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Anstifter 1, 2019 der Stiftung Liebenau Österreich

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Praxis aus Vorarlberg

Praxis aus Vorarlberg Palliative Care im Rhythmus der Musik Wie eine Bewohnerin Ruhe findet BREGENZ - Margit Draxler, Diplomsozialbetreuerin für Altenarbeit und Wohnbereichsleiterin im Seniorenheim Tschermakgarten, hat am zweijährigen Projekt „Hospizkultur und Palliative Care im Pflegeheim“ des Hospiz Vorarlberg teilgenommen. Seit Beginn des Projekts im November 2016 ist sie nun auch stellvertretende Palliativbeauftragte. „Für mich sind Sterben und Tod etwas sehr Natürliches“, sagt sie. „Ich wollte lernen, fachlich noch besser damit umgehen zu können.“ „Die allermeisten Bewohner kommen heute schon mit einem palliativen Pflegebedarf zu uns ins Haus“, erklärt die stellvertretende Palliativbeauftragte. Die 90jährige Maria Bitschnau* zum Beispiel, die sich sprachlich nicht mehr artikulieren konnte und durch ihre starke Unruhe auffiel. „Bei ihrer Aufnahme ins Haus haben wir die Angehörigen nach früheren Wünschen und aktuellen Wohlfühlerfahrungen gefragt. Das ist Standard. Ihre Unruhe konnten wir uns zunächst aber dennoch nicht erklären“, gesteht Margit Draxler. Weil die Gefahr bestand, dass die ältere Frau aus dem Bett fiel, erhielt sie Bodenpflege, schlief also auf einer Matratze auf dem Boden. So konnte zwar nichts passieren, doch die Unruhe blieb. „Bei unseren Schulungen im Projekt Palliative Care ging es vor allem um ein bewussteres Hinschauen, Wahrnehmen und Einfühlen. Das war wohl auch der Impuls, der mich auf einen USB-Stick in ihrem Zimmer aufmerksam werden ließ. Und der Grund, warum wir ihn nach Rücksprache mit den Angehörigen geöffnet haben, mögliche Hintergründe zu seinem Inhalt beleuchtet und den weiteren Umgang im Team besprochen haben.“ Unruhe, die einen Rhythmus findet Auf dem USB-Stick war Tanzmusik: alte Schlager mit flottem Rhythmus. Jetzt machte die Unruhe plötzlich Sinn. „Zwar hatten auch die Angehörigen den Hinweis auf eine frühere Musikbegeisterung gegeben, doch erst jetzt wurde uns klar, dass ihr insbesondere das Tanzen auch heute noch ein großes Bedürfnis war. Dass ihre auffälligen Schlafstellungen eigentlich Tänzerposen waren.“ Die Pflegenden ließen die Schlager nun immer wieder laufen und Maria Bitschnau* wippte mit ihrem Bein zur Musik; Ihre Unruhe hatte einen Rhythmus gefunden. „Es ist spannend, so etwas herauszufinden. Und toll, wenn wir Margit Draxler (rechts), stellvertretende Palliativbeauftragte im Seniorenhaus Tschermakgarten, mit einer Bewohnerin. die Lebensqualität verbessern können. Deshalb ist der intensive Austausch mit allen Beteiligten, dem Team, den Angehörigen und den Ärzten so wichtig.“ Lebenswert leben, auch im Sterben Neben dem Hinschauen, Wahrnehmen und Einfühlen, sei auch das Ausprobieren Teil der Palliative Care. So könne man Sterbenden Getränke mit und ohne Alkohol, auch Eis in verschiedenen Geschmacksrichtungen auf einem „swap“ (Mundpflegepad) anbieten und aus ihrer Mimik lesen, was sie sich wünschen. Als stellvertretende Palliativbeauftragte ist Margit Draxler zusammen mit dem Palliativbeauftragten Markus Rapp auch an der Weiterentwicklung der Pflegestandards im Haus beteiligt, schaut, dass diese eingehalten werden und bereitet die vierteljährlichen Sitzungen des Palliativteams vor. Nicht zuletzt pflegt sie den Kontakt mit dem Mobilen Palliativteam Hohenems, das den Pflegenden beratend zur Seite steht und bei Bedarf auch ins Haus kommt. „Wichtig ist, dass wir Hand in Hand arbeiten: Wir, das Palliativteam, mit allen Mitarbeitern im Haus, den Angehörigen, Sachwaltern, Hospizmitarbeitern und Ärzten. Um das Leben auch in der letzten Phase für jeden Einzelnen lebenswert zu machen.“(ebe) *Name von der Redaktion geändert 20 anstifter ÖSTERREICH 1 | 2019

Auf der Abschlussfeier des Projekts Palliative Care in Gaißau: Die Palliativbeauftragte Ulrike Vogt (links) mit ihrem Team. Auch Schwester Maria und Schwester Cornelia, sowie viele Angehörige, insgesamt rund 50 Gäste, waren gekommen. Für einen würdigen Abschied Interview mit der Palliativbeauftragten Ulrike Vogt GAISSAU - Hinschauen, wahrnehmen, einfühlen: Zwei Jahre lang haben sich die sechs Mitglieder des Palliativteams im St. Josefshaus Gaißau intensiv mit Hospizkultur und Palliative Care im Pflegeheim auseinandergesetzt und im Dezember den Abschluss des Projekts gefeiert. Was sich im Haus verändert hat und wie neue Erkenntnisse weiterwirken, erklärt die Palliativbeauftragte Ulrike Vogt. Die Fragen stellte: Elke Benicke Frau Vogt, Sie arbeiten seit fünf Jahren als diplomierte Pflegekraft im St. Josefshaus in Gaißau, sind erfahren im Umgang mit älteren Menschen. Warum haben Sie am Projekt „Hospizkultur und Palliative Care im Pflegeheim“ teilgenommen? Wichtig ist, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner wohlfühlen. Das Projekt war ein Angebot, sich über den gewohnten Rahmen hinaus mit den Bedürfnissen und Wünschen von Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu beschäftigen. Das hat mich angesprochen. Was haben Sie gelernt? Dass jeder von uns mit und im Team etwas bewirken kann. Dass wir zusammen etwas entwickeln und Lösungen finden können. Dass am Anfang auch einfach nur die Idee für etwas stehen darf, die sich dann im Austausch verändert, entwickelt und schließlich zum alltäglichen Standard in der Pflege wird. Und konkret in Bezug auf das Sterben und den Tod? Beides hat im Verlauf des Projekts den Schrecken für mich verloren. Ich habe gelernt, dass man Menschen auch loslassen können muss, dass ein Bewohner auch Medikamente verweigern darf. Insgesamt kann ich das Sterben heute besser akzeptieren. Welche Aufgaben haben Sie als Palliativbeauftragte im St. Josefshaus? Ich achte darauf, dass wir weiterhin bewusst palliativ arbeiten. Darüber hinaus kümmere ich mich in leitender Funktion um einen würdigen Abschied im Haus, wenn jemand stirbt. Gemeinsam arrangieren wir einen Tisch zum Gedenken mit dem Foto des Verstorbenen und gestalten eine Gedenkfeier für die Bewohnerinnen und Bewohner. Ich halte außerdem den Kontakt zur Seelsorge. Hat das Projekt den Alltag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haus verändert? Ja – im Großen und im Kleinen. Wie? Zum einen ist Palliative Care jetzt ein fester Punkt auf der Teamsitzung und somit ständiges Thema im Haus. Zum anderen gibt es die vielen Kleinigkeiten, die wir zugunsten einer besseren palliativen Versorgung eingeführt haben und die inzwischen zu unserem Pflegealltag gehören: Angefangen bei neuen Duft-Ölen oder CDs zur Entspannung über den Notfallkrisenplan oder den verbesserten Kontakt zur Hospizgruppe Hörbranz bis hin zur jährlichen Gedenkfeier. Wie ist die Resonanz der Bewohnerinnen und Bewohner? Unsere erste Gedenkfeier wurde dankbar angenommen und war gut besucht. Auch, dass der Seelsorger nun regelmäßig ein Mal pro Woche kommt, schätzen viele sehr. Natürlich kommt auch das bewusstere Arbeiten bei den älteren Menschen an und wird mit einem zufriedenen Blick oder einem Lächeln honoriert. Wie entwickelt sich das Projekt nun weiter? Wir wollen den Notfallkrisenplan weiter verbessern, insbesondere, was den Medikamentenbedarf betrifft. Außerdem möchten wir die Bewohner und Angehörigen noch besser informieren und entwickeln derzeit eine Mappe, aus der sie entnehmen können, wer für was zuständig ist.Wir vom Palliativteam bilden uns berufsbegleitend außerdem ständig weiter in Palliative Care. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Vogt! anstifter ÖSTERREICH 1 | 2019 21

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