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annalive 02/2015

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

6 DAS THEMA Macht es

6 DAS THEMA Macht es Sinn, die Bewohnerinnen nach ihren Krankheitsbildern zu trennen, zum Beispiel Hausgemeinschaften zu etablieren, in denen nur Menschen mit Demenz leben? Doris Kollar-Plasser: In der St. Anna-Hilfe arbeiten wir nach dem Leitsatz In unserer Mitte – Der Mensch. Das bedeutet, dass wir alle Menschen, auch jene mit schweren Beeinträchtigungen in die Gemeinschaft integrieren. So ist zum Beispiel das jeweilige Stadium der Demenz im Hinblick auf das Wohnen in einer Hausgemeinschaft nicht relevant. Denn auch Menschen mit einer schweren Beeinträchtigung können an der Gemeinschaft teilhaben. Dank technischer Hilfsmittel lässt sich jede Bewohnerin, auch eine „bettlägerige“, so mobilisieren, dass sie zumindest stundenweise im Wohnbereich am gemeinsamen Leben teilhaben kann. Klaus Müller: Die Trennung nach Krankheitsbildern macht unseren Erfahrungen zufolge nicht viel Sinn. Mit einem zunehmenden Anteil von pflegebedürftigen Menschen mit Migrationshintergrund könnte ich mir das künftig eher auf der Ebene der kultursensiblen Pflege vorstellen. Bringt das Hausgemeinschaftsmodell auch Nachteile mit sich? Klaus Müller: Das Modell ist sehr stark auf die innere Organisation des Wohnens ausgerichtet. Eine Wäscherei und Großküche braucht es nicht mehr. Dadurch geht aber auch die Möglichkeit verloren, zusätzliche Dienstleistungen für die Kommune zu übernehmen wie Essen auf Rädern, ein gemeinsamer Mittagstisch oder Essen für Schüler. Doris Kollar-Plasser: Stattdessen gewinnt das Leben in den Hausgemeinschaften an Normalität: Die Mitarbeiterinnen konzentrieren sich auf das Leben mit den Bewohnerinnen in der Gemeinschaft. Wir haben ja auch keinen großen Festsaal mehr. Alle Feste, ob Geburtstag oder Weihnachten, werden in den einzelnen Hausgemeinschaften gefeiert und nur zu wirklich großen Anlässen im größeren Rahmen. Welche Entwicklungen hat es in den Hausgemeinschaften der St. Anna-Hilfe gegeben? Klaus Müller: Das Konzept an sich ist perfekt und ist es auch in seiner Umsetzung. So gab es auch keinen Entwicklungsbedarf. Wie organisieren sich die Mitarbeiterinnen der Pflege und der Hauswirtschaft innerhalb einer Wohngruppe? Klaus Müller: Im Alltag einer Wohngruppe gehen die beiden Bereiche einfach ineinander über und so setzen wir das auch um. Unsere Mitarbeiterinnen haben unterschiedliche Qualifikationen, aber auch unterschiedliche soziale Fähigkeiten, doch jeder einzelnen muss klar sein, dass es per se keine höheren oder minderwertigen Tätigkeiten gibt, sondern jede ihre Berechtigung, ihren Wert hat. So gibt es nur ein Team, in dem alle zum Wohl der Bewohnerinnen am selben Strang ziehen. Doris Kollar-Plasser: Das Miteinander-Arbeiten in einem interdisziplinären Team fordert von jeder neuen Mitarbeiterin eine persönliche Entwicklung. Langjährige Mitarbeiterinnen geben das Konzept an die Jugend weiter und so bleibt das Ziel des Miteinanders bestehen. Weiterentwickelt haben sich unsere Mitarbeiterinnen auch in fachlicher Hinsicht, zum Beispiel im bewohnerorientierten Arbeiten. Lohnt sich das Hausgemeinschaftsmodell denn auch wirtschaftlich? Klaus Müller: Tatsächlich ist die Umsetzung von Hausgemeinschaften nicht teurer als eine andere Form der Pflege und Betreuung im stationären Bereich. Das Personal, das sonst in Wäschereien und Großküchen beschäftigt wäre, haben wir einfach in den Wohnbereich geholt. Doris Kollar-Plasser: Ziel unserer Arbeit ist nicht der monetäre Profit, sondern das Lächeln eines älteren Menschen. ❑

7 DAS THEMA Die Idee der Hausgemeinschaften auf ältere Häuser übertragen So normal wie möglich Das Hausgemeinschaftsmodell bietet älteren Menschen in der stationären Langzeitpflege ein alltagsnahes Leben rund um die gemeinsame Wohnküche. Voraussetzung dafür sind neben dem Konzept auch bauliche Strukturen. Obwohl diese in den älteren Häusern der St. Anna-Hilfe nicht vorliegen, hat auch dort ein Umdenken stattgefunden. Hausleiterin Jutta Unger berichtet, wie es ihrem Team im Haus St. Josef gelungen ist, „Küche und Stube in den Wohnbereich zu holen“. Text: Jutta Unger/Foto: Felix Kästle Als das Hausgemeinschaftsmodell in den neuen Häusern der St. Anna-Hilfe realisiert wurde, war das auch ein Impuls, das bisher bestehende Modell der Wohngruppen neu zu überdenken und sich auf eine völlig neue Sichtweise einzulassen. Was bedeutet es, selbstbestimmt den Alltag zu erleben? Sollen alle so viel wie möglich rühren, hacken, schneiden? Oder genügt es, dabei zu sein, zu sehen, zu hören und zu schmecken? Was wollen die älteren Menschen? Was können wir in unseren Wohngruppen ohne die baulichen Gegebenheiten einer Wohnküche umsetzen? Welche Hygienevorschriften gilt es einzuhalten? All diese Überlegungen haben zunächst zu einem intensiveren Austausch zwischen den Pflegenden und den Mitarbeiterinnen der Hauswirtschaft geführt. Eine neue Sichtweise wird Alltag Im Ergebinis haben wir die Vorzüge unserer zentralen Küche, die eine breite Menüwahl und Smoothfood (spezielle Breikost) bietet, mit dem Hausgemeinschaftsgedanken kombiniert. Seit zehn Jahren richten wir das Frühstück im Wohnbereich an und brühen dort den Kaffee auf. Die Bewohnerinnen frühstücken, wenn sie ausgeschlafen haben. Wir gehen auf ihre individuellen Vorlieben ein und ermutigen die älteren Menschen, ihr Brot selbst zu streichen. So werden Ressourcen wie die Feinmotorik erhalten und gefördert. Anfangs war das Personal gefordert, die neue Sichtweise auf immer neue Situationen zu übertragen. Inzwischen ist die Sichtweise selbst, die Idee hinter den Hausgemeinschaften, zum Alltag geworden. Gespräche ergeben sich von selbst Entsprechend dem Konzept hat sich auch beim Mittagessen einiges geändert: Im Gegensatz zu früher wird das Essen nun am Tisch geschöpft. Jede Bewohnerin kann ihre individuelle Portion selbst bestimmen und jederzeit nachnehmen. Dasselbe gilt für das Abendbrot. Da die Mitarbeiterinnen jetzt mehr vor Ort in den Wohngruppen beschäftigt sind, ergeben sich Gespräche und Interaktionen mit den Bewohnerinnen von selbst. So hat das Umdenken im Sinne des Hausgemeinschaftsmodells unsere Wohnbereiche noch heimeliger werden lassen. ❑

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