Mediathek der Stiftung Liebenau
Aufrufe
vor 3 Jahren

annalive 02/2013

  • Text
  • Menschen
  • Bewohnerinnen
  • Haus
  • Wohneinheiten
  • Sozialzentrum
  • Dauerpflege
  • Hausleiter
  • Thema
  • Mitarbeiterinnen
  • Lebenswelt
Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

6 DAS THEMA

6 DAS THEMA Koordinationstraining für mehr Konzentration Zu den Auswirkungen unterschiedlicher Sportarten auf die Hirnleistungen zieht Dieter Muther Untersuchungen einer Forschergruppe um Arthur F. Kramer im Beckman-Institut der Universität Illinois heran. Die Mediziner teilten 91 Teilnehmerinnen im Alter zwischen 65 und 75 Jahren in drei verschiedene Trainingsgruppen: Ein Drittel machte Nordic Walking als Ausdauertraining, ein Drittel absolvierte ein allgemeines Koordinations- und Gleichgewichtstraining und das letzte Drittel ein Stretching- und Entspannungsprogramm. Jede Gruppe trainierte ein Jahr lang dreimal die Woche. Das Ergebnis: Die Nordic Walkerinnen und die Konditionstrainierenden zeigten am Ende der Studie eine bessere Leistung in der Aufmerksamkeit als jene Seniorinnen, die sich Stretching- und Entspannungsübungen hingaben. Durch Gehirnaktivierungsmuster wurde belegt, dass sie weniger Gehirnkapazitäten für eine schnellere und genauere Lösung von Konzentrationsaufgaben benötigten. Die Nordic Walking Gruppe löste die Testaufgaben schneller, die Gruppe, die Koordinationstraining absolvierte, qualitativ besser. Die Probanden des Entspannungs- und Stretching-Programmes zeigten keine Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit, fühlten sich aber wohler und beweglicher. Sich einfach wohlfühlen – auch psychisch Dass Bewegung im Alter nicht nur körperliche und geistige Vorteile bringt, sondern auch Spaß macht, dunkle Gedanken oder sogar leichte Depressionen vertreibt und gegen das Einsam-Sein wirkt – das haben Dieter Muther viele ältere Menschen im Fachbuch Dieter Muther, „Bewegungstherapie im stationären Langzeitpflegebereich“, 2013, erschienen im AV Akademikerverlag Saarbrücken in der Reihe Humanwissenschaften, ISBN 978-3-639-46248-7. Heimalltag und speziell auch im Rahmen seiner Umfrage bestätigt. Der Grund dafür sind körpereigene Botenstoffe wie das Glückshormon Serotonin, Beta Endorphine oder Nor-Adrenalin, die der Organismus beim Sport verstärkt ausschüttet. Auch die soziale Interaktion, das Gemeinschaftsgefühl, das bei vielen Sportarten zum Tragen komme, hebe die Stimmung. „Das Wahrnehmen der eigenen Leistungsfähigkeit wirkt sich positiv auf das Selbstbewusstsein aus“, sagt Dieter Muther. ❑

7 DAS THEMA Interview mit Martin Steiner, Leiter der Bregenzer Physiotherapiepraxis kreispunkt Sport auf der Pflegestation? Auf der Pflegestation Tschermakgarten leben 18 pflegebedürftige Menschen, die nach einem Schlaganfall, einem Unfall oder durch eine stark fortgeschrittene Demenz bewegungsunfähig und bettlägerig sind oder sich im Wachkoma befinden. Im folgenden Interview erklärt Martin Steiner, Leiter der Physiotherapiepraxis kreispunkt, wie vier seiner Mitarbeiterinnen die bettlägerigen Menschen dort in Bewegung bringen und welche Erfolge daraus erwachsen können. Die Fragen stellte: Elke Benicke/Foto: privat guten Tag Herr Steiner! Sie bieten Sport auf der Pflegestation? Martin Steiner: Naja, von Sport im eigentlichen Sinne kann man nicht wirklich sprechen. Für die Heimbewohnerinnen ist ihre jeweils individuelle Bewegungstherapie aber doch zum Teil echter Spitzensport. Denn bettlägerige Patientinnen und Patientinnen, die sich selbst nicht mehr mit dem Nötigsten versorgen können, empfinden schon die kleinsten Bewegungen als große Anstrengung. Um einen Erfolg zu erzielen, braucht es vor allem ein immer wiederkehrendes, auf die Patientin zugeschnittenes Training – ganz egal, wie dieser Erfolg dann aussehen mag. Was heißt das? Martin Steiner: Das heißt, dass Erfolg nicht immer die Rückkehr in das normale Leben bedeutet. Es kann auch ein großer Erfolg sein, wenn Patientinnen wieder in der Lage sind, sich selbst vom Liegen in den Sitz zu transferieren oder selbstständig zu atmen. Erfolg hat viele Facetten. Wie bewegen Sie bettlägerige Menschen? Martin Steiner: Meist eben gar nicht mehr oder wirklich nur sehr geringfügig. Wir bringen die Patientinnen einfach in eine andere Lage in ihrem Dasein, geben ihnen eine andere Perspektive, einfach, indem wir sie zum Beispiel an die Bettkante setzen. Dazu gehört auch, dass wir die Betreffenden motivieren, denn die Motivation spielt bei jeder Form von Bewegung eine ganz wesentliche Rolle. Welche physiotherapeutischen Techniken kommen zum Tragen? Martin Steiner: Bei diesen Patientinnen wenden wir vor allem neurologische Techniken wie mobilisierende Massagen, das Herbeiführen von Entlastungsstellungen, Druck und Zug an Gelenken oder die passive Dehnung von Muskeln an. Zur Sturzprophylaxe trainieren wir das Gleichgewicht. inwiefern beziehen Sie die Pflegekräfte in ihre Arbeit ein? Martin Steiner: Das geht in zweierlei Richtungen: Wenn die Therapeutin auf die Station kommt, hält sie zunächst Rücksprache mit den Pflegekräften und erfährt, wie es der jeweiligen Bewohnerin geht. Auf der anderen Seite bieten wir Fortbildungskurse für Pflegekräfte zur Mobilisation, Sturz- und Kontrakturprophylaxe bettlägeriger Patientinnen an. Im Tschermakgarten werden diese fortlaufenden Kurse absolut gut angenommen. Wir haben dort eine ausgezeichnete Zusammenarbeit mit allen Mitarbeiterinnen und insbesondere mit Bettina Pitschneider, der Stationsleiterin. Können auch die Angehörigen etwas zur Mobilität der bettlägerigen bewohnerinnen beitragen? Martin Steiner: Die Angehörigen sollten dazu Rücksprache mit dem Pflegepersonal halten und die jeweilige Bewohnerin nach Anleitung so oft wie möglich bewegen. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Steiner! ❑

Stiftung Liebenau Österreich