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annalive 02/2014

Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

12 DAS THEMA Pflege und

12 DAS THEMA Pflege und Wissenschaft in Oberösterreich Von Bedürfniswelten und dem Aspekt Zeit In den Vorarlberger Häusern der St. Anna-Hilfe haben wissenschaftlich fundierte Leitlinien, die Expertenstandards, Einzug in den Pflegealltag genommen. Obwohl diese in Oberösterreich noch nicht Fuß gefasst haben, spielt die Wissenschaft auch dort eine Rolle in der Pflege, zum Beispiel beim Thema Demenz. Andrea Sams, Pflegedienstleiterin im Haus San Marco, und Arno Buchsbaum, Pflegedienstleiter im Sozialzentrum Kloster Nazareth, berichten. Magdalena Ritt, Bewohnerin im Haus St. Josef, lebt schon seit 18 Jahren im Pflegeheim – und hat von der Wissenschaft selbst gar nichts mitbekommen. Text: Elke Benicke/Fotos: Elke Benicke, privat Individuelle Begleitung hat Priorität Arno Buchsbaum, Pflegedienstleiter im Kloster Nazareth (Stadl Paura) „Heute gilt bei uns wie überall das evidence-based Nursing. Alle pflegerischen Handlungen und Fähigkeiten sollen wissenschaftlich belegbar sein. Fachzeitschriften und Tagungen sind eine gute Möglichkeit, sich über pflegewissenschaftliche Erkenntnisse zu informieren. Wir sind immer bemüht, Anregungen aus der Wissenschaft in unsere Arbeit einfließen zu lassen. Es ist hilfreich, wenn die praktischen Erfahrungen der Mitarbeiterinnen durch wissenschaftliche Ergebnisse bestätigt werden. Dann wissen wir, dass wir auf einen guten Weg sind. Expertenstandards, wissenschaftlich bearbeitete Pflegestandards, sind für die Praxis manchmal etwas zu umfangreich. Wir Führungskräfte sind gefordert, diese in verständliche, kurze Richtlinien und Handlungsanleitungen für die Basismitarbeiterinnen zu „übersetzen“. Für uns in Oberösterreich stehen die Expertenstandards nicht im Vordergrund unserer Arbeit. Auch wir arbeiten mit Pflegestandards, doch hat die individuelle Begleitung der Menschen, die bei uns wohnen, oberste Priorität. Forschung in der Praxis ist spannend und kann auch Spaß machen. Zurzeit arbeitet unsere Regionalleiterin, Frau Kollar-Plasser, im Rahmen ihres Studiums bei uns im Haus an ihrer Masterthese. Erstmals sind Mitarbeiterinnen und Angehörige des Hauses aktiv in eine Feldforschung miteingebunden, die Lebenswelt der Menschen im weit fortgeschrittenen Krankheitsstadium einer demenziellen Erkrankung zu beschreiben. Dieser Austausch von Theorie und Praxis ist sehr befruchtend. Es soll eine verbesserte Wohlfühlatmosphäre und ein sinnerfüllter Lebensabschnitt für diese Personengruppe ermöglicht werden. Aus Gesprächen mit Frau Kollar-Plasser haben wir bereits erfahren, dass zum Beispiel der Lichterhimmel über den Betten bei unseren demenzkranken Bewohnerinnen nachweislich positive Auswirkungen in der täglichen Pflege mit sich bringt und den sozialen Kontakt mit den Bewohnern unterstützt. Selbstverständlich sind diese Maßnahmen nur eine Ergänzung zu der persönlichen Zuwendung und der Zeit, die die Pflegekräfte den Bewohnerinnen schenken.“

13 DAS THEMA „Wir essen jetzt in der Hausgemeinschaft“ Magdalena Ritt, 83 Jahre, Bewohnerin im Haus St. Josef (Gmunden) Auf die Frage, wie sie als langjährige Bewohnerin das Leben im Heim früher und heute wahrnehme, antwortet Magdalena Ritt: „Ich bin 1996 in das alte Josefsheim eingezogen, wohne jetzt im neuen Haus St. Josef. Ich erinnere mich an die Ordensschwestern, die in der Pflege waren: Schwester Albine und Schwester Judith. Wir hatten eine große Küche. Josefa und Sissi haben gekocht. Damals haben alle auf ihren Zimmern gegessen. Der große Speisesaal war nur für Veranstaltungen. Damals gab es viel mehr Leute im Haus, mit denen ich reden konnte, die geistig fit waren. Das ist hier im neuen Haus nicht mehr so. Es gibt viele, die wiederholen sich halt. Programm gab es nicht. Heute bieten sie uns Singstunden, Sitzgymnastik und die Abende mit den Rotariern.“ Mein Zimmer ist heller und größer heute. Früher habe ich im Doppelzimmer gewohnt, mein Schrank war der Raumteiler. Wir hatten eine Küchenplatte und einen Abwasch im Zimmer. Das darf man heute gar nicht mehr: im Zimmer kochen. Wir essen jetzt in der Hausgemeinschaft, einen Speisesaal gibt es nicht. Früher saßen die Leute vorm Haus an der Mauer in der Sonne und haben sich unterhalten, ein anderes „Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt“ Andrea Sams, Pflegedienstleiterin im Haus San Marco (Bad Goisern) „Ich komme gerade von einer ARGE-Sitzung (Arbeitsgemeinschaft der Alten- und Pflegeheime in Oberösterreich, gemeinnütziger Verein, Anm.d.Red.). Es ging um die Jahresstatistik, die jedes Haus erstellen und zu Jahresanfang an das Land Oberösterreich schicken muss. In dieser Statistik wurde dieses Jahr zum zweiten Mal der Einsatz von Pflegestandards abgefragt. Die Vereinheitlichung und Überprüfung der Unterlagen nimmt viel Zeit in Anspruch, die uns in der Betreuung der Bewohnerinnen fehlt. Für mich steht einfach der Mensch im Mittelpunkt. Denn, was nutzt der ganze Standard, die ganze Technik, wenn die Pflegepersonen keinen Zugang zu den Phänomenen der Erkrankung der pflegebedürftigen Menschen haben? Wenn die Empathie fehlt und die Warmherzigkeit?“

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