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Anstifter 1, 2017 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit, Lebensräume, Pflege, Service und Teilhabe.

Stiftung Liebenau Geduldige Ungeduld von Prälat Michael H. F. Brock Kann man Geduld lernen? Ist es überhaupt wichtig, geduldig zu sein? Ich erforsche mein Inneres. Ich bin kein geduldiger Mensch. Ich war es nie. Es gibt Situationen, da ist Geduld auch gar nicht angesagt. Ich verspüre Eile, wenn es darum geht, dass die Menschheit zur Vernunft kommt. Wenn ich mir vor Augen führe, wie Menschen heute an die Macht kommen und daran festhalten. Mir fallen viel zu viele Beispiele ein und Länder, in denen Menschen an der Macht sind, die mit dem Feuer spielen und mit Menschen. Nein, ich habe kaum Geduld mit Menschen, die mit anderen Menschen und mit dem Frieden auf unserer Erde zu spielen scheinen. Und ich habe keine Geduld, wenn ich Menschen in Not erlebe. Wir haben als Stiftung im vergangenen Jahr Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben es bei uns nicht politisch zerredet, sondern gehandelt. Das war biblisch und vertrug keinen Aufschub: Da ist jemand hungrig, also gib ihm zu essen. Da ist jemand durstig, also gib ihm zu trinken. Da ist jemand ohne Heimat, also gib ihm Obdach. Ja, ich habe auch keine Geduld, wenn Menschen in Trauer sind oder in Sorge. Da bedarf es eines tröstenden Wortes sofort, einer Hand, einer Geste, Orte und Zeiten zu heilen, was verwundet ist. Dann aber – zur Heilung – ist Geduld nötig. Ich weiß, was es bedeutet, zur falschen Zeit keine Geduld zu haben. Oder Ungeduld am falschen Ort. Menschen, die ich überfordere, indem ich zu wenig Raum oder Zeit lasse. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mehr Einfühlungsvermögen von mir bräuchten und die meine Ungeduld nur verunsichert. Eigentlich kommt das Wort Geduld ja von „tragen“ oder „mittragen“ – und nicht von „Hektik “ oder „jagen“. Das muss ich mir immer wieder bewusst machen. Und – so die Sprachwissenschaft – es steckt auch das „standhafte Wagen“ darin. Irgendwie scheint sie eine Tugend zu sein, die Geduld, die viele Gesichter hat. Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern, schreibt Konfuzius. Diesen Satz will ich mir merken. Es hat auch mit Gelassenheit zu tun, Kleines wachsen zu lassen, Menschen Zeit zu geben. Nicht immer gleich alles zu wollen. Christian Morgenstern hat das schön ins Bild einer Sanduhr gebracht: „Da lässt sich nichts durch Rütteln und Schütteln erreichen. Du musst geduldig warten, Körnlein um Körnlein (...).“ Ich finde tausend Gründe, mich zu erinnern, wie notwendig und heilsam die Tugend der Geduld ist. Nur an eine Grenze stoße ich. Ich sag es mal mit Jean-Jacques Rousseau. Der schreibt im „Emil oder Über die Erziehung“: „(…) denn es liegt in der Natur des Menschen, zwar die durch die Verhältnisse bedingte Notwendigkeit, nicht aber den Eigenwillen anderer geduldig zu ertragen.“ Das ist der Punkt. Da fehlt es mir an Geduld. Wenn jene Populisten, die heute wieder hoffähig werden, meine Geduld auf die Probe stellen. Oder meinen Glauben an die Vernunft im Menschen. Ich denke, das muss man nicht „ertragen“. Sondern standhaft bleiben. Ich übersetze Geduld auch manchmal mit Langmut oder Ausdauer. Ja, wo die Welt aus den Fugen gerät, da will ich nicht still zuschauen, sondern langmütig werden, das heißt, ausdauernd um Einsicht mich mühen. Alles, was nur Einzelnen nützt, Egoismen von Menschen, Religionen oder Staaten, hat langfristig immer zu Untergang oder Krieg geführt. Damit habe ich keine Geduld. Aber in meiner Ungeduld bleibe ich ausdauernd! 14 anstifter 1 | 2017

Stiftung Liebenau „Es wurde zu spät, zu milde und zu wenig verurteilt“ Interview zum Euthanasie-Gedenktag mit dem Leitenden Oberstaatsanwalt Jens Rommel Jens Rommel, Leitender Oberstaatsanwalt, steht seit 2015 an der Spitze der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ in Ludwigsburg. Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus sprach er im Liebenauer Schloss über Chancen und Grenzen der juristischen Aufklärung. Herr Rommel, was ist die Aufgabe der Zentralen Stelle? Seit der Gründung im Jahr 1958 sammeln wir weltweit ermittlungsrelevantes Material über nationalsozialistische Verbrechen, sichten es und werten es aus. Wir forschen in allen Archiven nach Puzzlestücken, beschreiben, was passiert ist und schauen, wer dafür verantwortlich sein könnte. Dabei ist unsere Aufgabe, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft vorzubereiten. 2016 konnten wir zwölf neue Verfahren übergeben. Trotzdem ist manchmal frustrierend, dass mehr als 95 Prozent der Personen nicht mehr leben. Gegen wie viele Verdächtige hat die Zentrale Stelle bisher ermittelt? Sie hat mehr als 7600 Vorermittlungen eingeleitet, wobei hinter den einzelnen Verfahren oft viele Personen beziehungsweise Straftaten stehen. In unserer Zentralkartei in Ludwigsburg finden sich etwa 1,7 Millionen Karteikarten mit mehr als 700 000 Namen. Wie viele Täter konnten verurteilt werden? Die Bilanz aller NS-Verfahren seit 1945 sieht so aus, dass von rund 175 000 Beschuldigten weniger als 7000 verurteilt wurden. Über 2000 Verfahren wurden von Gerichten eingestellt, in 5000 kam es zum Freispruch. Insgesamt muss man sagen: Es wurde zu spät, zu milde und zu wenig verurteilt. Waren unter den Verurteilten auch Personen, die an den Euthanasie-Verbrechen beteiligt waren? Im Rahmen der „T4-Aktion“ wurden innerhalb von 20 Monaten mehr als 70 000 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung in sechs Anstalten durch Giftgas getötet. Es gab 88 Euthanasie-Prozesse. Direkt nach dem Krieg wurden sieben Todesurteile gefällt. Ansonsten wurde in 29 Fällen eine Freiheitsstrafe verhängt, drei Verfahren wurden eingestellt und es gab 49 Freisprüche. Von den acht Angeklagten im Grafeneck-Prozess musste zum Beispiel keiner ins Gefängnis. Warum beschäftigt sich die Zentrale Stelle auch heute, mehr als 70 Jahre nach Kriegsende, mit der Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen?- Von Deutschland gingen unvorstellbare Straftaten aus. Dass unsere Arbeit auch heute noch von Bedeutung ist, zeigt das jüngste Urteil mit fünf Jahren Haft, das erst vor wenigen Monaten gefällt wurde. Von den 30 Verfahren zu Ausschwitz endeten immerhin zwei mit einem Urteil. Dabei spielt die Dauer einer Freiheitsstrafe nicht die entscheidende Rolle. Vielmehr geht es darum, die persönliche Verantwortung des Einzelnen deutlich zu machen. Die Verfahren sind eine Mahnung für die jüngeren Generationen und tragen dazu bei, dass die NS-Verbrechen nicht vergessen werden. Wie sieht die Zukunft der Zentralen Stelle aus? Die Justizminister wollen sie als Ort des Gedenkens, der Mahnung und der Aufklärung etwa in Form eines Dokumentations-, Forschungs- und Informationszentrums erhalten. (cw) „Die Verfahren sind eine Mahnung für die jüngeren Generationen“: Jens Rommel, Leitender Oberstaatsanwalt. anstifter 1 | 2017 15

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