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annalive 02/2009

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

18 PRAXIS VORARLBERG

18 PRAXIS VORARLBERG Vorträge für pflegende Angehörige im Sozialzentrum Montafon Hören, dass es anderen genauso geht SCHRUNS – Die Vortragsreihe für pflegende Angehörige der connexia – Gesellschaft für Gesundheit und Pflege war ursprünglich nur für das Unterland Vorarlbergs vorgesehen. Um auch den pflegenden Angehörigen im Montafon eine Teilnahme ohne lange Wegstrecken zu ermöglichen, organisierte Hausleiterin Jutta Unger eine Zusammenarbeit. So finden derzeit je drei Frühjahrs- und Herbstvorträge der connexia im Sozialzentrum Montafon statt. Text: Elke Benicke „… und manchmal schäme ich mich vor mir selbst, wenn ich spüre, wie meine Mutter/mein Vater für mich zur Last geworden ist…“. So lautete der Titel des ersten Vortrags für pflegende Angehörige, der in diesem Frühjahr in Schruns stattfand. Referent Wilfried Feurstein, Lehrer für Sozialberufe und Supervisor, wollte seinen Zuhörern die validierende Pflege nahebringen. Dabei erzählte er auch von seinen persönlichen Erfahrungen, die er bei der Betreuung der eigenen, an Demenz erkrankten Mutter gemacht hat. „Die Angehörigen sind sehr berührt, wenn der jeweilige Referent aus der Praxis und besonders auch als Betroffener erzählt“, stellt Heimleiterin Jutta Unger immer wieder fest. „So fassen sie Mut, sich zu äußern, von ihren eigenen Erlebnissen zu berichten.“ Auf ganz persönlichen Erfahrungen basierte auch der zweite Frühjahrsvortrag mit dem Titel „Sterben – vom letzten Abschiednehmen“. Dr. Franz Josef Köb, Wirtschaftspädagoge und Mitarbeiter beim ORF, begleitete sowohl seine Schwägerin als Pege im Gespräch Vorträge für Pegende Angehörige Schruns | Frühjahr 2009 Gesundheits- und Sozialzentrum Montafon auch seine Mutter in der Sterbephase. Seine Erlebnisse und Einsichten hat er niedergeschrieben und veröffentlicht. Sich Rat und Bestätigung holen „Wichtig für die Angehörigen sind auch die individuellen Fallbesprechungen am Ende fast aller Vorträge“, berichtet Jutta Unger. Die Anwesenden nutzen die Präsenz des Experten, suchen den Dialog, um ihre eigenen Probleme vorzutragen, sich Rat und Hilfe zu holen. „Der Informationsbedarf ist sehr groß“, bemerkt die Heimleiterin. „Deshalb legen wir zusätzlich immer viele Broschüren auf mit Auskünften über Unterstützungen in Pflege und Haushalt, über finanzielle Fragen oder Pflegeurlaub.“ Viele Ratsuchende genießen ganz nebenbei aber auch die Anerkennung, die ihnen im Rahmen der Fallbesprechungen entgegengebracht wird, und fühlen sich bestätigt. Sterbebegleitung oder das gegenseitige Verständnis in der Pflege sind die vorrangigen Themen der Vortragsreihe. Dazwischen werden aber auch neue Trends im Altenpflegebereich vorgestellt, zuletzt zum Beispiel die Basale Stimulation ® , referiert von Barbara Bischof-Gantner, diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester. Sie erklärte, wie die Wahrnehmung pflegebedürftiger Menschen über die fünf Sinne aktiviert und primäre Körper- und Bewegungserfahrungen angeregt werden können. Sich mit Freude erinnern „Die Zahl der Zuhörer scheint vom Bekanntheitsgrad des Referenten abzuhängen“, vermutet Jutta Unger. „Mal kamen nur fünf Gäste, an einem anderen Abend 17 – meist finden sich zehn bis zwölf Zuhörer ein. Schön wäre, wenn noch mehr pflegende Angehörige im Montafon die Gelegenheit nutzen.“ Denn, so zitiert Dr. Franz Josef Köb den Priester, Theologen und geistlichen Schriftsteller Henri Nouwen während seines Vortrags: „Wie wir sterben, hat für die, die leben, tiefe und nachhaltige Auswirkungen. Wenn wir von unserer Familie, unseren Verwandten und Freunden nicht verbittert und enttäuscht, sondern dankbar Abschied genommen haben, wird es für sie leichter sein, sich mit Freude und im Frieden an uns zu erinnern.“ ❑ Termine und Informationen: Jutta Unger, Hausleiterin, Tel. 05556 72243 E-Mail: hausleitung.schruns@st.anna-hilfe.at

19 PRAXIS VORARLBERG Warum Erika Stemer und Arthur Maier zusammen wohnen „Wir gehören zusammen!“ BARTHOLOMÄBERG – Was, wenn zwei sich gern haben im Heim? Bevor sie zueinander fanden, hatten sowohl Erika Stemer als auch Arthur Maier jeweils ihre ganz besonderen Gründe, immer wieder wegzulaufen. Zusammen sind sie glücklich, laufen nicht mehr davon. Da ihre jeweiligen Sachwalterinnen einverstanden waren, konnte sogar ihr Wunsch nach einem gemeinsamen Zimmer erfüllt werden. Text/Foto: Elke Benicke „Ich habe den Arthur sehr gerne. Ich kann ihn nicht mehr verlassen, hänge wahnsinnig an ihm!“, schwärmt Erika Stemer. Sie ist 57 Jahre alt. Arthur Maier ist 23 Jahre älter, doch der Altersunterschied ist kein Thema. Auch Heiraten sei kein Thema, murmelt Arthur. Erika sagt dazu nichts. Dann lacht sie und erzählt, dass sie zusammen ein Lied gedichtet haben. Auch Arthur schmunzelt jetzt und nickt. Dann fängt er leise an zu singen: „Wir gehören zusammen wie der Wind und das Meer… .“ Erika Stemer kam im Sommer 2007 nach Bartholomäberg ins Alten- und Pflegeheim. Den Winter davor war sie mit ihrem Fahrrad auf dem Eis gestürzt, hatte eine Kopfverletzung erlitten. Sie verbrachte viele Wochen im Spital in Rankweil. Dann wohnte sie noch einige Wochen bei ihrer 37-jährigen Tochter in Vandans, bis sie nach Bartholomäberg zog. „Anfangs lief Frau Stemer häufig weg. Einmal gab es sogar eine größere Fahndung“, berichtet Heimleiter Dieter Muther. „Sie war sehr nervös damals, holte sich zum Beispiel öfter Papier aus dem Container und machte kleine Schnipsel daraus. Dann wussten wir: Jetzt kann es sein, dass sie wieder auf und davon will.“ Er suchte „seine Frau“ Auch der an Demenz erkrankte Arthur Maier verschwand immer wieder, um „seine Frau“ zu suchen. „Seine verstorbene Frau“, erklärt Dieter Muther. Einmal sei Herr Maier per Autostopp bis Schlins gekommen und habe vor seinem ehemaligen Haus gestanden. Gefunden haben sich die beiden im Heim. „Bei der Fussball-WM vor zwei Jahren fing’s an“, bemerkt eine Schwester. „Da saßen sie immer zusammen vor dem Fernseher.“ Arthur Maier habe wohl „seine Frau“ gefunden, meint Dieter Muther, „auch wenn es eine andere ist“. Und Erika Stemer hat es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht, auf ihn Acht zu geben. Beide haben jedenfalls einen guten Grund, im Heim zu bleiben. Erika und Arthur erinnern sich nicht mehr an die Weglaufgeschichten, wollen jedenfalls nicht darü- Zwei, die sich gefunden haben: Erika Sterner und Arthur Maier. ber reden. Sie möchten zusammen sein, sagen sie, zusammen spazieren gehen, gemeinsam Sportsendungen anschauen oder singen. „Sie ist so gemütlich“, sagt Arthur plötzlich lächelnd, „man kann miteinander sprechen.“ „Ja“, freut sich Erika, „wir reden über alles. Wir sind ein Herz und eine Seele. Wir haben auch ein Zimmer zusammen.“ Sie übernachtete bei ihm Zusammen in einem Zimmer? Ja, sagt Erika. Denn davor sei Arthur immer so einsam gewesen in seinem Einzelzimmer, da habe sie dann einmal bei ihm übernachtet. Natürlich habe sie einen Zettel geschrieben für die Schwestern. „Unser Zimmer ist spitze. Mir gefällt das Holz an den Wänden. Holz ist wärmer und heimeliger als nur so eine weiße Wand“, erklärt Erika. „Alle Mitarbeiter und die jeweiligen Sachwalterinnen waren einverstanden mit dieser Lösung“, resümiert Dieter Muther, „und so haben die beiden noch vor Weihnachten 2007 ihr Zimmer bekommen!“ Auch die anderen Bewohner akzeptieren die Zweisamkeit. Anfangs habe es ein paar Leuten hier im Heim nicht gefallen, dass sie zusammen seien, erzählt Erika. Ein bisschen Eifersucht oder Neid sei das gewesen. „Doch inzwischen sind wir akzeptiert. Und wir halten zusammen wie Pech und Schwefel!“ ❑

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