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annalive 02/2014

Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

6 DAS THEMA Qualität in

6 DAS THEMA Qualität in der Pflege“. Die umgangssprachlich ‚gute Qualität‘, die eine Einrichtung anbietet, ist durch den natürlichen Wettbewerb und zum großen Teil auch durch die öffentliche Hand motiviert. Um eine angemessene, medizinische und pflegerische Versorgung seiner Bürgerinnen zu sichern, fordert der Staat gesetzliche Mindeststandards und setzt Prüf- und Kontrollinstanzen ein. Weniger darf nicht sein, mehr muss nicht sein. Die Einrichtungen wiederum verfügen über ein Qualitätsmanagement, das bei der Versorgung der Bewohnerinnen eine gute Ergebnis- beziehungsweise Pflegequalität im Fokus hat. Gemeint ist der Gesundheits- und Zufriedenheitsgrad jeder einzelnen Bewohnerin; ihr Erleben allein bestimmt, ob eine Pflegedienstleistung gut oder schlecht war. Diese Pflegequalität steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Strukturen und Prozessen in einer Pflegeeinrichtung. Zu den Strukturen zählen unter anderem die Qualifikationen der Mitarbeiterinnen, Arbeitsplatzbedingungen und die Personalausstattung. Unter den Prozessen sind Abläufe wie Aufnahmekonzepte, Betreuungspläne und Pflegemaßnahmen subsumiert. Die Expertenstandards Um ihre Pflegequalität zu verbessern, entwickeln Pflege- und Gesundheitseinrichtungen betriebsinterne Pflegestandards. Auf der Grundlage bestimmter Strukturen und Prozesse legen diese Standards das Ergebnis fest, das eine Pflegeperson oder eine ganze Einrichtung in einer konkreten Pflege-, Betreuungsoder Behandlungssituation erreichen will. Im Zuge des Qualitätsdenkens hat das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) vor nunmehr zehn Jahren die evidenzbasierten Pflegestandards oder Expertenstandards hervorgebracht. So können die pflegerischen Handlungen auf dem jeweils aktuellen Stand des wissenschaftlich gesicherten Wissens getroffen werden. Aktuell gibt es acht Expertenstandards: zum Entlassungsmanagement, zur Dekubitusprophylaxe, zum Schmerzmanagement bei akuten und chronischen Schmerzen, zur Sturzprophylaxe, zur Förderung der Harnkontinenz, zur Pflege bei chronischen Wunden und zum Ernährungsmanagement. Mittlerweile hält die Implementierung dieser wissenschaftlich fundierten Leitlinien auch in Vorarlberg Einzug. Von Standards und Menschenverstand Struktur-, Prozess- und Ergebnisdenken existieren auch ohne schriftlich definierte Standards. Jede Pflegeperson erbringt unter den gegebenen Strukturbedingungen ihre Leistung in der Prozessabfolge, die sie in den Berufsjahren erlernt und weiterentwickelt hat und bringt ihre eigene Urteilsfähigkeit mit ein. Der Pflegestandard darf nicht mit einer Standardpflege, also der Gleichbehandlung aller Bewohnerinnen gleichgesetzt werden. Die Pflegende soll die Leitlinie vielmehr an die individuelle Situation und Bedürfnisse der Bewohnerin anpassen, ihn als Richtlinie in Bezug auf pflegerische Risiken betrachten. ❑ Wir sprechen von der „Leitlinie“ Der Begriff „Standard“ führt leicht zu sprachlichen Verwirrungen: So hat der Experten- oder Pflegestandard nichts mit einer Standardpflege, also der Gleichbehandlung aller Bewohnerinnen zu tun. Vielmehr geht es darum, den Standard an die Bedürfnisse der Bewohnerin anzupassen, ihn als Leitlinie in Bezug auf pflegerische Risiken zu betrachten. Die Mitarbeiterinnen der St. Anna- Hilfe verwenden deshalb den Begriff Leitlinie.

7 DAS THEMA Die wichtigste Nebensache Wissenschaft im Alltag In den letzten Jahren hat sich die Pflegewissenschaft zu einer eigenständigen und ernstzunehmenden Wissenschaft gemausert, die den Spagat zwischen Theorie und Praxis schafft. Ein Zeugnis dafür sind die wissenschaftlich fundierten Leitlinien, die das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) an der Universität Osnabrück entwickelt hat. Während die ersten dieser so genannten Expertenstandards in der St. Anna-Hilfe umgesetzt werden, fragen sich Führungs- und Pflegepersonen: Hilft uns das wirklich? Geht es den Bewohnerinnen damit besser? Sind sie dadurch glücklicher? Text: Florian Seher/Foto: Felix Kästle Seit zehn Jahren legen wir in der St. Anna-Hilfe den Fokus auf die individuellen und psychosozialen Bedürfnisse unserer Bewohnerinnen. Grundlage dafür ist das Konzept der Hausgemeinschaften: Die älteren Menschen sollen ihren Alltag leben wie vorher daheim, mit ihren ganz persönlichen Wünschen und Bedürfnissen, die oft sehr klein sind, die es aber zu erkennen und umzusetzen gilt. Besonders bei Menschen mit Demenzerkrankungen gehört sehr viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl dazu. Wichtig ist auch der Erfahrungsaustausch im Team, denn jede Mitarbeiterin hat ihren eigenen Zugang, jede Bewohnerin ist ein eigener Mensch. Oft gehen die Mitarbeiterinnen tief in die Beziehung, hören und spüren ganz genau hin. Ein Erfolgserlebnis ist es dann, wenn ein pflegebedürftiger Mensch sagt oder vermittelt, dass er glücklich sei oder sich wie zuhause fühle. Solche Erfolge sind nicht messbar. Nein, aber alle im Haus spüren: Die Stimmung und die Atmosphäre passen, auch die Angehörigen fühlen sich wohl, die Zufriedenheit steigt, Beschwerden bleiben aus. Wir haben unser Ziel erreicht. Wissenschaft im Heim: Fluch oder Chance? Nun kommt die Pflegewissenschaft mit ihren Erkenntnissen, macht Vorgaben, die hier in Vorarlberg stetig wachsen. Ein Prüfraster hält uns an, in der Risikoerkennung noch besser, professioneller und schneller zu sein. Dementsprechend haben wir Leitlinien zu den Themen Dekubitus (Wundliegen) und Sturz entwickelt, weitere folgen. Es geht um die Überprüfbarkeit im Umgang mit Risikosituationen. Dieser Druck von außen verändert die Arbeit im Heim. Natürlich will jedes Haus bei der Prüfung bestehen und zwar bestmöglich. Es wird geprüft, gemessen, evaluiert und neu geplant, die Verwaltung und die Pflegedokumentation nehmen zu. Jedes Risiko will erkannt und bewertet werden. Das verleitet uns, sehr „technisch“ unterwegs zu sein und die Beziehungsarbeit zu vernachlässigen. Spagat zwischen Theorie und Praxis Auch in Zukunft muss die Beziehung zum Menschen im Fokus unseres Interesses liegen. Das erfordert Zeit, viel Zeit. Die Risikoerkennung und ihre Minimierung sind wichtig, jedoch nur die wichtigste Nebensache. Sie muss professionell, aber im Hintergrund mitlaufen. In den letzten Jahren hat sich der Personalschlüssel im Pflegeheim nicht verändert. Gleichzeitig hat jedoch der Anteil der Büroarbeit stark zugenommen. Noch schaffen wir den Spagat zwischen immer größer werdendem Planungs- und Bürokratieaufwand und wertschätzender Beziehungsarbeit. Aber wie lange kann das bei gleichbleibenden Stellenplänen noch gut gehen? ❑

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