Mediathek der Stiftung Liebenau
Aufrufe
vor 1 Jahr

Anstifter 1, 2021 der Stiftung Liebenau Österreich

  • Text
  • Bewohner
  • Menschen
  • Beziehungen
  • Liebenau
  • Anstifter
  • Stefanie
  • Stiftung
  • Mitarbeiter
  • Bregenz
  • Haus

Schwerpunkt dass die

Schwerpunkt dass die Beziehung über den Moment hinausgeht. Im Rahmen eines entspannten Sich-Kennenlernens sollte die Pflegeperson ein Gefühl dafür bekommen, wer dieser ältere Mensch im Hier und Jetzt ist, in welcher Situation und welcher Stimmung er sich befindet – unabhängig davon, was die Angehörigen berichten. Bedürfnisse können aktiv angesprochen, Ängste und Befürchtungen aktiv bearbeitet werden. der Kindheit – dies fördert Angst. Wenn die Pflegeperson sich nun persönlich angegriffen fühlt und das mit ihrem Verhalten zeigt, so aktiviert sie die tiefsitzende Angst des Bewohners. Er erfährt erneut, dass er sich nicht auf sein Gegenüber verlassen kann; der Konflikt kommt ins Rollen. Es ist die unbedingte Aufgabe der Pflegeperson, das Vertrauen des Bewohners zu gewinnen. Sobald eine vertrauensvolle Basis hergestellt ist, werden Angriffe überflüssig. Und wie schaut es bei längeren Beziehungen zwischen Bewohner und Pflegeperson aus? Individuelle Bedürfnisse müssen konsequent im Zentrum des Handelns stehen. Es gilt: Fordern, aber nicht überfordern. Verständnis entgegenbringen. Geben, aber auch nehmen. Dabei braucht die einzelne Pflegeperson den Rückhalt der Institution, etwa in Form von Gruppenförderungen, die bedürfnis- und stadiengerecht gestaltet sind. Das klingt einleuchtend. Aber wie könnte die Pflegeperson konkret reagieren? Was könnte sie antworten, wenn ein Bewohner zu ihr sagt: „Du bist aber ganz schön fett“ oder: „Du kannst ja nicht mal richtig Deutsch“? Zunächst geht es um die richtige, das heißt kompetente Haltung: Als Pflegeperson muss ich auf Abstand gehen, darf solch eine Beleidigung nicht persönlich nehmen, muss die Situation aushalten und mir sagen: Was, wenn ein Bewohner sich weigert, überhaupt eine Beziehung zu den Pflege- und Betreuungspersonen aufzubauen? ‚Das hat nichts mit mir zu tun. Dieser Mensch hat Angst.‘ In meiner Stimme sollte das kurze Innehalten zu spüren sein. Dann könnte Eine Beziehung aufzubauen, ich zum Beispiel antworten: ‚Das, braucht Zeit. Abhängig von der individuellen Situation und dem Stadium der Demenz kann der Beziehungsaufbau unterschiedlich lange dauern. Hier darf man die Hoffnung und die Geduld nie verlieren. Meist liegt die Weigerung, Univ. Prof. Dr. Stefanie Auer was Sie gesagt haben, verletzt mich‘ und versuchen, mit dem Bewohner in Kommunikation zu treten. Die meisten gehen dann einen Schritt zurück. Es geht nicht darum, sich etwas gefallen zu lassen, sondern darum, die Angst, die manchmal als die sich etwa durch Rückzug oder Aggression ausdrückt, darin begründet, dass der Bewohner seine Bedürfnisse nicht Aggression erscheint, in die richtige Richtung zu lenken. Damit das gelingt, braucht es Ausbildung, Qualifika tion, Training. wahrgenommen sieht. Hier unterscheiden sich Menschen mit Demenz nicht von anderen Menschen. Und wenn eine Bewohnerin oder ein Bewohner zudringlich wird und die Pflege- oder Betreuungskraft zum Beispiel Eine Bewohnerin oder ein Bewohner beleidigt die Pflegeoder Betreuungskraft persönlich, zum Beispiel in Bezug auf ihre Herkunft, ihr Aussehen oder ihre Kompetenz. Wie sollte sie reagieren? Wertschätzung ist ein wichtiges Merkmal einer gelingenden Beziehung. Wenn eine Person eine andere Person beleidigt, steckt dahinter meist eine tiefe emotionale Verletzung innerhalb einer Abhängigkeitsbeziehung. Der Angriff ist also eine versteckte Verteidigung gegen neue Verletzungen. Die Verletzung, die dem Bewohner zugefügt wurde, liegt oft weit zurück, manchmal in der Kindheit. Die Bewohnerin oder der Bewohner ist im Pflegeheim in einer ähnlichen Abhängigkeit wie in begrabscht. Wie sollte sie reagieren? Eine junge Pflegeperson kann auf einen älteren Bewohner sehr attraktiv wirken und doch hat das Begrabschen meist nichts mit dem Wunsch nach einer sexuellen Handlung zu tun, sondern vielmehr mit einem Bedürfnis nach Nähe. Ein empörtes ‚Nein!‘ eröffnet dann ein Missverständnis, das zu Ungunsten des Bewohners ausgehen kann. Allerdings gehört es auch nicht zu den Aufgaben einer Pflegeperson, sich begrabschen zu lassen. Deshalb sollte sie im Austausch mit dem Bewohner und dem Team nach den eigentlichen Bedürfnissen forschen. So können etwa Freundschaften zu anderen Bewohnern oder eine neu gestaltete Privatsphäre für Familienmitglieder schon 6 anstifter ÖSTERREICH 1 | 2021

Schwerpunkt das Bedürfnis nach Nähe stillen. Sollte tatsächlich ein sexuelles Verlangen vorliegen, können dies ausgebildete Sexualassistentinnen und -assistenten erfüllen. Was kann sie statt eines ‚Nein!‘ konkret sagen? Sie sagt zum Beispiel: ‚Ich verstehe, dass Sie ein Bedürfnis nach Nähe verspüren. Dem kann ich jedoch nicht nachkommen, bitte haben Sie Verständnis.‘ Das darauffolgende Gespräch kann zu einer weiteren Deeskalation führen. Es könnte etwa mit der Frage ‚Fühlen Sie sich einsam?‘ beginnen. Eine Pflege- oder Betreuungskraft hegt große Sympathien für eine Bewohnerin oder einen Bewohner. Ist das noch professionell? Wie sollte sie damit im Arbeitsalltag umgehen? Eine wichtige Motivation für einen Beruf in der Pflege ist Sympathie. Ohne Sympathie kann man diesen Beruf gar nicht ausüben. Darüber hinaus ist es nur zu menschlich, dass man für einige Menschen mehr Sympathie als für andere empfindet. Dies muss man nicht verleugnen. Extreme Gefühle, auch eine Antipathie zum Beispiel sollten in der Supervision zur Sprache kommen. Dabei lernt die Fachkraft sicher auch viel über sich selbst … Ja, als Pflegeperson – und dies ist ein Privileg dieses Berufs – kann man sich selbst besser kennenlernen und reifen. Diese Chance sollte man unbedingt nutzen! Wann wird eine enge Beziehung zu einer übergriffigen? Wo verlaufen da die Grenzen? Die Professionalität endet dort, wo ich als Pflegekraft von reinen Annahmen ausgehe, ohne sie mit dem jeweiligen Bewohner abgesprochen zu haben. Als Pflegekraft bin ich allerdings auch nicht nur für eine Person zuständig, kann nicht alle Bedürfnisse und Wünsche des Einzelnen immer sofort erfüllen. Da kann es zu Missverständnissen und Konflikten kommen. Deshalb sollte jedes Haus ein klares Sozialkonzept haben. Dazu gehört eine sinnvolle, stadienspezifische Beschäftigung entsprechend den Wünschen des Bewohners und ausreichend körperliche Betätigung. Es gilt, hier auch interdisziplinär zu denken und zu handeln, die Empfehlungen von Psychologen, Ärzten und Soziologen einzubeziehen. Vielen Dank für das Interview, Frau Prof. Dr. Auer! Bewohner beziehungen professionell gestalten Praktische Richtlinien für Pflege- und Betreuungskräfte von Prof. Dr. Stefanie Auer Ich kenne die Diagnose Demenz und das aktuelle Krankheitsstadium des jeweiligen Bewohners Ich verstehe das jeweilige Krankheitsstadium und die entsprechenden Kommunikations bedürfnisse Bevor ich handle, orientiere ich mich konsequent an den Bedürfnissen des jeweiligen Bewohners Ich kenne das Sozialkonzept unserer Einrichtung für Bewohner und Ange hörige sowie die Förderkonzepte für unsere Bewohner Unser Team bezieht Bewohner und Angehörige in die Erstellung des Sozialkonzeptes mit ein In unserem Team reflektieren wir regelmäßig die Beziehungen und Konflikte der Wohngruppe Unser Haus ist offen für die interdisziplinäre Zusammenarbeit Unser Team hat ein klares und professionelles Selbstverständnis Ich beziehe Angriffe eines Bewohners nicht auf meine Person, sondern auf mein Verhalten und handle wertschätzend anstifter ÖSTERREICH 1 | 2021 7

Hier finden Sie Impulse für den Alltag

Anstifter

Stiftung Liebenau Österreich