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annalive 02/2015

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

10 DAS THEMA Sich

10 DAS THEMA Sich gemeinsam erinnern – ganz nebenbei Im Gartenweg bestreicht Romy Rosenauer weiter Brötchen. Beiläufig erkundigt sie sich, wie die einzelnen geschlafen haben. Ein ausgiebiges Thema für die älteren Menschen. Dann geht es ums Wetter. Auch dieses Thema kommt gut an, denn die Sonne strahlt durch den Wohnbereich. „Wie war das Wetter gestern?“, fragt Romy Rosenauer. Die Gesichter verdunkeln sich kurz, doch einige Bewohnerinnen erinnern sich schnell wieder: „Schee war’s, ja, Faschingsdienstag war!“ Dann gibt ein Wort das andere. Es geht um die Feier im Haus und die Krapfen, Details scheinen weniger wichtig als Gefühle, doch die Alltagsmanagerin fragt trotzdem nach. Frau F. weiß noch, dass die „Ebenseer Fetzen da war’n und Musi g’macht ham“. Die meisten der älteren Menschen stammen aus der Region, kennen den Ebenseer Fasching von klein auf und wissen auch, dass auf den Faschingsdienstag das „Briaftaschlwaschen“ am Aschermittwoch folgt, ein Brauch, bei dem „die Fetzen“ ihre Geldbeutel in die Traun tauchen, um zu zeigen, dass sie jetzt nach dem Fasching leer sind. Erinnerungsarbeit und Gedächtnistraining, ganz nebenbei. Im Kastanienweg sitzen inzwischen rund zehn Bewohnerinnen um den runden Tisch, dazwischen zwei Pflegekräfte und eine Auszubildende. Es gibt Obstfrühstück. Eine Betreuerin bittet den Schüler, der für zwei Wochen zum Schnuppern im Kastanienweg hospitiert, die Sprichwörterbox zu holen. Der junge Mann liest Anfänge von Sprichwörtern vor, die die Bewohnerinnen ergänzen sollen: „Einen alten Baum…“, Emmi ergänzt: „… verpflanzt man nicht“, „Wer reist…“ – er wartet kurz und ergänzt dann selbst: „…kann was erleben“. Ein „Aha“ geht durch die Runde. Der Schüler liest weiter vor, ergänzt aber immer öfter selbst, seinen Blick auf die Karten gerichtet. Die Bewohnerinnen verlieren prompt das Interesse. „Du musst lauter lesen und langsam. Dann auch mal länger warten, in die Runde schauen und Tipps geben“, unterstützt ihn die Betreuerin. „Aus so einem Tipp kann leicht ein ganzes Gespräch entstehen!“ Sie spricht aus Erfahrung und die Bewohnerinnen bestätigen sie. „Wer reist… – seid ihr früher viel gereist?“, artikuliert der Schüler deutlich und schaut in die Runde. In einigen Gesichtern regen sich Erinnerungen und Lächeln, doch die meisten sind nicht viel gereist – und haben ihre Gründe dafür. Die Arbeit miteinander teilen „I muaß aufs Klo!“, ruft eine Bewohnerin im Gartenweg. „I ruf glei d’Schwester!“, antwortet ihr die Alltagsmanagerin. Denn mit ihrer Ausbildung zur Heimhelferin darf sie nur Bewohnerinnen mit geringem Hilfebedarf auf die Toilette begleiten. Die Bewohnerin wird unruhig. „I muaß aufs Klo!“ Doch da kommt schon eine der Pflegekräfte, die in Hörweite war und das Bedürfnis mitbekommen hat. Das Konzept der Hausgemeinschaften sah anfangs eine strenge Trennung zwischen dem Pflegeteam und dem Personal des Alltagsmanagements vor. „Doch wir haben relativ schnell erkannt, dass diese beiden Teams zusammenarbeiten müssen“, resümiert Pflegedienstleiter Arno Buchsbaum. „Wer im Alltagsmanagement arbeitet, ist auch in der Pflege unterstützend tätig und umgekehrt. So können die Mitarbeiterinnen leichter Verständnis für die Tätigkeiten anderer Berufsgruppen aufbringen.“ Noch größer ist das Miteinander im Kastanienweg: „Wie die beiden Hausgemeinschaften sind auch unsere beiden Teams zu einem zusammengewachsen“, erklärt Alltagsmanagerin Christine Katzenmayer. „Nach der Grundpflege beschäftigen sich die Pflegekräfte auch mit den Bewohnerinnen. Das geht Hand in Hand.“

11 DAS THEMA Sehen, hören, riechen, schmecken: dabei sein! Es wird Zeit, das Mittagessen vorzubereiten. Geschäftig schält Romy Rosenauer Äpfel, rührt immer mal wieder in einem der drei großen Töpfe, in denen es zischt und köchelt und hackt zwischendurch noch kurz die Zwiebeln. Heute gibt es Kartoffeln, dazu gebratenes Forellenfilet mit Knoblauchbutter und vorher eine Grießnockerlsuppe. Romy Rosenauer kennt alle Rezepte auswendig, weiß, was wie lange braten oder kochen muss. Den Speiseplan bekommt sie aus der Produktionsküche des Sozialzentrums Kloster Nazareth. Als Dessert soll es heute Birnen geben, die allerdings noch etwas hart sind und so entscheidet sich die Alltagsmanagerin kurzerhand für ein Apfelkompott. „Da haben wir freie Hand!“, sagt sie. Aufgrund ihrer Demenzerkrankung oder körperlicher Einschränkungen können die Bewohnerinnen sich nicht mehr aktiv am Schälen, Hacken oder Schneiden beteiligen. Dabei sind sie trotzdem, denn sie sehen, hören und riechen, was vor sich geht. Beim Schälen spricht Romy Rosenauer ganz beiläufig über das Essen, fragt in die Runde: „Woher kommen die Forellen wohl?“ Einige stellen Vermutungen an, alle sind sich schmunzelnd einig: „Na, aus der Traun wahrscheinlich ned!“ Sogar Herr H. scheint zu lächeln, vielleicht lächelt er einfach mit. Im Kastanienweg gibt es Grießnockerlsuppe und einen Zwiebelrostbraten mit Butterspätzle, die Christine Katzenmayer (für 20 Personen!) von Hand schabt. „Wie früher“, bemerkt eine Bewohnerin und schaut ihr aufmerksam zu. Zum Dessert gibt es Topfensahnekuchen, den sich Karin zu ihrem heutigen Geburtstag gewünscht hat, 67 Jahre wird sie. Angestoßen wird aber noch vor dem Mittagessen mit Eierlikör, Sekt, Sekt-Orange oder Orangensaft pur. Alle sind dabei, sitzen in der Runde am großen Tisch. Nach dem Singen werden Wünsche ausgesprochen und Karin wird von einigen herzlich gedrückt. Nachmittags im Nepomukweg: Da Frau H. Schluckbeschwerden hat und nichts Flüssiges mehr zu sich nehmen kann, bekommt sie einen Kaffee, der durch Eindickungsmittel breiig geworden ist und daher leichter zu schlucken. Ein Zivildiener gibt ihr ihn ein. „Kaffee schmeckt ihr einfach so guat“, schwärmt er, „warum soll sie darauf verzichten?“ Sich selbst beschäftigen, Bestätigung erfahren Während die Äpfel im Gartenweg schon nach Kompott duften, blättert Frau F. eifrig in der Zeitung. „Herr H. wollen’s auch a bissl in der Zeitung schaun?“, fragt ihn Romy Rosenauer. Herr H. zeigt keine Reaktion. Sie legt ihm eine Zeitung hin und drapiert daneben ein Geschirrtuch zur Pyramide. Der ältere Mann zeigt wieder keine Reaktion. Erst weitere zehn Minuten später greift er langsam nach dem Geschirrtuch, befühlt es, legt es zusammen, wieder auseinander, wieder zusammen, streicht es glatt. „Je nach Tageslaune beschäftigt er sich mit dem Geschirrtuch oder blättert in der Zeitung“, weiß die Alltagsmanagerin. Gut gelaunt kommt Frau P. zurück vom Baden, begleitet von einer Betreuerin. Sie genieße es, einmal in der Woche zu baden. „Leider können nur kreislaufstabile Bewohnerinnen baden und das sind die wenigsten“, bedauert Romy Rosenauer. Im Kastanienweg wickelt Elisabeth das Besteck sehr sorgfältig in die Tageszeitung ein. Ein Messer fällt zu Boden. Der Zivildiener hebt es auf. Elisabeth wickelt es noch einmal ein, gibt sich noch mehr Mühe damit, kommt aber nicht gut zurecht mit der Zeitung. Immer wieder rutscht eins der drei Besteckteile heraus. Eine Betreuerin kommt zu ihr: „Elisabeth, des bruchsch jetzt glei!“ Aber Elisabeth ist zu beschäftigt, hört nicht, was sie sagt. „Ah, du willsch es ipacka. Guat!“, sagt die Betreuerin daraufhin und hilft ihr. Als alle drei Teile verpackt sind, ist Elisabeth erleichtert und wird ruhiger. Im Nepomukweg spielt die Praktikantin „schnapsen“ (ein Kartenspiel, Anm. d. Red.) mit Frau G., die konzentriert in ihre Karten schaut. „A Spezialistin bin i ned, einfach, weil i z’wenig aufpass“, sagt Frau G. lachend und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Trotzdem gwinn i ziemlich oft.“

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