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Anstifter 1, 2020 der Stiftung Liebenau Österreich

Schwerpunkt innerer

Schwerpunkt innerer Verbundenheit arbeiten. Die Stiftung Liebenau wird von vielen Menschen als ihr Werk, als ihr Auftrag begriffen – und das trotz aller Reibereien, die damit verbunden sind. Dr. Berthold Broll (links), Vorstand Stiftung Liebenau, und Klaus Müller (rechts), Geschäftsführer der Liebenau Österreich, vor dem Schloss Liebenau. Vor 150 Jahren als „Pfleg- und Bewahranstalt für Unheilbare“ eröffnet, bietet es heute Raum für Seminare und Veranstaltungen. Müller: Ich bin zur Stiftung Liebenau gekommen, weil er mich gefragt hat. Und geblieben, weil er mich in Ruhe lässt (beide lachen). Oder anders formuliert: Weil ich eigene Ideen einbringen kann, um die österreichische Tochtergesellschaft sinnvoll voranzubringen. Wer aus den letzten 150 Jahren der Stiftung Liebenau ist ein besonderes Vorbild für Sie? Broll: Da würde ich in erster Linie den Initiator der Stiftung Liebenau, Adolf Aich, nennen wollen. Denn er hat gemäß seinem Leitspruch „Da sollte doch Wandel geschafft werden“ viel verändert. Immer wieder hat er unverdrießlich die Ärmel hochgekrempelt und sich auch durch Rückschläge nicht entmutigen lassen. Müller: Ich würde gerne zwei Personen nennen: Zum einen den ehemaligen Geschäftsführer, meinen Vorgänger Manfred King, weil er in der Altenhilfe mutig neue Entwicklungen eingeleitet hat, die wir gut weiterentwickeln konnten. Zum anderen den ehemaligen Finanzleiter der Liebenau Österreich, Alfred Bertele, der mit seiner sehr kaufmännischen Sicht den Gegenpol darstellte und mit vorsichtigen Prinzipien für den finanziellen Erfolg des Unternehmens sorgte. Für mich ist aber auch die Stiftungsfamilie insgesamt ein Vorbild: Ich kenne kein anderes Unternehmen, wo so viele Menschen mit so viel Anlässlich des Jubiläums werden 150 Geschichten zur Geschichte veröffentlicht (siehe 150jahre.stiftung-liebenau.com, Anm. d. Red.). Könnten Sie noch eine aus Ihrem persönlichen Fundus dazuerzählen? Broll: Da könnte ich jetzt zwei Stunden erzählen, aber ich greife mal eine Geschichte raus: Es gab hier einen Mann, nennen wir ihn Roland, der viele Jahrzehnte in Liebenau betreut wurde und mittlerweile umgezogen ist. Er kam zwar nicht täglich, aber doch regelmäßig bei mir hier im Büro vorbei, kommt auch jetzt noch immer wieder. Dann erzählt er mir immer, was ihm am Herzen liegt, und fragt mich, wie’s mir so geht. Einmal hatte ich eine Phase, in der ich meinte, es wäre schick, einen Dreitagebart zu tragen. Roland war also wieder mal da und kam gleich am nächsten Tag wieder, was ungewöhnlich war. Er nahm mich beiseite und sagte mir im Vertrauen: „Berthold! Morgen kommst du aber wieder fein rasiert und mit Krawatte.“ (lacht) Das hab ich dann auch umgesetzt. Müller: Das ist das Schöne hier auf dem Gelände, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung so unmittelbar begegnen können. Ich bin auf einer Party mal mit einem etwa 50-jährigen Mann ins Gespräch gekommen. Als er erfuhr, dass ich bei der Stiftung Liebenau arbeite, berichtete er, dass seine Mutter in einem unserer Pflegeheime untergebracht war und dann dort verstorben ist. Er war voll des Lobes darüber, wie professionell, aber auch einfühlsam seine Mutter und er als Angehöriger in diesem Sterbeprozess begleitet wurden. Das hat mich sehr stolz gemacht, weil ich als Geschäftsführer zwar weiß, dass wir aus diesen oder jenen Gründen professionell arbeiten, auf der menschlichen Ebene aber selbst wenig in die unmittelbaren Aufgaben involviert bin. Diese unerwartete, direkte Rückmeldung hat mich sehr bewegt. Im Jahr 1870 bezog Kaplan Aich das Schloss Liebenau mit einigen „Pfleglingen“ und drei Barmherzigen Schwestern. Heute arbeiten rund 8000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 345 Einrichtungen und Diensten. Ein immenses Wachstum – geht das nun immer so weiter? Broll: Wir betrachten das Wachsen als wichtig: Denn jeder Wachstumschritt bietet die Chance, etwas Neues auszuprobieren, sich inhaltlich weiterzuentwickeln und in wirtschaftlicher Hinsicht abzusichern. Dabei möchte ich betonen, dass es uns nicht primär um unternehmerische Expansion geht, sondern darum, Neues für die Menschen, die wir unterstützen, richtig und gut zu machen – entsprechend unserem Auftrag: In unserer Mitte – Der Mensch. Müller: Das ist ein wichtiger Hinweis. 6 anstifter ÖSTERREICH 1 | 2020

Schwerpunkt Welche Wachstumspläne gibt es aktuell? Broll: Zum Beispiel können wir in Deutschland durch das Bundesteilhabegesetz mehr modularisierte Dienste für Menschen mit Behinderung anbieten. Für ältere Menschen wollen wir vor allem das Servicewohnen weiterentwickeln. Müller: Letzteres gilt auch für Österreich. Mit Blick auf die Zukunft: Wie wichtig ist die Digitalisierung in und für die Stiftung Liebenau? Broll: Wie überall werden auch bei uns alle Bereiche, egal, ob Pflege und Betreuung, Administration oder Personalwesen digitalisiert. Diese durchgreifende Digitalisierung verändert Prozesse und Strukturen. Wichtig für uns ist daher, die Menschen im Blick zu behalten, immer auch zu überlegen: Was bringt das den Bewohnern und Mitarbeitern? Ein kleines Beispiel ist die Sensormatte, die wir zunehmend in Pflegeheimen einsetzen und die vor dem Bett platziert wird. Sie registriert, wenn der Bewohner aufsteht. Kehrt die Person, insbesondere in der Nacht, nach einer gewissen Zeit nicht ins Bett zurück, sendet der Sensor eine Nachricht an den Angehörigen oder die jeweilige Pflege- oder Betreuungskraft. Diese Technik erlaubt dem Bewohner mehr Autonomie und unterstützt die Mitarbeiter. Ist es Ihnen bei solchen Neuheiten wichtig, möglichst voranzupreschen, Ihrer Zeit voraus zu sein? Müller: Das ist ganz unterschiedlich. Wenn wir überzeugt sind, dass ein Produkt oder Programm den von uns betreuten Menschen wirklich weiterhilft, dann sind wir auch bereit, voranzugehen. In anderen Fällen warten wir erstmal ab. Die Stiftung Liebenau ist seit ihrer Gründung ein christliches, ein katholisches Unternehmen. Wie möchte, kann und will die Stiftung Liebenau als zukunftsorientiertes Unternehmen diese, salopp formuliert, aus der Mode gekommene Kirche, mitnehmen? Müller: Wenn wir Kirche als Caritas begreifen, als Auftrag zur Nächstenliebe und daraus folgernd Nächstenhilfe, dann hat die Kirche keine Krise, sondern sogar richtig Zukunft. Broll: Allein die Grundregel aus der Lehre Jesu Christi ist brandheißer und nötiger denn je: Liebe deinen Nächsten und liebe dich selbst. Schau, dass du mit dir selbst klar kommst, dich wohl fühlst und dann kümmere dich um deinen Nächsten. Wer diese Grundregel beherzigt, hat bereits sehr, sehr viel für das gesellschaftliche und sein persönliches Leben gewonnen. Auch wenn es darum geht, diese Botschaft weiterzutragen, ist tätige Nächstenliebe der beste Weg. Vielen Dank für das Gespräch Herr Dr. Broll und Herr Müller! Was bedeutet das 150-jährige Jubiläum der Stiftung Liebenau für Sie persönlich? Bernadette Hartmann, Küchenleiterin im Sozialzentrum Mariahilf: „150 Jahre Stiftung Liebenau ist für mich ein Zeichen von Qualität, Beständigkeit, Wertschätzung und Respekt. Ich bin stolz, seit 20 Jahren ein Teil davon zu sein.“ Silvia Leitner, Mitarbeiterin im Alltagsmanagement des Hauses St. Josef, Gmunden: „Ich koche leidenschaftlich gern. In der Stiftung Liebenau konnte ich mein Hobby zum Beruf machen. Man spürt, dass hinter allen Entscheidungen viel Erfahrung steckt.“ Daniela Rainer, Mitarbeiterin in der Pflege, im Haus St. Josef, Gmunden: „Mir gefällt es, ältere Menschen auf ihrem letzten Lebensweg zu begleiten und in Beziehung zu gehen. In der Stiftung Liebenau legen wir dabei großen Wert auf eine kompetente Herangehensweise. Ich freue mich, jetzt im Jubiläumsjahr mehr über die Stiftung Liebenau zu erfahren, die sich ja schon seit 150 Jahren mit der Begleitung von hilfebedürftigen Menschen beschäftigt.“ anstifter ÖSTERREICH 1 | 2020 7

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