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annalive 02/2015

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

8 DAS THEMA Eine Reise

8 DAS THEMA Eine Reise durch die Hausgemeinschaften der St. Anna-Hilfe Wie in verschiedenen Familien Kleine Wohneinheiten mit rund zehn Personen und eine gemeinsame Wohnküche sind gute Grundlagen für ein heimeliges Umfeld. Doch nicht nur heimelig, auch familiär soll es in den Hausgemeinschaften zugehen. Wie entsteht diese Familiarität? Warum fühlen sich die Bewohnerinnen geborgen? Welche Rolle spielt die Alltagsmanagerin? Vormittage im Gartenweg des Sozialzentrums Kloster Nazareth und im Kastanienweg des Sozialzentrums St. Vinerius sowie ein Blick in den Nepomukweg von St. Josef haben vielfältige Antworten geliefert. Und die Erkenntnis, dass keine Hausgemeinschaft ist wie die andere. Text: Elke Benicke Fotos: Inge Streif, Bernadette Peitler, Elke Benicke Die eigenen Vorlieben leben Romy Rosenauer ist Alltagsmanagerin im Gartenweg, einer Hausgemeinschaft des Sozialzentrums Kloster Nazareth in Stadl-Paura. Gerade gibt es Frühstück. Flink bestreicht sie ein Semmerl mit Butter und Marillenmarmelade, schneidet es klein, stellt es zum Kaffee auf ein Tablett und verschwindet in eins der Bewohnerzimmer. „Guten Morgen Pauli, guten Morgen Herr W.“, sagt sie fröhlich beim Eintreten. Ein Ehepaar? Nein, sie lacht: „Pauli, so heißt die Katze. Herr W. freut sich einfach, wenn ich ihr zuerst einen guten Morgen wünsche.“ Romy Rosenauer weiß, dass Herr W. lieber Marillen- als Erdbeermarmelade isst und sein Semmerl aufgrund seiner Kaubeschwerden klein geschnitten sein muss. Und sie weiß, dass es ihre wichtigste Aufgabe ist, die individuellen Bedürfnisse und Wünsche „ihrer“ Bewohnerinnen zu kennen. „Die älteren Menschen legen großen Wert darauf, dass jeder im Team weiß, worauf sie Wert legen“, so formuliert sie es selbst. Dafür gebe es in jeder Hausgemeinschaft eine kleine Box mit Karteikarten, auf denen die Mitarbeiterinnen eintragen, wer was gerne wie braucht oder bevorzugt. Anders als im Sozialzentrum Kloster Nazareth, wo man von einer Hausgemeinschaft die nächste nicht sieht, liegen im Sozialzentrum St. Vinerius in Nüziders jeweils zwei Hausgemeinschaften einander gegenüber, sind nur durch einen Gang getrennt. Von Anfang an haben sich die insgesamt 20 Bewohnerinnen der sich gegenüberliegenden Hausgemeinschaften vermischt und die Räumlichkeiten nach ihren Wünschen aufgeteilt: Während im Rosenweg nur einzelne Tische besetzt sind, gibt es im Kastanienweg einen großen runden Tisch, wo sich alle treffen, die Lust auf Gesellschaft haben. Meist ist nur eine Küche in Betrieb, die im Kastanienweg. Und so werkeln dort auch meist zwei: Alltagsmanagerin Christine Katzenmayer und Alltagsmanagerin Melanie Romagna. Solange die eine nicht da ist, arbeitet die andere auch mit einem Zivildiener oder Praktikanten zusammen. „Karl, gut geschlafen heut?“, fragt der Zivildiener den älteren Mann, der gerade direkt vor der Wohnküche Platz genommen hat – hier in Vorarlberg ist das „Du“ gebräuchlicher und die Anredeform, die die älteren Menschen gewohnt sind. „Woll!“, antwortet Karl und schaut sich um, wer sonst noch beim Frühstück sitzt. Wenn er gewusst hätte, dass es hier so viele Frauen gibt, wäre er früher ins Heim gekommen, nicht erst vor zwei Wochen. „Ein Charmeur“, sagt der Zivildiener.

9 DAS THEMA Sich gegenseitig akzeptieren Es ist 8.45 Uhr. Frau P., sie ist schwer sehbeeinträchtigt, kommt aus ihrem Zimmer in den Wohnbereich des Gartenwegs, ohne Stock, denn sie kennt sich hier aus. Zehn Minuten später kommt ihr Mann aus einem anderen Zimmer. „S‘ ist besser, wenn’s getrennt sind!“, bemerkt die Alltagsmanagerin, schickt aber gleich die offizielle Erklärung hinterher: „Herr P. schläft gern länger.“ Er setzt sich neben seine Frau und auch die anderen Tische füllen sich, sieben Bewohnerinnen sind jetzt im Wohnbereich. Zuletzt bringt eine Betreuerin Herrn H. im Rollstuhl. Aufgrund seiner fortgeschrittenen Demenz spricht der 93-Jährige nicht mehr, scheint aber hin und wieder zu lächeln. Der Zivildiener reicht ihm das Frühstück. Drei sind im Zimmer geblieben: Eine ältere Dame ist krank, eine gehörlose, 66-jährige Frau sehr selbstständig und schon unterwegs. Und ein Bewohner bevorzugt es, im eigenen Zimmer zu frühstücken. „Wir diskutieren die Vorlieben oder Eigenheiten der Leute nicht, sondern akzeptieren sie“, sagt die Alltagsmanagerin. Im Kastanienweg kommen alle aus ihren Zimmern. Eine Gruppe von drei Damen sitzt etwas abseits. Sie bezeichnen sich selbst als „lärmempfindlich“ und fühlen sich am „Katzentisch“ einfach wohler. Auch die beiden jüngeren, um die Sechzigjährigen, Rudolf und Karin, sitzen gerne an einem eigenen Tisch. Einige Bewohnerinnen sind stark dement. Edith, zum Beispiel: Sie spricht nicht mehr, isst und trinkt aber „fleißig“ – das heißt, sie löffelt Suppe, auch wenn diese noch nicht im Teller ist oder versucht, das Wasser aus der Blumenvase zu trinken. Kathy vergisst zu schlucken, wenn sie nicht dazu aufgefordert wird. Und eine Dame flirtet gern mit den jungen Männern im Team. „Manchmal ist es gerade für Menschen mit Demenz schwierig, die Verhaltensweisen anderer dementer Menschen zu akzeptieren“, sagt Christine Katzenmayer, „dann setzen wir die Betreffenden auseinander – wofür sie uns meist sehr dankbar sind.“ „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn, gehn wir in den Garten…“, singt Frau W., als sie zum Kaffee und Kuchen in den Wohnbereich des Nepomukwegs kommt. Es ist zwar Aschermittwoch, trotzdem trägt sie wie am Vortag wieder ihr Faschingshütchen. Eine Pflegekraft stimmt lachend in ihr Lied ein und auch Hausleiter Thomas Adler schmunzelt: „Frau W. singt jetzt viel, das hat sie früher nicht getan. Sie ist an einer Demenz erkrankt, kennt aber noch alle Lieder auswendig und hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Wir freuen uns einfach, dass es ihr so gut geht.“

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