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Anstifter 1, 2019 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Pflege und Lebensräume, Service und Produkte sowie Teilhabe.

Schwerpunkt Würdevoll

Schwerpunkt Würdevoll Abschied nehmen Ein Besuch im Stationären Hospiz im Franziskuszentrum Friedrichshafen Austherapiert – und was kommt dann? Schwerstkranke Menschen, für die es keine Chance auf Heilung mehr gibt und die vom Leben Abschied nehmen müssen, werden im Friedrichshafener Hospiz auf ihrem letzten Weg liebevoll begleitet. Ein engagiertes Team aus Fachkräften und geschulten, ehrenamtlichen Helfern kümmert sich rund um die Uhr um die Gäste, wie die Bewohner hier liebevoll genannt werden, und steht auch den Angehörigen jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung. „Die Vorstellung vieler Menschen vom Hospiz ist ziemlich makaber. Sie denken, ich komme da rein und muss jetzt sofort sterben. Sie denken, das ist ein dunkles Loch, und sind dann ganz überrascht, wenn sie sehen, wie schön es hier ist“, erzählt Marina Stiller, Pflegedienstleiterin im Stationären Hospiz Friedrichshafen. Von einem düsteren Platz jenseits der Stadtmauern kann nicht die Rede sein. Vielmehr liegt das Franziskuszentrum mitten in der Stadt, umringt von pulsierendem Leben. Nachdem der Besucher das großzügig geschnittene, lichtdurchflutete Foyer durchschritten hat, führt ihn eine offene Treppe in den ersten Stock. „Hospiz“ steht auf einem dezenten Schild und weist den Weg nach links. Wer nun verschlossene Türen und Eingangskontrollen erwartet, sieht sich getäuscht. Die Tür zu dem Pflegebereich, in dem Menschen ihr letztes Zuhause finden, steht weit offen und gibt den Blick frei auf einen hellen Flur. Brauner Fußboden in Parkettoptik und zartgelbe, mit zahlreichen Bildern geschmückte Wände strahlen eine wohlig-warme Atmosphäre aus. Am Ende des Ganges steht ein großes Aquarium, in dem einige Fische gemächlich ihre Runden drehen. Im offenen Küchenbereich serviert gerade Ursula Wiedmann, ehrenamtliche Helferin im Hospiz, zwei Gästen das Mittagessen. Während sie schwungvoll die Suppenkelle durch die Luft sausen lässt, unterhält sie sich gut gelaunt mit den beiden. Keine Spur von trüb-trauriger Endzeitstimmung. Leicht könnte der Eindruck entstehen, es handele sich um eine ganz normale Pflegewohngruppe. Wäre da nicht die unübersehbare hölzerne Stele direkt im Eingangsbereich. Wenn dort die Kerze brennt, weiß jeder, dass ein Gast verstorben ist. In einem großen Gedenkbuch, das aufgeschlagen zum Durchblättern einlädt, erinnern Einträge von Angehörigen an jeden einzelnen Gast. „Leider warst du nur kurze Zeit hier. Die Ruhe und Menschlichkeit hat uns allen sehr geholfen“ oder „Wir durften die ruhige und friedvolle Zeit im Hospiz nutzen, Abschied zu nehmen, gemeinsam zu lachen, zu erzählen und das Unausweichliche anzunehmen“. Das Unausweichliche, der Tod. Nicht jeder, der in das Hos- 14 anstifter 1 | 2019

Schwerpunkt piz kommt, kann den Gedanken an das bevorstehende Ende zulassen. Gerade jüngeren Menschen geht es so, denen ein Blick zurück auf ein langes, erfülltes Leben durch ihre Krankheit verwehrt wurde. Ihnen fehlt ein Stück Lebenszeit. Sie kämpfen um jeden Tag. Da müssen Marina Stiller und ihre Kolleginnen viel Aufklärungsarbeit leisten. Denn eines wollen sie auf keinen Fall: falsche Hoffnungen wecken. „Manche Leute denken, wir sind eine Reha-Station. Sie möchten nicht sterben und sich nicht damit auseinandersetzen. Das ist Teil unserer Aufgabe, da mitzugehen und aufzuklären. Wir wollen mithelfen, Wünsche zu erfüllen und das Dasein so angenehm wie möglich machen“, berichtet Brigitte Tauscher-Bährle, Seelsorgerin und Vorsitzende der Hospizbewegung St. Josef. Seit acht Jahren arbeitet sie im Hospiz und hat schon viele Gäste und deren Angehörige auf ihrem letzten Weg begleitet. Mit ihnen gebetet, gesungen, ihnen einfach nur zugehört, ihre Hand gehalten. Getreu dem Motto des Hospizes „Leben bis zuletzt“ hat sie dazu beigetragen, die letzten Tage der schwerstkranken Menschen würdevoll und in Geborgenheit zu gestalten. Genau wie die ehrenamtliche Helferin Ursula Wiedmann. Auch sie hat vor acht Jahren im Hospiz angefangen. Als gelernte Kranken- Dass in einem Hospiz auch gelacht werden darf, beweisen Ursula Wiedmann (links) und Marina Stiller. schwester hatte sie zwar bereits Erfahrungen im Umgang mit Sterben und Tod. Doch erst ein Filmbeitrag rückte das Thema Sterbebegleitung für sie in den Fokus. Zweimal in der Woche, jeweils für drei Stunden, kommt Ursula Wiedmann in das Hospiz und hat es bis heute keine Minute bereut. „So komisch sich das anhören mag, es macht mir Spaß. Es macht mir Freude, hierher zu kommen. Hier gebraucht zu werden, etwas Sinnvolles zu tun“, berichtet sie. Ihr eigener Blickwinkel auf den Tod hat sich geändert. Sie und ihre Familie haben sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, es nicht verdrängt, wie so viele Menschen. Und dabei gelernt, dass das Sterben zum Leben dazugehört. Vielen sterbenden Menschen und vor allem auch deren Angehörigen hat Wiedmann zur Seite gestanden. Konnte die große Angst vor dem Sterben, davor, was dann mit dem Körper geschieht, durch Aufklärung mindern. Hat ihnen einfach nur zugehört, sie erzählen lassen, ohne zu werten oder zu urteilen. Ihre Ängste, Sorgen, Tränen und Verzweiflung mit ausgehalten. Viele berührende, zu Herzen gehende Lebensgeschichten und Schicksale hat sie kennengelernt. Dennoch schafft sie es, auf dem Nachhauseweg auch wieder loszulassen, Abstand zu gewinnen. Anders lässt sich diese Arbeit nicht bewältigen. Auch wenn der Tod mittlerweile zum Alltag gehört, alltäglich ist er deswegen noch lange nicht. Marina Stiller arbeitet seit 16 Jahren im Franziskuszentrum und ist sich sicher: „Trotz der Anstrengung kann ich mir keine andere Arbeit vorstellen.“ (ks) Wenn die Kerze an der Stele brennt, ist ein Gast verstorben. Das Stationäre Hospiz Seit der Gründung 1998 verstarben im Hospiz 1700 Gäste. Die meisten waren zwischen 50 und 75 Jahre alt und blieben durchschnittlich 20 Tage. Das Hospiz verfügt über neun Einzelzimmer, für Angehörige stehen flexible Betten zur Verfügung. Im Hospiz werden Sterbende unabhängig von ihrer religiösen, ethischen oder politischen Weltanschauung aufgenommen. anstifter 1 | 2019 15

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