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annalive 02/2013

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

14 14AnnA FORUM St.

14 14AnnA FORUM St. Anna-Hilfe feiert 15-jähriges Jubiläum mit dem Dichter Lars Ruppel Poesie für alle BREGENZ – „Ein Gedicht sollte so vorgetragen werden, dass es das Publikum überzeugt, egal ob es sich dabei um die Jury eines Dichterwettbewerbs, um Menschen mit Demenz oder Doktoren der Raketenwissenschaften handelt“, erklärte Lars Ruppel zum Auftakt seines Auftritts Anfang Mai im Sozialzentrum Mariahilf. Überzeugt hat er zur 15-Jahr-Feier der St. Anna-Hilfe nicht nur die rund 80 Gäste des Abends, darunter Vorarlberger Vertreterinnen aus Politik und Kirche und der Stiftung Liebenau, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen, die am Nachmittag an seinem Projekt „Weckworte“ – Poesie für Menschen mit Demenz, teilnahmen, und die rund 50 Ehrenamtlichen und Angehörigen, die am folgenden Tag zum Frühstücksbuffet kamen. Text/Fotos: Elke Benicke „Es tut gut, wenn Menschen für Menschen das Menschsein erleichtern, wie der Schnee, der eins aus vielen Flocken wird, und jede einzelne Flocke wird eigener Teil einer großen Idee vom Schnee“, lautet eine Strophe des Gedichts, das Lars Ruppel „ganz spontan als Geschenk für die St. Anna-Hilfe“ vortrug. „Es tut gut, wenn Worte wie ‚gemeinsam‘ und ‚Inklusion‘ wirklich wahr werden und Milchzähne und Prothesen und der Zahn der Zeit in einem Raum am Mittagessen nagen“ – in insgesamt acht Strophen brachte der 28-Jährige mit verspielter Leichtigkeit, mimisch und gestisch zum Ausdruck, welche Eindrücke er im Laufe des Tages aus seinen Begegnungen in der St. Anna-Hilfe und den vorangegangenen Reden gewonnen hatte. gemeinsamer Erfolg im sozialen Miteinander Kurz zuvor hatte Elisabeth Mathis, die Stadträtin für Seniorinnen, unterstrichen, dass die St. Anna-Hilfe als Partnerin der Stadt Bregenz mit ihrem Know- How wesentlich dazu beigetragen habe, die Lebensqualität der älteren Bürgerinnen zu verbessern. Landesrätin Dr. Greti Schmid formulierte: „Soziales Engagement gelingt wie hier in Bregenz, wenn alle beteiligten Institutionen gemeinsam daran arbeiten.“ Auf der anderen Seite sprach Dr. Berthold Broll, Vorstand der Stiftung Liebenau, der Stadt Bregenz selbst seinen Dank aus: „Die Arbeit, die Sie in Vorarlberg leisten, ist vorbildlich!“ innovative Entwicklungen in der betreuung Nicht zuletzt bedankte sich auch Klaus Müller, Geschäftsführer der St. Anna-Hilfe, bei allen Partnerinnen und skizzierte kurz die Geschichte der St. Anna-Hilfe: „Vor 15 Jahren übernahm die deutsche Stiftung Liebenau drei Bregenzer Altenheime und gründete für diese Auslandstätigkeit eine neue Gesellschaft – die St. Anna-Hilfe Österreich. Inzwischen betreiben wir elf Pflegeheime, eine Wohnanlage ‚Lebensräume für Jung und Alt‘ und eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung.“ Seit der Gründung gehe es jedoch weniger um die Zahl der Häuser, sondern vielmehr um eine qualitativ hochwertige Pflege und individuelle Betreuung der Bewohnerinnen, die heute überwiegend in familiären Hausgemeinschaften oder Wohngruppen realisiert werde. Stolz auf die Entwicklungen hat Geschäftsführer Klaus Müller alle am gemeinsamen Erfolg beteiligten Gruppen zu einem zweitägigen Fest geladen – Vertreterinnen des Landes und

15 AnnA FORUM der Stiftung Liebenau ebenso wie Bewohnerinnen, Mitarbeiterinnen, Ehrenamtliche und Angehörige. Die verschiedenen Gruppen feierten zum Teil getrennt – den Bogen spannte Lars Ruppel, indem er Gedichte für alle erfahrbar machte, auch für Bewohnerinnen, die an Demenz erkrankt sind. Menschen erreichen, zum beispiel durch Poesie Schon am Nachmittag hatten sich 13 Mitarbeiterinnen aus fünf von sechs Vorarlberger Häusern der St. Anna-Hilfe im Gedichte-Vortragen geübt. Der junge Poet zeigte ihnen, wie sie Rhythmik, lautes und deutliches Sprechen, Augenkontakt, Gesten und Berührungen einsetzen können, um auch Menschen mit Demenz Verse, Reime und Lieder nahe zu bringen – „Weckworte“ heißt sein Projekt. „Welche Gedichte eignen sich denn überhaupt für Menschen mit Demenz“, wollte ein Mitarbeiter wissen. „Eigentlich jedes!“, sagte Lars Ruppel. „Wir müssen nur schauen, dass wir es richtig aufbereiten und Beistand leisten, wenn es traurig ist.“ In der nächsten Runde waren 14 Bewohnerinnen mit dabei und auch Geschäftsführer Klaus Müller gesellte sich in die Runde. Sich erinnern an alt bekannte Zeilen Lars Ruppel rezitierte Gedichte wie Schillers „Glocke“ oder die „Mondnacht“ von Eichendorff. Spontan bewegten sich die Lippen einiger Bewohnerinnen, andere haben laut und begeistert mitgesprochen. Dann waren die Mitarbeiterinnen an der Reihe, fünf haben sich zur Verfügung gestellt. Beherzt klopfte sich zum Beispiel Josefa Pfanner aus dem Seniorenheim Tschermakgarten zur „Morgenwonne“ von Ringelnatz auf die Hüften und Inge Gehrer aus dem St. Josefshaus in Gaißau atmete gemeinsam mit den älteren Menschen ein und aus zur letzten Strophe aus Goethes „Talismane“. „Was ist das Schönste für Sie?“, fragte Lars Ruppel jede Bewohnerin gegen Ende der Stunde, sammelte und sang die Antworten: „Es ist schön, dass ich gesund bin. Es ist schön, zu singen. Die Liebe ist schön und es ist schön, die Familie da zu haben.“ Als Refrain diente ein Ohrwurm, den auch die meisten Bewohner sangen, sprachen oder murmelten: „Oh, wie ist das schön. Oh, wie ist das schön. So was hat man lange nicht gesehn. So schön, so schön!“ Auch der Geschäftsführer hat mitgesungen und war begeistert: „Das ist ja wie beim Spiel Bayern München gegen den FC Barcelona, das gleiche Lied, dasselbe Gefühl!“ gedichte auch für Ehrenamtliche und Angehörige Am Tag darauf konnten sich schließlich auch die rund 70 Ehrenamtlichen und Angehörigen von Poesie begeistern lassen. Ähnlich wie am Vorabend rezitierte Lars Ruppel eigene und fremde Gedichte und stellte die „Weckworte“ vor. Im Anschluss gab es ein reichhaltiges Frühstück, das wie das Abendessen von der St. Anna-Service lievevoll zubereitet wurde. Abends begleitete Stephan Hladik das Essen auf seiner Elektroorgel musikalisch; zum Frühstück freuten sich die Gäste über das heitere Wetter. ❑ „Weckworte“ Lars Ruppels deutsches Poesie-Projekt für Menschen mit Demenz, hieß anfangs noch „Alzpoetry“ und stammt aus den USA. Der New Yorker Poetry- Slammer Gary Glazner konzipierte die Methode und praktiziert sie bereits seit 2004. Vor vier Jahren nahm Lars Ruppel erstmals an einem Workshop seines Kollegen teil und leitet seitdem selbst rund 150 Workshops jährlich, schult Schülerinnen, Studentinnen und Pflegepersonal. www.larsruppel.de www.alzpoetry.de

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