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Anstifter 1, 2020 der Stiftung Liebenau

Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Pflege und Lebensräume, Service und Produkte sowie Teilhabe.

Stiftung Liebenau Bewegende Lesung wider das Vergessen Es gibt Momente, die so ergreifend sind, dass Worte fehlen. Solche Momente waren bei der Lesung von Monika Taubitz anlässlich des jährlichen Gedenkens an die Liebenauer Opfer der Euthanasie spürbar. Mucksmäuschenstill war es in dem mit rund 120 Gästen voll besetzten Schlosssaal, als die Meersburger Autorin bewegende Episoden aus ihrem Werk „Dort geht Katharina oder Gesang im Feuerofen“ vortrug. An die Fakten erinnerte eingangs Dr. Berthold Broll, Vorstand der Stiftung Liebenau: „519 Menschen wurden aus unseren Einrichtungen deportiert. Von 505 Menschen wissen wir sicher, dass sie ermordet wurden. Von drei wissen wir sicher, dass sie überlebt haben.“ Der Stiftung Liebenau sei es ein großes Anliegen, „die Erinnerung an die schrecklichen Verbrechen wachzuhalten, die an wehrlosen Menschen begangen wurden“, betonte Broll. Dass sie nicht vergessen sind, verdeutlichte eine Toninstallation: Sie lief im Hintergrund und nannte zu Beginn der Gedenkstunde jeden Namen der Liebenauer Opfer, die 1940 und 1941 in den Gasmordanstalten Grafeneck und Hadamar starben. Was haben sie gedacht, empfunden oder vielleicht noch sagen wollen? Monika Taubitz hat Gespräche mit Zeitzeugen zu einer dokumentarischen Erzählung verarbeitet, die 1984 erschienen ist. Bei der Lesung verlieh die inzwischen 82-jährige Autorin erneut jenen Menschen eine Stimme, die selbst nicht mehr sprechen können. Eindrucksvoll schilderte sie zum Beispiel die Seelenqualen des damaligen Direktors, der entscheiden sollte, wer von den grauen Bussen abgeholt werden sollte. „75 müssen es sein“, in der nächsten oder übernächsten Woche wieder 75. Und wenn sie nicht auf einer Liste genannt werden, dann werden sie wahllos herausgegriffen. Ergreifende Schicksale Viele Details sind in die dokumentarische Erzählung hineingewoben und machen das Unvorstellbare spürbar: Erwähnt wird zum Beispiel ein Junge, der beim Abtransport seinen Teddy im Arm hielt, während sich andere verzweifelt an ihre Betreuerinnen klammerten oder sich schweigend in ihr grausames Schicksal ergaben. Einfühlsam beschreibt Monika Taubitz, wie die Schwestern die Säcke mit zurückgeschickter Kleidung durchsuchten und feststellten: Dieser Pullover gehörte dem Epileptiker Klaus, jene Strickweste hatte die taubstumme Maria getragen und das inzwischen vertrocknete Brötchen hatte eine Schwester dem kleinen Jochen zugesteckt. Erschütternd war auch die Schilderung der letzten Lebens- tage von Herbert. Er ahnte, dass auch er eines Tages auf der Liste stehen würde, und hatte Angst. An dem Tag, an dem er abgeholt werden sollte, floh er. Doch er kehrte zurück. Denn er musste immer daran denken, wen sie wohl an seiner Stelle genommen hätten. „Ein anderer hätte sterben müssen“, sagte Herbert und stieg in den Bus ein. Denen, die zurückblieben, stockte der Atem. Bei der Lesung im Saal der Schlosses Liebenau herrschte an dieser Stelle ergriffenes Schweigen – ähnlich wie zuvor schon in der Schweigeminute, zu der sich alle im Gedenken an die ermordeten Menschen erhoben hatten. Es war einer jener Momente, in denen Worte unangebracht erscheinen. Dennoch bedurfte es der Worte, um sich über das Gehörte auszutauschen. 4 anstifter 1 | 2020

Stiftung Liebenau Beeindruckende Leistung Dr. Edgar Kessler und Wolfgang Oppolzer erhalten Ehrenzeichen Mit ihrem Ehrenzeichen hat die Stiftung Liebenau zwei Männer geehrt, die für die fachliche Entwicklung im Aufgabenfeld Gesundheit Beeindruckendes geleistet haben. „Über viele Jahre haben Dr. Edgar Kessler und Wolfgang Oppolzer gemeinsam die Geschicke der St. Lukas-Klinik verantwortet, sie haben Bestehendes gesichert und Innovatives geschaffen“, hieß es bei der Verleihung des Ehrenzeichens. Das Ehrenzeichen wird seit 2002 an Menschen verliehen, die sich in herausragender Weise um das Wohl der Stiftung Liebenau und ihre Aufgaben im Sozial- und Bildungsbereich verdient gemacht haben. Erstmals wurde es jetzt an zwei Personen vergeben: Dr. Edgar Kessler und Wolfgang Oppolzer. „Sie waren ein Team. Der eine hätte ohne den anderen nicht so erfolgreich sein können“, erläuterte Dr. Markus Nachbaur, Vorstand Stiftung Liebenau. Dabei sei das eine Partnerschaft zweier höchst unterschiedlicher Menschen gewesen: Wolfgang Oppolzer nach außen orientiert, mit viel Freude an Neuentdeckungen, immer rührig. Edgar Kessler mit dem Blick aufs Innere, eher bedacht auf Konsolidierung des Bestehenden und Halten des Qualitätsanspruchs. „Die Spannung, die aus dieser Unterschiedlichkeit resultierte, haben Sie auf bewundernswerte Weise konstruktiv genutzt – immer mit Blick nach vorn, in die Zukunft Ihrer Klinik“, so Dr. Nachbaur. Meilensteine für bessere Versorgung Dr. Kessler war 1992 in die St. Lukas- Klinik gekommen, zunächst als Arzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dann als Chefarzt und von 2007 bis 2015 als Geschäftsführer. Als Meilensteine seiner Tätigkeit bezeichnete Dr. Nachbaur die – in der Region einzigartige – Eltern-Kind-Station sowie die kinder- und jugendpsychiatrische Institutsambulanz in Liebenau und die Tagesklinik Bernsteinstraße in Stuttgart. „Dadurch Das Ehrenzeichen der Stiftung Liebenau wurde in diesem Jahr verliehen an Dr. Edgar Kessler (2.v.l.) und Wolfgang Oppolzer (Mitte), hier umrahmt vom Vorstand der Stiftung Liebenau Dr. Markus Nachbaur (v.l.), Prälat Michael H. F. Brock und Dr. Berthold Broll. ist es möglich, junge Patienten angemessen zu diagnostizieren und zu therapieren, ohne sie aus ihren Familien nehmen zu müssen. Das ist ein großer Schritt zu einer besseren psychiatrischen Versorgungsstruktur.“ Besonders dankbar, so Dr. Nachbaur, sei die Stiftung Liebenau ihm dafür, dass er auch nach Eintritt in den Ruhestand in Notsituationen immer wieder eingesprungen sei in der Klinik. „In der Stiftung Liebenau wusste man stets: Auf Dr. Kessler kann man bauen.“ Kreativität und Mut Wolfgang Oppolzer kam 1988 als Pflegedienstleiter in die St. Lukas-Klinik, er übernahm 2002 die Geschäftsführung. Und bis heute verantwortet der 70-Jährige als Geschäftsführer die Liebenau Therapeutischen Einrichtungen in Stuttgart. „Sie waren und sind der Antreiber mit einem scharfen Blick für Entwicklungschancen“, sagte Dr. Nachbaur. Als Beispiele für fachliche Neuerungen nannte er die sozialtherapeutischen Gruppen, etwa für Jugendliche und für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzungen, sowie das Haus St. Damiano in Stuttgart Bad Cannstatt, das eine sozialtherapeutische Betreuung in Wohnortnähe ermöglicht. „Um Neues aufzubauen, braucht es Mut, Kreativität und Pragmatismus. Davon haben Sie viele weitere Projekte im Stiftungsverbund profitieren lassen“, so Dr. Nachbaur. (lix) anstifter 1 | 2020 5

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