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Anstifter 2, 2014 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Altenhilfe, Behindertenhilfe, Bildung, Gesundheit, Familie und Dienstleistungen.

Gute Lösungen für

Gute Lösungen für Teilhabe finden Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Die Fragen stellte Anne Oschwald TETTNANG – Verena Bentele ist von Geburt an blind. Doch ihre eigene Behinderung hat die 32-Jährige nie abgehalten aktiv zu sein, und dies ausgesprochen erfolgreich: Zahlreiche sportliche internationale Erfolge im Biathlon, aber auch das Studium „Neuere Deutsche Literatur“ sind Beispiele dafür. Am 16. Januar dieses Jahres wurde sie von der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, zur Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen bestellt. Welche Ziele sie für dieses Amt hat, verrät Verena Bentele im Interview. Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Foto: Susi Knoll Frau Bentele, sind Sie selbst schon diskriminiert oder ausgegrenzt worden? Ja, das kommt vor. Mir passiert es leider immer wieder, dass mir Menschen Dinge nicht zutrauen und mich nicht direkt ansprechen, sondern meine Begleitung. Was geht dabei in Ihnen vor? Natürlich ärgert mich das, aber ich versuche vor allem durch Bewusstseinsbildung ein größeres Verständnis zu wecken und offen zu kommunizieren. Sie sind vielen durch Ihre früheren sportlichen Erfolge bekannt. Was bedeutet Sport in Ihrem Leben? Den Leistungssport als Biathletin und Langläuferin habe ich aufgegeben, aber Sport bedeutet mir weiterhin sehr viel. Sowohl als Zuschauerin und Zuhörerin als auch aktiv. Zum Beispiel plane ich in diesem Sommer wieder beim norwegischen Fahrradmarathon von Trondheim nach Oslo dabei zu sein. Ich trainiere dafür, wann immer ich Zeit finde, und will die 540 Kilometer in weniger als 21 Stunden schaffen. Verena Bentele in ihrer aktiven Zeit als Biathletin beim Weltcup Sjusjoen. Verena Bentele bei der Alpenüberquerung 2011 – geradelt mit gebrochenem Arm. Foto: privat 20 Menschen mit Behinderung

Verena Bentele bei der Ernennung zur Behindertenbeauftragten durch Arbeitsministerin Andrea Nahles. Foto: BMAS Sie sind unweit des Sitzes der Stiftung Liebenau geboren und aufgewachsen. Welchen Bezug haben Sie zu dem Sozialunternehmen? Die Stiftung ist in meiner Heimat einer der bekanntesten und etabliertesten Sozialhilfeträger, ich kenne einige der Mitarbeiter der Stiftung, meine Mutter kauft in ihrem Hofladen ein, und ich schätze das Engagement für das gesellschaftliche und soziale Leben in unserer Gegend. Was hat Sie bewogen, das Amt der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung anzunehmen? Ich finde es ist ein tolles Amt. Ich kann hier in vielen Bereichen daran mitwirken, dass wir immer mehr Barrieren, echte und Barrieren in den Köpfen, abbauen. Das hat mich gereizt, ich suche mir gerne neue Herausforderungen und darum habe ich auch nicht lange gezögert, als ich gefragt wurde, ob ich das Amt übernehme. Auf Ihrer Homepage schreiben Sie von Etappenzielen der nächsten Jahre in Bezug auf Ihre Aufgabe für die Bundesregierung. Wie sehen die genau aus? Was liegt Ihnen besonders am Herzen? Menschen mit Behinderungen haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Anliegen. Ich möchte gerne, dass das öffentlich wahrgenommen wird. Das ist eine der größten Herausforderungen. Wenn wir es ernst meinen mit der Teilhabe behinderter Menschen, gibt es keine einfachen Patentlösungen. Mir liegt besonders am Herzen, dass den Menschen mit Behinderungen soviel Unterstützung gegeben wird, wie sie brauchen. Menschen mit Behinderungen sind selbst die Expertinnen und Experten dafür. Das muss respektiert werden, damit Teilhabe möglich wird. Inklusion – eine Jahrhundertaufgabe: Meinen Sie, dass es so ein langer Weg sein wird, bis Menschen mit einer Behinderung von Anfang an und vorbehaltlos Teil unserer Gesellschaft sein werden? Wir sind gerade mitten in einem großen politischen Veränderungsprozess auf der Basis der UN-Behindertenrechtskonvention. Gleichzeitig haben wir uns in Deutschland noch nicht ganz von der jahrzehntealten Fürsorgepolitik verabschiedet. Ich denke, das ist ein langwieriger Prozess. Um mehr Teilhabe zu verwirklichen, brauchen wir teilweise ganz neue Strukturen, die wir erst schaffen müssen, und dafür sollten wir uns einerseits Zeit nehmen, andererseits aber auch nicht zögern bei der Umsetzung. Welche Werte muss eine Gesellschaft aus Ihrer Sicht mitbringen, und welche sozialen sowie finanziellen Rahmenbedingungen muss sie schaffen, um Inklusion möglich zu machen? Das ist eine große Frage, die man nicht kurz beantworten kann. Wir haben uns in Deutschland mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention vor fünf Jahren auf den Weg gemacht. Mehr Teilhabe zu verwirklichen, ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Dazu gehört insbesondere, dass behinderte Menschen die Unterstützung und Assistenz bekommen müssen, die sie benötigen, und zwar ohne Anrechnung des eigenen Einkommens und Vermögens, das gilt für Frühförderung, Schule, Arbeitswelt und Freizeit. Wir haben in Deutschland gute finanzielle und soziale Voraussetzungen, um die Teilhabe aller Menschen zu verwirklichen, das „ob“ steht also nicht mehr zur Debatte. Wir müssen aber noch in vielen Lebensbereichen gute Lösungen finden, wie wir das bewerkstelligen können. Menschen mit Behinderung 21

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