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annalive 02/2014

Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

4 DAS THEMA Pflege im

4 DAS THEMA Pflege im Licht des Fortschritts Der ältere Mensch in Theorie und Praxis Die Pflegewissenschaft ist eine sehr junge Wissenschaft. Kaum 15 Jahre ist es her, dass im deutschsprachigen Raum erstmals der akademische Grad eines Doktors der Pflegewissenschaften verliehen wurde (an der Humboldt-Universität Berlin). Während anfangs die theoretische Auseinandersetzung um Grundbegriffe dominierte, geht es heute zunehmend um die wissenschaftliche Begründung pflegepraktischer Themen – die evidenzbasierte Pflege. Die Pflegepersonen sind insbesondere mit den so genannten Expertenstandards konfrontiert: Sie bilden die wissenschaftliche Grundlage für Pflegehandlungen. Dr. Dennis Roth, Leiter der Qualitätsentwicklung der St. Anna-Hilfe, erläutert diese Entwicklungen der Pflegewissenschaft hin zu einer wissenschaftlich fundierten und überprüfbaren Qualität und warum am Ende doch das subjektive Urteil der jeweiligen Bewohnerin zählt. Text: Dr. Dennis Roth/Fotos: Felix Kästle, Elke Benicke

5 DAS THEMA Die Pflege ist auf dem Weg der Professionalisierung. In einem historisch jungen Prozess strebt sie nach gesellschaftlicher Bedeutung und will als eigenständige Profession anerkannt werden. Dazu müssen der Wissensstand vorangetrieben und die Kompetenzen der Beschäftigten gestärkt werden. Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt erlebt das Pflegewesen im deutschsprachigen Raum zwei prägende Entwicklungen, die sich gegenseitig bedingen: eine Verwissenschaftlichung der Pflege und die Einführung eines formalisierten Qualitätsdenkens. Entwicklung der Pflegewissenschaft Die wissenschaftliche Medizin in unserer westlichen Kultur hat, angefangen bei Hippokrates, eine 2400 Jahre alte Geschichte. Die Physik etablierte sich im 16. Jahrhundert als eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin. Dagegen steckt die Verwissenschaftlichung der Pflege noch in Kinderschuhen. Florence Nightingale setzte sich in Großbritannien vor rund 150 Jahren für die berufliche Krankenpflege und deren Professionalisierung ein, seit 1910 gibt es in den USA universitäre Studiengänge. In Österreich erfolgt die universitäre Anbindung der Pflege um 1970. Erst 1999 öffnet der erste Diplomstudiengang für Pflegewissenschaften in Wien seine Tore. Motiviert wurde die Pflegewissenschaft durch eine Reihe demografischer und epidemiologischer Entwicklungen: ein steigender Anteil älterer Menschen, eine längere Lebenserwartung, Multimorbidität und vermehrt chronische Erkrankungen bei einer gleichzeitigen Abnahme der familiären Versorgungsstrukturen. Zudem hat in der Pflege ein Umdenken stattgefunden. Neben kompensatorischen Hilfen im Krankheitsfall haben rehabilitative und präventive Ansätze sowie Autonomie an Gewicht gewonnen. Ein Paradigmenwechsel vom defizitären, krankheitsorientierten hin zum gesundheits- und ressourcenorientierten Pflegeverständnis hat stattgefunden. Evidenzbasierte Pflege Des Weiteren wuchs die Notwendigkeit zu akademischer Bildung und zur Verwissenschaftlichung der Pflege aus ihrem eigenen Fortschritt. Lange Zeit basierte die Pflege auf zusammengetragenen alltäglichen Beobachtungen und Erfahrungen. Nun gilt es, durch empirische Forschung, durch das methodischsystematische Auswerten von Erfahrenem, zu objektivierten Ergebnissen zu gelangen. In der Pflegeforschung finden sich zwei gedankliche Strömungen: die Grundlagenforschung, die zur inhaltlichen Entwicklung beiträgt und die angewandte Forschung, die sich mit dem Theorie-Praxis-Dialog beschäftigt. Aus der angewandten Forschung ist in den vergangenen zehn Jahren ein neuer beruflicher Pflegeethos hervorgegangen. Man spricht von evidenzbasierter Pflege (englisch: evidence-based nursing). Forschungsresultate, umweltbedingte Kontexte, die Expertise der Pflegenden und die Präferenzen der Bewohnerinnen werden idealerweise miteinander abgestimmt. So soll sich die bisherige Lücke zwischen Theorie und Praxis in der Pflege schließen. Zum Qualitätsdenken in der Pflege Parallel zum Einzug der Wissenschaft in die Pflege ändert sich das Selbstverständnis der sozialen Dienstleistungseinrichtungen. So impliziert Qualität heute nicht mehr nur Karitas, nämlich Wohltätigkeit und Nächstenliebe, sondern wird durch wirtschaftliche und leistungsorientierte Attribute ergänzt. Im Trend sind Leitworte wie: „Bei uns wird Wert auf Qualität gelegt“ oder „Expertenstandards sichern die

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