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annalive 02/2011

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

18 PRAXIS VORARLBERG Die

18 PRAXIS VORARLBERG Die Gemeinwesenarbeiterin nimmt sich gerne Zeit für einen gemütlichen Plausch mit den Bewohnern. Gemeinwesenarbeit in den „Lebensräumen für Jung und Alt“ Schaltzentrale der Gemeinschaft BREGENZ – In den „Lebensräumen für Jung und Alt Mariahilf“ leben junge und ältere Menschen, Alleinstehende, Paare und Familien ganz bewusst in aktiver Nachbarschaft zusammen. Eine wichtige Rolle in der Wohnanlage spielt die Gemeinwesenarbeiterin Beate Weinzierl-Bahl. Sie berät, vermittelt, koordiniert und moderiert die sich gegenseitig unterstützende Gemeinschaft – kurz: ist Ansprechpartnerin in allen Anliegen. Text: Daniela Gilgen/Fotos: Felix Kästle Die „Lebensräume für Jung und Alt“ liegen im Bregenzer Stadtteil Vorkloster, direkt neben der Kirche Mariahilf. Es ist ein moderner Bau, aufgelockert durch farbige Fassadenelemente und einen sonnigen Innenhof mit Garten und Sitzgelegenheiten – eine Wohnanlage wie so viele. Die Besonderheit eröffnet sich erst auf den zweiten Blick bei Gesprächen mit den Bewohnern und der Gemeinwesenarbeiterin Beate Weinzierl-Bahl. Fachkompetenz mit Herz Ihr Büro befindet sich im Erdgeschoß der Wohnanlage. Die vielen Fotos an der Pinnwand, die Papierstapel und Akten, die sich auf dem Schreibtisch türmen, deuten darauf hin, dass hier eine wichtige Schaltzentrale ist – auch die administrative Arbeit gehöre zu ihrem Job, erklärt die Frau schmunzelnd. Das Gespräch kommt sofort in Gang, auch die Bewohner plaudern offen und gerne mit der sympathischen Gemeinwesenarbeiterin. Beate Weinzierl-Bahl nimmt sich viel Zeit für Gespräche, denn so erfährt sie, wo in der Wohnanlage der Schuh drückt und wie die Stimmung gerade ist. Jung und Alt unter einem Dach Rund 60 Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder leben in der Wohnanlage in 38 Wohnungen. Zwei Drittel sind ältere Personen, ein Drittel junge alleinstehende Menschen oder Paare mit Kindern. Dieser Generationenmix hat sich bewährt und wird auch ganz bewusst angestrebt, denn er spiegelt den normalen Bevölkerungsquerschnitt wieder. Zieht ein älterer Mensch aus, dann wird die freie Wohnung wiederum an eine ältere Person vermietet. „Ich führe mit jedem Interessenten ein ausführliches Gespräch, um mehr über ihn zu erfahren. Wie hat die Person bisher gelebt? Welche Bedürfnisse und Stärken hat sie?“, berichtet die studierte Sozialpädagogin. Die Warteliste für eine freie Wohnung ist lang und Beate Weinzierl-Bahl hat die Qual der Wahl, wen sie in Abstimmung mit dem Bewohnerbeirat der Stadt Bregenz als Nachmieter

19 PRAXIS VORARLBERG vorschlägt. Die Entscheidung trifft sie aufgrund sozialer Faktoren, aber auch nach dem Bauchgefühl. „Wenn die Gemeinschaft gut und stark ist, dann kann ich es auch wagen, einen Mieter mit schwierigen Lebensumständen aufzunehmen. Dann habe ich ein gutes Gefühl, dass die anderen Bewohner ihn unterstützen und mittragen“, sagt sie. Hilfe zur Selbsthilfe Selbsthilfe und aktive Nachbarschaftshilfe statt Versorgungseinrichtung lautet denn auch die Devise in der Wohnanlage. Beate Weinzierl-Bahl sieht sich als Moderatorin, Koordinatorin und Anlaufstelle. Bei Problemen sucht sie gemeinsam mit den Bewohnern nach Lösungsmöglichkeiten, gibt Tipps, berät bei der Umsetzung von Ideen und vermittelt professionelle Hilfe bei Bedarf. „Ich unterstütze die Bewohner gerne - machen müssen sie es aber selbst!“, fasst die Gemeinwesenarbeiterin zusammen. Sie selbst wird vom Bewohnerbeirat unterstützt, der auch die Interessen der Bewohner vertritt. Ziel ist, dass die älteren Menschen so lange wie möglich eigenverantwortlich und alleine leben können – wer aktiv ist, bleibt länger fit. „Wenn jemand krank ist, dann kocht ein Nachbar mit. „Essen auf Rädern“ ist grundsätzlich eine tolle Sache, aber verleitet dazu, dass nicht mehr selbst gekocht wird. Dann entsteht ein Teufelskreis. Man muss nicht mehr so häufig einkaufen gehen, kommt weniger aus den eigenen Wänden raus, man muss sich nicht mehr so ordentlich kleiden, soziale Kontakte reißen ab. Das sind die ersten Schritte in die Pflegebedürftigkeit“, erklärt Beate Weinzierl-Bahl. Miteinander geht es leichter Die älteren Menschen sollen außerdem das Gefühl haben, dass man sie braucht. Konkret kann das so aussehen, dass die jüngeren Mitbewohner hin und wieder für die älteren einkaufen gehen, kochen oder kleinere Reparaturdienste übernehmen, die älteren aber auch mal schnell das Loch in der Kinderhose flicken und andere wertvolle „Großeltern-Dienste“ leisten. Gemeinsame Aktivitäten und Feste halten die Wohngemeinschaft zusammen und stärken das Wir-Gefühl. Wichtig ist der Gemeinwesenarbeiterin und den Bewohnern, dass über die Wohnanlage hinaus auch mit den Menschen im Stadtteil Vorkloster Kontakte gepflegt werden, zum Beispiel beim Schachspielen im nahen Park. Was im Kleinen in den Lebensräumen gelebt wird, soll Vorbild für ein größeres Miteinander sein. Beate Weinzierl-Bahl bringt es auf den Punkt: „Wir möchten so leben, wie es früher auf dem Dorf üblich war!“ ❑ Lebensräume für Jung und Alt Die „Lebensräume für Jung und Alt“ wurden von der St. Anna-Hilfe, der Stadt Bregenz und der gemeinnützigen Wohnbauvereinigung Vogewosi erbaut. • Eröffnet im Dezember 2003 • 38 Wohnungen mit zwei, drei und vier Zimmern • Derzeit 57 Bewohner: acht Kinder, 18 Männer und 31 Frauen • Durchschnittsalter: knapp 50 Jahre • Jüngster Bewohner: ein Monat • Älteste Bewohnerin: 92 Jahre • Barrierefreie Zugänge • Rollstuhlgerechte Bäder • Balkone und begrünter Innenhof • Kostenlose Gemeinwesenarbeit für Bewohner Jung und Alt haben ihren Platz in der Gemeinschaft. In der Wohnanlage finden sich immer Gleichgesinnte.

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