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annalive 02/2014

Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

10 DAS THEMA

10 DAS THEMA Mitarbeiterinnen diskutieren zum Thema Pflege und Wissenschaft Ergebnisqualität ist nicht messbar, aber spürbar An der Einführung der Expertenstandards in den Vorarlberger Häusern der St. Anna-Hilfe sind jeweils viele Mitarbeiterinnen involviert. Anfangs waren einige Pflegekräfte auch skeptisch: Rückt der Expertenstandard nicht an die Stelle sozialer Kompetenzen? Bringt er nicht viel Verwaltungsaufwand mit sich? Was kommt von all der Wissenschaft bei der Bewohnerin an? Bei ihrem Treffen im März haben die Wohnbereichsleiterinnen und andere Führungskräfte der St. Anna-Hilfe diese und andere Fragen auf der Basis ihrer Erfahrungen diskutiert. Die Fragen stellte: Elke Benicke Fotos: Elke Benicke, Stefan Schwertfirn Wie kamen Sie mit der Einführung der Expertenstandards zurecht? Barbara Koburger, Pflegedienstleiterin (Nüziders): Wir haben uns zuerst sehr schwer getan, die Leitlinie Sturzprävention bei uns einzuführen. Deshalb haben wir sie dann erstmal unter uns durchgespielt. Dafür haben einige Mitarbeiterinnen die Rolle der Bewohnerin übernommen, andere haben die Leitlinie an diesen fiktiven Bewohnerinnen ausprobiert. Neuen Mitarbeiterinnen stellen wir eine Mentorin zur Seite. Mir persönlich gefällt es gut, dass wir etwas gemeinsam erarbeiten. Auch, dass alle Häuser der St. Anna-Hilfe in Vorarlberg mit derselben Leitlinie arbeiten. Dr. Dennis Roth, Leiter der Qualitätsentwicklung (Zentrale Verwaltung): Ja, meist fördern die Expertenstandards die Teambildung und verbessern die Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Es entsteht Verantwortung. Zuständigkeiten und Kompetenzen werden neu geregelt. Gerhard Hofer, Wohnbereichsleiter (Bregenz, Tschermakgarten): Unsere Mitarbeiterinnen schätzen genaue Abläufe. Die neuen Leitlinien liefern konkrete Handlungsrichtlinien und sind deshalb sehr willkommen. Bettina Pitscheider, Wohnbereichsleiterin (Bregenz, Tschermakgarten): Ja, auch bei uns wurde die Leitlinie gut angenommen. Da wir Mitarbeiterinnen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichem Ausbildungsgrad haben, ist es doch sehr sinnvoll, sich an einer gemeinsamen Leitlinie orientieren zu können. Für mich war es auch wichtig, mit dem aktuellsten Stand der Wissenschaft zu arbeiten. Und morgens bei der Übergabe haben wir dann die Verknüpfung der Theorie mit der Praxis. Andrea Jochum, Haus- und Pflegedienstleiterin (Vandans): Dem kann ich nur zustimmen: Der Pflegerin vor Ort ist die Wissenschaft egal. Sie will nur das Beste für die jeweilige Bewohnerin. Ich tue mir schwer, sie für wissenschaftliche Belange zu motivieren und einzelne Sachverhalte zu erklären. Doch die Leitlinien haben sie gut angenommen, vielleicht, weil sie sich so gut umsetzen ließen. Dr. Dennis Roth: Leider herrscht in der Praxis gegenüber den neuen Entwicklungen in der Pflegewissenschaft noch viel Unmut. Doch am Anfang und Ende aller bewohnerbezogenen Prozesse steht

11 DAS THEMA die Mitarbeiterin und es gilt, deren Motivation und Verständnis zu wecken. Die Pflege ist derzeit sehr kreativ. Es wird viel ausprobiert, implementiert, revidiert. Altenhilfeträger und ihre Mitarbeiterinnen müssen daher flexibel sein. Rückt der Expertenstandard an die Stelle sozialer Kompetenzen? Arno Schedler: Nein, das Arbeiten mit wissenschaftlich fundierten Handlungsleitlinien hat keinen Einfluss auf die Art und Weise, wie ich mit den Menschen umgehe. Außerdem sind die wissenschaftlichen Vorgaben ja nicht der Heilige Gral. Dahinter steckt immer noch eine Mitarbeiterin, die beurteilen kann, in welchen Ausnahmefällen nicht die Leitlinie greift, sondern ihr gesunder Menschenverstand. Andrea Jochum: Eine Leitlinie spart Zeit, denn es ist klar, was zu tun ist. Diese Zeit bleibt dann für die Bewohnerin. Außerdem dient es auch der Beziehungspflege, wenn die Leitlinie bereits bewohnerorientiert erarbeitet wurde. Dr. Dennis Roth: Bei jeder Kontaktaufnahme sollte der Mensch im Mittelpunkt stehen. Ihm kann ich nicht mit standardisiertem Verhalten begegnen, sondern sollte mich als Pflegekraft immer wieder neu auf die jeweiligen Besonderheiten, Bedürfnisse und Wünsche einlassen. So entsteht eine intensive Beziehung, in der die Pflegekraft eine wichtige Rolle spielt. Insofern können Leitlinien immer nur als kollektiv vereinbarte Orientierungshilfe fungieren. Bringt der Expertenstandard nicht viel Verwaltungsaufwand mit sich? Dr. Dennis Roth: Mit den Expertenstandards wächst der bürokratische Aufwand, besonders während der Einführung, das stimmt. Dies kostet die Pflegenden Zeit und Energie, wird dann aber zur Routine. Bettina Pitscheider: Die professionelle Dokumentation im Rahmen der Leitlinie trägt ja nicht nur zu mehr Sicherheit bei, sondern hebt auch unser pflegerisches Selbstbewusstsein. Zum Beispiel, wenn wir diese Dokumentationen mit fundiertem Text und Foto an die Ärzte weitergeben können. Was kommt von all der Wissenschaft bei der Bewohnerin an? Gerhard Hofer: Ich meine, die Bewohnerin sollte nichts mitbekommen. Gute Pflege wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Barbara Koburger: Die Bewohnerin spürt die Handlungssicherheit der Mitarbeiterinnen und fühlt sich geborgen. Deshalb ist sie ja im Heim. Bettina Pitscheider: Nur nett und freundlich sein, ist nicht genug. Die Pflegequalität muss auch stimmen. Andrea Jochum: Gute Pflege kommt bei der Bewohnerin an – sie äußert sich in ihrem Wohlbefinden. Auch die Angehörigen fühlen sich dann wohl. Ergebnisqualität ist spürbar, nicht messbar. ❑

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