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Anstifter 1, 2020 der Stiftung Liebenau Österreich

Praxis aus VORARLBERG

Praxis aus VORARLBERG Wohin fliegt er? Konzentriert verfolgen die Tagesgäste den Ballon, um ihn mit ihren selbstgefertigten Schlägern möglichst hoch in der Luft zu halten. Heitere und ausgelassene Momente In der Tagesbetreuung Brändlepark Bis an die Decke fliegt der Luftballon. Die fünf Tagesgäste sind hochkonzentriert: Wo wird er runterkommen? Wer wird mit Schlagen dran sein? Wilhelmine! Die 88-Jährige holt aus, trifft und schießt ihn quer über den Tisch. Helmut, 78 Jahre, lehnt sich mit einem zielsicheren Lächeln in Position und auch er trifft. Die neue Flugbahn wird von „a“h- und „oh“-Rufen begleitet und eine ausgelassene Stimmung erfüllt die lichtdurchflutete Dachgeschosswohnung in der Tagesbetreuung Brändlepark. Dabei hat der Tag relativ ruhig angefangen: Bis neun Uhr sind die ersten vier Tagesgäste an diesem Dienstagmorgen im zweiten Stock der Wohnanlage Brändlepark eingetroffen. Dort bietet die Stiftung Liebenau in Kooperation mit dem sozialfonds Vorarlberg seit November 2018 eine ganz- oder halbtägige Betreuung mit gerontopsychiatrischem Schwerpunkt. Wie jeden Morgen tauschten sich die Betreuerinnen kurz mit den Angehörigen aus, dann haben sich alle am Tisch versammelt. Auch die Praktikantin und der Zivildiener sind in diesen Runden immer dabei. Besprochen werden Befindlichkeiten und Neues; es gibt Kaffee, Tee oder Saft. „Ich bin wegen der Abwechslung hier und um neue Bekanntschaften zu schließen“, sagt Elvira, 83 Jahre. Auch die anderen möchten vor allem, „unter Leuten zu sein“ und „was gemeinsam zu machen“. Bis auf Mathilde, 82 Jahre, kommen alle auch am Donnerstag. Weitere Gäste bevorzugen den Mittwoch und seit Dezember füllt sich auch der Montag und der Freitag. Den Alltag leben „Der Tagesablauf mit dem einen oder anderen Highlight ergibt sich aus den individuellen Bedürfnissen“, erklärt Diplomsozialbetreuerin Sabine. „Die Gäste sollen sich wohlfühlen und gerne kommen. Wenn das Wohlbefinden stimmt, kann die oder der Einzelne auch das individuelle kognitive und körperliche Training gut annehmen.“ Alle Aktivitäten sind in erster Linie von den Anwesenden selbst und der Konstellation der 20 anstifter ÖSTERREICH 1 | 2020

Praxis aus VORARLBERG Gruppe abhängig: Elvira und Wilhelmine erzählen gern, Mathilde singt und tanzt mit Leidenschaft und Helmut geht am liebsten spazieren. „Habt ihr Lust auf das Spiel mit den Fragen“, fragt Patrizia, die Praktikantin, und legt ein Kartenspiel für die Biografiearbeit mit Senioren auf den Tisch. Dabeisein und mitmachen Kindheit, Lebensfreude, Lebensweg, Herzensthemen und Schicksal: Jedem Themenbereich ist eine Farbe zugeordnet, die sich auf dem Würfel wiederfindet. Elvira beginnt: Gelb, Themenbereich Kindheit. „Wie war das Verhältnis zu Ihren Eltern?“, liest Patrizia die Frage vor. „Gut“, antwortet Elvira. „Wir waren fünf Mädchen und ein Bub. Das war eine große Freude, als nach fünf Mädchen der Bub kam. Meine Mama war immer fleißig, der Vater ein Förster. Wir wurden einfach aufgezogen und haben uns über Kleinigkeiten gefreut.“ Nun ist Helmut dran. „Woran glauben Sie?“, lautet die Frage, die keine für Helmut ist. „Ja, an den Herrgott“, antwortet er etwas genervt. Patrizia wagt dennoch die Zusatzfrage: „Gehen Sie in die Kirche?“ Darauf Helmut: „Wenn ich Zeit hab, schon.“ Alle lachen – und Helmut lebt auf. Sich austauschen Obwohl Mathilde an Demenz erkrankt ist, weiß auch sie sofort eine Antwort auf die Frage: „Was war schön in Ihrem Leben?“ „Alles war gut. Ist mir wirklich gut gegangen“, sagt sie und überlegt: „Ich erinnere mich, wie ich mal mit meiner Tochter spazierengegangen bin. Das war schön.“ Und als Heimhelferin Claudia die sehr persönliche Frage „Wie war das mit der Liebe in Ihrem Leben?“ zieht, unterstützen sie die Tagesgäste dabei, Antworten zu finden: „Liebe ist was sehr Schönes. Wer lieben kann, hat viel erreicht im Leben“, da sind sich alle einig. Im Laufe des Spiels erfahren die jeweils anderen, dass Helmut Landwirt war und Milchkühe hatte, Mathilde als Kind aus Südtirol nach Vorarlberg kam und Elvira zusammen mit Mathilde die Schule in Hörbranz besuchte. So lernen sich die Tagesgäste besser kennen und fühlen sich über das eine oder andere Detail mit dem einen oder anderen enger verbunden. Anerkennung ernten Genug erzählt. Zivildiener Matthias bricht ins Seniorenheim Tschermakgarten auf, um das Essen zu holen, während Sabine und Patrizia schon mal alles für das gemeinsame Mittagessen vorbereiten. Da hat Claudia die Idee mit dem Luftballonspiel. Alle sind begeistert und so teilt sie die selbstgefertigten Schläger aus: bunte Strumpfhosen über geformtem Draht, individuell verziert mit Federn, Pailletten und weiteren Materialien. Stolz drehen und wenden die Gäste ihre Schläger, um den Zustand zu prüfen und die gelungenen Arbeiten gegenseitig zu loben. Kurz vor dem Mittagessen kommt der fünfte Tagesgast: Angela, 88 Jahre. Sabine nimmt sich Zeit, setzt sich zu ihr und hört aufmerksam zu, während Angela von morgendlichen Gruppenfoto kurz vor dem Mittagessen mit den Tagesgästen Angela und Mathilde, Diplomsozialbetreuerin Sabine, Tagesgast Helmut, Praktikantin Patrizia, Tagesgast Wilhelmine, Heimhelferin Claudia und Tagesgast Elvira (v.l.n.r.). Erlebnissen berichtet. Von der ersten Hälfte des Tages genug gefordert, freuen sich alle schon auf die zweite: Nach dem Mittagessen ziehen sich die Tagesgäste in die beiden Ruheräume zurück. Nachmittags dann geht Matthias mit Helmut und Angela spazieren. Mathilde wird zu den „Amigos“ tanzen, während Elvira und Wilhelmine sie singend begleiten. Und wer weiß, welche Wünsche und Anliegen die Gäste an diesem Dienstag noch in die Tat umsetzen. Leistungen der Tagesbetreuung • Individuelle Pflege und Betreuung in einer Wohnung mit Balkon, Wohnküche und zwei Ruheräumen • Von Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr oder halbtags • Teilhabe am Alltagsleben und an Aktivitäten in der Gemeinschaft mit maximal sieben weiteren Tagesgästen • Besuch von Veranstaltungen im Seniorenheim Tschermakgarten und der Wohnanlage Brändlepark wie Törggelen, Adventshock, Nikolaus- und Faschingsfeier oder das Sommerfest • Qualifiziertes und erfahrenes Personal, das eng mit dem Seniorenheim Tschermakgarten kooperiert • Therapeutische Leistungen (zum Beispiel Physiotherapie) nach Zuweisung durch den Hausarzt • Kooperation mit dem Krankenpflegeverein Bregenz • Dienstleistungen durch den Friseur oder die Fußpflege • Unterstützung bei der Organisation eines Hol- oder Bringdienstes Kontakt Tagesbetreuung Brändlepark, Josef-Huter-Str. 8, 6900 Bregenz Tel.: 05574 43941101 oder 05574 4936-19 tb.braendlepark@stiftung-liebenau.at Kosten Tagesbetreuung: 30 Euro Halbtagesbetreuung: 20 Euro zuzüglich Mahlzeiten- und Transportkosten anstifter ÖSTERREICH 1 | 2020 21

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