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annalive 02/2014

Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

8 DAS THEMA Einführung

8 DAS THEMA Einführung von Expertenstandards Zum Beispiel Stürze verhindern Im Zuge einer evidenzbasierten Pflege fordert der Prüfraster der Vorarlberger Landesregierung die Einführung von Standards, die den Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) inhaltlich gleichen. Die Verantwortlichen der St. Anna-Hilfe erachten diese pflegewissenschaftliche Entwicklung als wichtig und haben in den Vorarlberger Häusern bereits zwei der wissenschaftlich fundierten Leitlinien eingeführt: die Dekubitusprophylaxe und –pflege sowie die Sturzprävention. Wie solch eine Implementierung praktisch abläuft, wird am Beispiel der Sturzprävention deutlich. Text: Dr. Dennis Roth/Fotos: Felix Kästle Stürze stellen für ältere Menschen ein hohes Risiko dar: Während ihre Fähigkeiten, sie zu verhindern, abnehmen, nehmen die Risikofaktoren zu. Der Expertenstandard unterstützt die Pflegekräfte darin, Risiken rechtzeitig zu erkennen und zu minimieren. Gleichzeitig gilt es, die Mobilität der Bewohnerinnen zu sichern oder zu fördern. Expertenstandards sind allgemein formulierte Leitlinien, die mit wissenschaftlich-fundierten Methoden Rahmenbedingungen empfehlen. Die Verantwortlichen in den Häusern der St. Anna-Hilfe in Vorarlberg adaptieren die Bedingungen vor Ort an diese Leitlinien – und zwar zunächst theoretisch. Jede Leitlinie umfasst sechs Ebenen. Auf der ersten Ebene geht es zum Beispiel um Risikofaktoren, die anhand der folgenden Qualitätsmerkmale erfasst werden: - Strukturqualität: Sie beschreibt die Rahmenbedingungen, unter welchen die Leistung erbracht wird, zum Beispiel, dass die Pflegeperson über aktuelles Wissen zur Sturzprävention verfügt und Risikofaktoren identifizieren kann. - Prozessqualität: Sie beschreibt die Handlungsabläufe und berücksichtigt, dass meistens mehrere Berufsgruppen beteiligt sind. Im Fall der Sturzprävention identifizieren die Pflegepersonen zum Beispiel die personen- und umgebungsbezogenen Risikofaktoren der Bewohnerinnen. - Ergebnisqualität: Sie beschreibt das Leistungsergebnis. Die Risikofaktoren werden systematisch erfasst. Neben den Risikofaktoren gibt es fünf weitere Ebenen, deren Struktur- und Prozessqualitäten im Hinblick auf die Ergebnisqualität erarbeitet werden. Dies sind: die Maßnahmen zur Vermeidung der Risiken,

9 DAS THEMA und Mitarbeiterinnen und steuern die Pflege- und Betreuungsprozesse. So sind relativ viele Mitarbeiterinnen an der Einführung des Standards beteiligt, was die Akzeptanz desselben fördert. Während der Umsetzung des Standards tauschen sich die Wohnbereichsleiterinnen zudem regelmäßig mit der Hausleiterin aus. Diese muss einer eventuell veränderten pflegerisch-strategischen Ausrichtung zustimmen und ein Auge auf die Kosten haben, die sich durch eventuelle Veränderungen der Oganisationsabläufe und Neuanschaffungen ergeben. ❑ In fünf Phasen zu einer praxistauglichen Leitlinie - Die Expertenarbeitsgruppe: In einer ersten Phase prüfen die Mitarbeiterinnen, konkret die Wohnbereichsleiterinnen, wie sie, zum Beispiel bei der Sturzprävention, bisher vorgegangen sind. So verschaffen sie sich einen Überblick. der Hilfsmitteleinsatz, die Information aller Beteiligten und die systematische Analyse und Erfassung. Fachwissen wird vorausgesetzt Welcher Expertenstandard in einer bestimmten Einrichtung eingeführt wird, hängt von den trägerinternen Themenschwerpunkten, den Entwicklungspotentialen oder den jeweiligen behördlichen Anliegen ab. Ziel ist, eine effektive und allgemeingültige Leitlinie für die eigene Einrichtung zu erarbeiten. Relevantes Fachwissen wird vorausgesetzt, im Falle der Sturzprävention zum Beispiel das Wissen zu Protektorhosen, Sturzmatten, schwindelerzeugenden Medikamenten oder der Anatomie des Gleichgewichtsorgans. Viele Mitarbeiterinnen sind involviert Mit dem Erarbeiten des Standards sind in erster Linie die Wohnbereichsleiterinnen befasst. Denn sie stehen in unmittelbarem Kontakt zu Bewohnerinnen - Die Literaturanalyse: In einer zweiten Phase aktualisieren die Wohnbereichsleiterinnen ihren Wissensstand, zum Beispiel zum Thema Sturz. Dazu gehört das Einlesen in den Expertenstandard des DNQP und die aktuelle Fachliteratur. Gegebenenfalls findet eine Fortbildung statt. - Die Adaption: Die Wohnbereichsleiterinnen adaptieren die kulturellen und organisatorischen Gegebenheiten des Pilothauses an die Leitlinie. Schließlich wird die Leitlinie allen Verantwortlichen in den Häusern der St. Anna-Hilfe Vorarlberg vorgestellt, geprüft und verabschiedet. - Die Implementierung: In der vierten Phase wird die Leitlinie in allen Vorarlberger Häusern der St. Anna-Hilfe umgesetzt. Alle Mitarbeiterinnen werden intern in der Handhabung der neuen Leitlinie geschult. - Die Aktualisierung: Die Leitlinien werden in regelmäßigen Abständen auf ihre Aktualität hin geprüft. Fragestellungen können sein: Gibt es neue Literatur oder Forschungsergebnisse?

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