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Anstifter 1, 2021 der Stiftung Liebenau Österreich

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Schwerpunkt Früher

Schwerpunkt Früher gemieden, jetzt gut besucht Die Beziehung im und zum Pflegeheim im Wandel der Zeit Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich mit dem gewandelten Selbstverständnis des modernen Pflegeheims auch die Beziehungen im und um das Haus verändert: Während das Altersheim zu Beginn der 90er Jahre noch als Armenhaus galt und gemieden wurde, stehen die Häuser der Liebenau Österreich heute im Mittelpunkt des Dorfgeschehens. Drei langjährige Pflegekräfte aus dem Haus St. Anna in Bartholomäberg berichten von diesem Wandel der Beziehungen und lassen ahnen, was die Zukunft bringt. „Früher, da war eine ganz andere Klientel im Pflegeheim“, erinnert sich Angelika Rudigier, die seit über 30 Jahren als Pflegekraft in Bartholomäberg arbeitet. „Da lebten die ledigen Onkel und Tanten, die man nicht mehr zuhause haben wollte, die aber oft noch sehr selbstständig waren und in Landwirtschaft, Küche und Wäscherei mithalfen.“ Diese älteren, meist mittellosen Menschen mit und ohne Behinderungen hatten kaum nahestehende Angehörige und erhielten daher auch nur selten Besuch. „Damals hat man das Armenhaus gemieden“, sagt Claudia Ganahl, stellvertretende Hausleiterin, die auf 21 Jahre Berufserfahrung im Pflegeheim zurückblickt. Und heute? „Geht hier der ganze Ort ein und aus. Allein die Schulkinder sind zwei Mal pro Woche zum Offenen Mittagstisch hier. Mit dem Café sind wir außerdem ein wichtiger Treffpunkt für Jung und Alt, der Mittelpunkt des Ortes.“ Vielfältigere Bewohner – und Themen Während sich die Pflege früher an den Eckpunkten warm, satt und sauber orientiert habe, gehe es heute innerhalb der Wohngruppen mit ihren familiären Strukturen um ganz andere Themen. „Um den Wunsch, noch eine Runde spazieren zu gehen, oder dass man die Enkelin vermisse oder lieber einen anderen Nachtisch hätte“, resümiert Sonja Kasper, die seit 25 Jahren in der Pflege arbeitet. „Ja“, lacht Angelika Rudigier, „die Bewohner sind auf eine gesunde Art anspruchsvoller geworden. Und auch vielfältiger.“ Während die älteren Menschen früher durchweg aus der Region stammten, sei das Einzugsgebiet heute doch um einiges größer. Das betreffe den Beruf, die Bildung, den gesamten biografischen Hintergrund – und eröffne weitere Themenfelder für Gespräche zwischen den Bewohnern, aber auch mit den Pflegenden. „Früher hatten wir einen höheren Männeranteil von über 50 Prozent, heute sind es nur noch 20 bis 30 Prozent an Männern – auch das macht einen Unterschied“, wirft Claudia Ganahl ein. „Allerdings lebten die Männer damals räumlich getrennt von den Damen auf einem anderen Stock“, gibt Angelika Rudigier zu bedenken. „Heute sind richtige Beziehungen unter den Bewohnern möglich und werden gelebt – auch auf sexueller Ebene.“ Mehr digitale Kommunikation – und Körperkontakt Wohin geht die Entwicklung von Beziehungen im Pflegeheim? „Die digitale Kommunikation hat jetzt im Zuge der Corona-Pandemie nochmal einen Schub bekommen“, sagt Sonja Kasper, „Whatsapp-Gruppen im Team und Bewohnerinnen am Tablet werden noch zunehmen.“ Und wie wirkt sich aus, dass die Bewohner mit immer höheren Pflegestufen ins Pflegeheim einziehen? „Da wird sich nichts ändern“, betont Angelika Rudigier. „Es ist ein Grundbedürfnis, geliebt zu werden. Der Wunsch nach Nähe, Zuwendung und Körperkontakt bleibt – und sollte ganz selbstverständlich gelebt werden dürfen.“ (eb) 10 anstifter ÖSTERREICH 1 | 2021

Schwerpunkt Bewohnern bewusst begegnen Praxisnahe Leitlinien für die Mitarbeiter Im Pflege- und Betreuungsalltag gilt es, die Kontakte mit den Bewohnern spontan, kompetent, aber auch empathisch zu gestalten, dabei das richtige Maß an Nähe oder Distanz zu wahren, um schließlich bewohnerorientierte Ziele zu erreichen. „Das ist eine hochkomplexe Angelegenheit“, bestätigt Dr. Dennis Roth, Leiter Qualitätsmanagement, „in der wir unsere Mitarbeiter durch praxisnahe Leitlinien unterstützen.“ Die Grenze zwischen zwei Menschen verläuft dort, wo das Ich endet und das Du beginnt. Sobald wir diese Grenze überschreiten, sei es durch Blicke, Mimik, Gesten, Worte oder Berührungen, treten wir in Kontakt mit dem anderen. Wir können Infos austauschen, Wünsche äußern, an der Gemeinschaft teilhaben. Aber so einfach ist es nicht immer. „Beziehungen, die im Rahmen professioneller Hilfestrukturen des sozialen Dienstleistungswesens stattfinden, unterliegen einigen Besonderheiten“, weiß Dr. Dennis Roth. „Zum einen findet die professionelle Dienstleistung am oder mit dem Menschen nach dem Uno-actu-Prinzip statt.“ Sie können also nicht eingelagert werden wie Produkte, sondern müssen stets spontan produziert werden. Denken, Handeln und Fühlen vereinen Zum anderen geht es in der Pflege und Betreuung immer darum, Wissen, Erfahrung und individuelle Bedürfnisse miteinander zu verquicken. So wendet eine Pflegeperson zum Beispiel eine spezielle Therapie an (Wissen), hat bereits beobachtet, dass diese Therapie bei einem bestimmten Bewohner besser wirkt als eine andere (Erfahrung), respektiert aber auch die tagesaktuellen Anliegen des Bewohners (individuelle Bedürfnisse). „Nicht selten entstehen dabei ambivalente Ziele, die gegeneinander abgewogen werden müssen. Deshalb ist eine gute Beziehung zwischen Mitarbeiter und Bewohner so wichtig. Sie ist der empathische Kitt, der Denken, Handeln und Fühlen vereint und das Einlassen auf den anderen erst ermöglicht“, erklärt der Leiter des Qualitätsmanagements. Offen, fürsorglich und christlich handeln Um die Mitarbeiter zu unterstützen, bietet die Stiftung Liebenau regelmäßig Schulungen und Coaching-Programme zu Themen wie wahrnehmende Unternehmenskultur, Mäeutik oder Validation. Außerdem hat sie praxisnahe Leitlinien geschaffen. „Diese spiegeln unsere offene, fürsorgliche und professionelle Haltung wider“, betont Dr. Dennis Roth und kommentiert einzelne Auszüge: • Wir nehmen unsere Klienten in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit wahr und akzeptieren die daraus resultierende Vielfalt an menschlichen Bedürfnissen und Eigenheiten. „Es geht darum, den persönlichen Willen professionell mit dem täglichen Arbeitsablauf in Einklang zu bringen.“ • Emotional intelligentes und wissenschaftlich fundiertes Handeln sind Grundsätze unserer Pflege und Betreuung. „Das heißt, dass etwa ein 15-jähriger Diabetespatient stärker für eventuelle Spätfolgen sensibilisiert wird als ein 80-jähriger, der auch an Demenz erkrankt ist. Da haben aktuelle und biografische Bedürfnisse eher Vorrang.“ • Wir gehen mit Klienten, Angehörigen, mit allen Systempartnern respektvoll, freundlich und wertschätzend um. „Dieser Grundsatz soll uns so auch in Zeiten seiner vorübergehenden Abwesenheit an unsere guten Absichten erinnern.“ • Wir pflegen eine individuelle Ess- und Trinkkultur. „In manch vermeintlicher Kleinigkeit steckt große Wirkung.“ • Wir gestalten die Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse transparent und zielorientiert mit den Betroffenen. „Und entwickeln uns auch in dieser Leitlinie weiter.“ (dr/eb) anstifter ÖSTERREICH 1 | 2021 11

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