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Anstifter 1, 2020 der Stiftung Liebenau Österreich

Praxis aus KÄRNTEN

Praxis aus KÄRNTEN „Rundherum glücklich“ In der Lebenswelt St. Antonius Barbara Kreiner lebt seit 2012 in der Lebenswelt St. Antonius. Die 66-Jährige fühlt sich sehr wohl in ihrer gemischtgeschlechtlichen Wohngruppe mit fünf weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern. Im folgenden Interview gibt sie einen Einblick in ihren Alltag und ihre Vorlieben. Die Fragen stellte: Bernadette Peitler Wie sieht ein typischer Tag in der Lebenswelt St. Antonius für Sie aus? Barbara Kreiner: Ich stehe immer so gegen sechs Uhr auf und mache mich für das Frühstück fertig. Mein Lieblingsfrühstück ist Marmeladenbrot mit Kaffee. Dann gibt mir die Begleiterin mein Medikament. Nach dem Frühstück mache ich mich für die Arbeitswelt fertig. Ab acht Uhr bin ich in der Küche, wo ich und meine Kollegen von der Küchengruppe das Mittagessen kochen. Wir arbeiten bis 16 Uhr und gehen dann wieder in unsere Wohngruppen. Um 18 Uhr essen wir gemeinsam zu Abend. Danach dusche ich und gehe meist früh ins Bett. An welches Ereignis oder Erlebnis erinnern Sie sich gern? An den Ausflug, den wir nach Oberösterreich gemacht haben! Wir haben einen Zoo und eine Höhle besucht und waren den ganzen Tag unterwegs. Das hat mir wirklich toll gefallen. Was ist das Besondere in der Lebenswelt St. Antonius? Es ist immer wer da, wenn man wen braucht. Ich fühle mich einfach rundherum glücklich und zufrieden und ich mag alle meine Begleiterinnen und Begleiter. Ich möchte nirgendwo anders hin, auch wenn ich hier die Älteste bin. Welche Tageszeit oder Aktivität mögen Sie besonders? Am liebsten mag ich, wenn ich am Nachmittag nach meiner Arbeit in mein Zimmer gehen und Musik hören kann. Ich mag Radio Kärnten, da spielen sie Volksmusik und Schlager, dann tanze ich sogar ein wenig herum. Auch das Tanzen mit unserer Tanzlehrerin macht mir riesigen Spaß. „Ich wohne in der Wohnung Sissy, wo ich ein eigenes Zimmer habe. Ich habe sogar ein eigenes Bad dabei“, sagt Barbara Kreiner. Das Prinzenpaar zu Besuch SPITTAL AN DER DRAU – Mit lautem „He-Lei, He-Lei“ haben Beschäftigte und Mitarbeitende das Spittaler Faschingsprinzenpaar Ende Januar in der Lebenswelt St. Antonius willkommen geheißen. Da die diesjährige Faschings prinzessin Nina Schwanter selbst im Haus arbeitet, fiel die Begrüßung besonders herzlich aus. Gemeinsam mit ihrem Faschings- prinzen hat sie allen einen Krapfen überreicht und mit Freikarten zu einer feierlichen Faschingssitzung eingeladen. „Selbstverständlich sind wir der Einladung nachgegangen“, berichtet Verwaltungsmitarbeiterin Bianca Egger, „es war ein lustiger und kurzweiliger Nachmittag.“ (eb) Alle in der Lebenswelt St. Antonius sind stolz auf „ihre“ Prinzessin, die sie sonst als Betreuerin und Kollegin kennen. 28 anstifter ÖSTERREICH 1 | 2020

Meine Geschichte Einfach loslassen! Bogenschießen ist Training für Körper, Seele und Geist. Schuss um Schuss stärken Jugendliche im Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) im Umgang mit Pfeil und Bogen Selbstvertrauen und Körperbewusstsein. Einer, der mit ihnen zusammen auf Robin Hoods Spuren wandelt, statt Raubzüge aber die Förderung der Teilnehmenden im Sinn hat, ist Dietrich Bross, Mitarbeiter des Fachdienstes Diagnostik und Entwicklung. Und das alles beginnt immer mit einem festen Ritual. Dietrich Bross schließt die Augen und hält inne. Seine Hände sind auf der Brust verschränkt und umfassen den Bogen, dessen unteres Ende er auf die Linke Fußspitze gestellt hat. In dieser Position harrt er aus. Zwei, drei Minuten lang. „Ich entspanne mich, spüre, dass ich im Hier und Jetzt bin. Und ich horche ein bisschen in mich hinein.“ Nach einer Weile öffnen sich die Augen dann fast von allein wieder. Der Körper gibt das Signal: Ich bin bereit, es kann losgehen! Mit diesem meditativen Ritual startet Dietrich Bross jedes Mal, wenn er gemeinsam mit Schülern und Azubis des BBW zu Pfeil und Bogen greift. In der Bildungseinrichtung wird das Bogenschießen seit Jahren als therapeutisches Instrument eingesetzt. Geschossen wird ohne Hilfsmittel, allein nach Gefühl und Intuition. Das Timing, die gespannte Sehne loszulassen, soll aus dem Bauch heraus kommen. Dieses „intuitive Bogenschießen“ gilt als die ursprünglichste und älteste Art des Bogen schießens. Gingen Menschen einst so auf die Jagd nach Nahrung, verfolgt man heute in der Therapie ganz andere Ziele. Die Jugendlichen, nicht zuletzt auch jene mit ADHS, können zur Ruhe kommen und für einen Moment alles andere um sich herum ausblenden – und auch im übertragenen Sinne durch das Lösen der gespannten Sehne: Loslassen. Und zwar ganz ohne Leistungsdruck. Das stärkt die Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit und sorgt für ein intensives Erleben des eigenen Körpers. Auch das Sozialverhalten wird trainiert, und mit jedem Pfeil steigt das Selbstwertgefühl. Dietrich Bross hat das Bogenschießen schon vor 18 Jahren für sich entdeckt, es nicht nur privat ausgeübt, sondern auch immer wieder in seinem Job als Arbeitserzieher eingesetzt – zunächst noch als erlebnispädagogisches Element. Später machte er dann eine Zusatzausbildung im Therapeutischen Bogenschießen. Vor sieben Jahren kam er ins BBW, zunächst in die WfbM-Gruppe des Schreinerzentrums, später bot er Coolness- und Antiaggressivitätstrainings an, seit mehr als drei Jahren ist er ganz beim hauseigenen Fachdienst Diagnostik und Entwicklung. Dort macht er hauptsächlich Einzelcoaching und unterstützt damit – als Bindeglied zur Ausbildung – die jungen Menschen mit besonderem Teilhabebedarf auf dem Weg in den Beruf. Und eines seiner Steckenpferde ist eben das Bogenschießen, das er zusammen mit weiteren Kollegen regelmäßig für Teilnehmende aus Ausbildung und Berufsvorbereitung anbietet. Ob der Bewegungsablauf beim Bogenschießen an sich tatsächlich ein Ritual ist, da scheiden sich die Geister, wie Bross berichtet. „Aber das Davor und Danach kann man als ritualisierte Handlung bezeichnen.“ So auch das Abspannen der Sehne vom Bogen, das zum Abschluss des Bogenschießens von Dietrich Bross und seinen Jugendlichen ebenso zelebriert wird wie der Beginn. (ck) Meine Geschichte Dieser Beitrag kommt regelmäßig von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Gesamtverbund der Stiftung Liebenau; diesmal dem Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) in Ravensburg. anstifter ÖSTERREICH 1 | 2020 29

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