe ihr das Herz gebrochen. „Rotz und Wasser habe ich geheult.“ Inzwischen haben sich die beiden an die Situation gewöhnt. Mit dem Bus fährt Conni Peter zweimal die Woche von Rosenharz nach Liebenau und besucht dort ihren Mann. Bei schönem Wetter machen sie Spaziergänge, gehen Kaffeetrinken oder zum Tiergehege. Manchmal spielen sie, Mensch-ärgere-dich-nicht oder Memory. Conni Peter ist versöhnt und froh, dass ihr Mann gut versorgt ist. „Seit er hier ist, ist es gut. Ich kann in den Zug einsteigen, ohne mir Gedanken machen zu müssen“, meint sie, wenn sie zum Beispiel ihre Schwester in Köln besucht. Vorübergehend konnte sie sogar in die gleiche Gruppe einziehen. Nach einer schweren Erkrankung braucht sie hier Kurzzeitpflege. Bevor die beiden sich kennengelernt haben, gingen zwei Beziehungen von Conni Peter in die Brüche. Gewusst habe sie aber immer, dass sie in ihrem Leben eine feste Partnerschaft haben möchte. Auf ihren Horst traf sie, als sie überhaupt nicht damit gerechnet hat. Als er noch mobil war, waren sie oft unterwegs. Ihre Hochzeitsreise führte sie nach Assisi. Andere Urlaube verbrachten sie in Lourdes oder auf Mallorca. Conni Peter gefällt an ihrem Mann, dass er immer hilfsbereit war und ihr oft im Haushalt geholfen hat. Sie hätten auch nie Streit, was er nickend bestätigt. Am besten gefällt ihr noch immer sein Strahlen, sein Lächeln. Über zwanzig Jahre ist die Hochzeit her. Der Tag sei „herrlich“ gewesen. Die Gaststätte übervoll mit Freunden, viele von ihnen aus Rosenharz, die mit dem Paar feierten. Der Rosenharzer Singkreis habe toll gesungen. Und nach anfänglichen Wetterkapriolen habe sich die Sonne von der besten Seite gezeigt. Dass Menschen mit einer geistigen Einschränkung heiraten, war damals eine Besonderheit. Conni Peter musste sich daher kritische Fragen gefallen lassen. Doch sie ließ sich nicht beirren. „Ich mag den. Ich nehme ihn an.“ Das gilt bis heute. Horst Peter sitzt neben ihr im Rollstuhl. Er strahlt sie an, sie strahlt zurück. (ao) 14 anstifter 2 | 2018

Schwerpunkt Zwischen Wunsch und Wirklichkeit Fachliche Begleitung von Müttern mit Kind Menschen mit Behinderungen lieben und leben in Partnerschaften. Und sie bekommen Kinder. Wie die meisten Eltern möchten auch sie, dass das eigene Kind bei ihnen aufwächst. Um das Kindeswohl sicherzustellen, bedarf es allerdings einer Begleitung der Eltern im Alltag. Eine Möglichkeit ist das Betreute Wohnen in Gastfamilien (BWF). Regine van Aken von der Stiftung Liebenau ist erfahrene Fachfrau und Ansprechpartnerin. „Ein Mädchen kenne ich seit 16 Jahren“, erzählt Regine van Aken auf die Frage, wann sie die erste Familie begleitet hat. Die junge Frau macht demnächst Mittlere Reife. Die Förderung durch die Gastfamilie, in der sie und ihre Mutter leben, hat ihr mit einer guten Schulausbildung den Weg in die Zukunft geebnet. Voraussetzung für die Gastfamilien sind nicht nur Motivation und Ressourcen, sich um die Förderung der Kinder zu kümmern, sondern auch genügend passender Wohnraum für die zweite Familie. Regine van Aken begleitet die Lebenswege der betreuten Mütter und Kinder oft über eine lange Zeit. Zum Beispiel den der 31-jährigen Martina Breske. Die besondere Herausforderung für die Gastfamilie in diesem Fall: Der achtjährige Sohn hat ebenfalls eine Behinderung. Regine van Aken: „Dass das Kind auch eine Einschränkung hat, ist eher die Ausnahme. Von den zwölf Eltern mit Einschränkungen, die wir bisher begleitet haben, ist er das erste Kind mit einer Behinderung.“ Der Junge ist bis zum Nachmittag in der Schule, deshalb kann die Mutter halbtags als gelernte hauswirtschaftliche Helferin arbeiten. In den Ferien müssen zusätzliche Hilfen organisiert werden, zum Beispiel durch den Familienunterstützenden Dienst. Anfangs habe die Mutter stärker die Nähe zur Gastfamilie gesucht, mit der Zeit aber sei sie eigenständiger und sicherer geworden. Nun wünscht sie sich, bald in eine eigene Wohnung ziehen zu können. Wenn das klappt, werden Fachkräfte die Kleinfamilie auch in der neuen Wohnform weiterhin begleiten. Die Fachkräfte kennen aber auch ganz andere Konstellationen: Eine Mutter lebte mit ihrer Tochter für etwa drei Jahre in einer Gastfamilie und weitere sechs Jahre in einer eigenen Wohnung mit fachlicher Begleitung. Nach ihrem frühen tragischen Tod kam das heute 14-jährige Mädchen in eine Pflegefamilie. „Prinzipiell soll es jungen Müttern ermöglicht werden, mit ihrem Kind zu leben“, so Regine van Aken. Dass Eltern als Paar zusammenleben, sei eher die Ausnahme. Für sie ist es eine Frage von Gleichstellung und Inklusion, dass Menschen trotz ihrer Behinderungen mit dem eigenen Kind zusammenleben können. Ohne die Einsicht, dass Unterstützung nötig ist, gehe es aber nicht. Manche jungen Frauen mit Behinderungen würden dabei auch die Erfahrung machen, dass das Zusammenleben mit dem Kind anders ist, als sie es sich vorgestellt haben. Wenn sie die Erziehung dann nicht selbst übernehmen können, sucht das Jugendamt eine passende Pflegefamilie für das Kind. Die Mutter hat dann regelmäßige Besuchskontakte. Um auf die jeweilige Situation und Familienkonstellation eingehen zu können, braucht es unterschiedliche Angebote. In Singen etwa hat die Stiftung Liebenau ein Modellprojekt gestartet, bei dem Mütter mit einer psychischen Erkrankung und Mütter mit geistigen Behinderungen in der eigenen Wohnung bei der Erziehung ihres Kinders begleitet werden. Eine Fachkraft unterstützt sie nach dem individuellen Bedarf stundenweise. Das Projekt wird von Aktion Mensch gefördert. In Singen entstehen derzeit drei und in Ulm zwei Wohnungen, in denen Mütter mit ihrem Kind leben können und fachlich begleitet werden. (ao) Gastfamilien bieten Müttern mit Einschränkungen die Möglichkeit mit ihrem Kind zusammenzuleben zu können. anstifter 2 | 2018 15

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