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annalive 01/2013

Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

22 ANNA PRAXIS

22 ANNA PRAXIS VORARlberg Herbstfest im St. Josefshaus Die Stimmung im Klostersaal lud zum Tanzen ein. GAISSAU – Nach dem Erfolg im vergangenen Jahr haben die Mitarbeiterinnen des St. Josefshauses im Oktober das zweite Herbstfest veranstaltet. Trotz unbeständigen Wetters kamen rund 150 Besucherinnen zwischen 14 und 17 Uhr zum Schauen, Genießen, Kaufen und geselligen Beieinandersein ins und ans Haus, wo fünf Marktstände aufgebaut waren. Bis zum Festtag hatten die Mitarbeiterinnen in Heimarbeit Socken gestrickt, Taschen genäht und gefilzt, Marmelade und Eierlikör eingekocht, Stollen gebacken und anderes mehr. Neben einem „Schwätzchen“ hier und einem „Hoi“ da, kamen Gäste und Bewohnerinnen auch beim Kosten der kulinarischen Speisen zusammen. Man konnte sich entscheiden zwischen asiatischen Nudelgerichten, Frühlingsrollen, Gerstensuppe und „Verhackertem“ mit Brot oder einfach alles probieren. Zu Kaffee, selbstgebackenen Torten und Kuchen trafen sich die Besucherinnen, Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen im Klostersaal. Dort sorgten Crista und Toni mit Gitarre und Ziehharmonika für musikalische Unterhaltung und spielten bekannte Heimatlieder. Einige ließen sich sogar zu einem Tänzchen verleiten. Die kleinen Gäste amüsierten sich derweil beim Kinderschminken oder malten Bilder. Der Erlös aus dem Herbstfest steht nun den Bewohnerinnen für gemeinsame Unternehmungen zur Verfügung. ❑ Text/Fotos: Carmen Rohner Ganzheitliches Training für mehr Selbstständigkeit Lieben, lernen, laufen, lachen „Ist das ein Jonagold?“ – Helga Pösel, Josefine Mathies und Erika Stemer (v. l.) versuchen die Apfelsorte durch Probieren zu bestimmen. BARTHOLOMÄBERG – „Es ist nie zu spät, die Reserven zu nutzen“, heißt es im Vorwort der Studie zu „Selbstständig im Alter für Pflegeheimbewohnerinnen“, kurz SimA-P , einem Training, das ® kognitive, psychomotorische und entspannende Übungen miteinander verknüpft. Davon ist auch die Diplomsozialbetreuerin Angelika Rudigier überzeugt und bietet das ganzheitliche Programm ein Mal pro Woche im Seniorenheim Bartholomäberg an. „Lieben, lernen, laufen, lachen“ fasst sie es kurz und freut sich, dass die Bewohnerinnen seit zwei Jahren so begeistert daran teilnehmen. Text: Elke Benicke/Fotos: Angelika Rudigier „Grüß Gott Frau S.! Waren Sie heute Morgen schon spazieren? Wo ging’s denn hin?“ Angelika Rudigier hat für jede ihrer acht bis zwölf Teilnehmerinnen im Stuhlkreis ein persönliches Wort zur Begrüßung parat. Dann machen sie Bewegungsübungen, heute mit Jongliertüchern, sonst zum Beispiel auch mit Bällen oder Waschklammern. „Die älteren Menschen sollen sich spüren, ihren Körper wahrnehmen“, erklärt Angelika Rudigier. „Wenn uns ein wenig warm geworden ist, wechseln wir vom Stuhlkreis zum Tisch und markieren so einen neuen Abschnitt.“ Auch das ist Bewegung. Ein Resultat: weniger Altersstürze „Wer selbstständig bleiben will, sollte seine Beweglichkeit erhalten – die geistige wie die körperliche“, weiß die Diplomsozialbetreuerin. Deshalb kombiniert ® SimA-P das Gedächtnistraining mit der psychomotorischen, also der geistig-körperlichen Beweglichkeit und einer anschließenden Entspannung. Entwickelt wurde das Konzept bereits im Jahr 1991 von Prof. Dr. Wolf D. Oswald am Institut für Psychogerontologie der Universität Nürnberg-Erlangen. Elf Jahre später führte er eine wissenschaftlich fundierte Studie durch, für die er rund 300 ältere Menschen vier Jahre lang bei ihrem Training begleitete. Im Jahr 2006 lagen die Ergebnisse vor: Bei so

23 ANNA PRAXIS VORARlberg Mit den altbekannten Federkielen in der Hand schwelgen Helga Pösel (links) und Irma Frioli in Erinnerungen. gut wie allen Teilnehmerinnen hatte sich die psychomotorische Leistungsfähigkeit bereits nach sechs Monaten verbessert; Altersstürze, zum Beispiel, lagen um 50 Prozent unter dem Durchschnittswert. „Wie schmeckt ein Golden Delicious?“ Das Thema der heutigen Stunde am Tisch lautet „Herbst“. Angelika Rudigier hat verschiedene Sorten Äpfel mitgebracht und auf den Tisch gelegt. Die Bewohnerinnen sind neugierig, fassen sie an, wiegen sie in ihren Händen, befühlen die Schalen, vergleichen die Farben. „Wie schmeckt ein Golden Delicious? Wie ein Jonagold?“, fragt Angelika Rudigier und fordert die Seniorinnen auf, zu kosten; ein kleines Messer liegt bereit. „Der ist aber saftig“, sagt eine Bewohnerin. „Süß“, kommentiert ein älterer Herr. „Wer von Ihnen hatte denn früher eigene Apfelbäume im Garten?“ Bei vielen weckt Angelika Rudigier Erinnerungen. Keine muss, aber jede darf erzählen. „Ich weiß noch, wie ich Haue gekriegt habe“ „Einmal hatten wir das Thema Schule“, berichtet die Diplomsozialbetreuerin. Sie brachte eine Tafel, einen Rohrstock, ein Tintenfass und eine Feder mit. Ganz spontan habe eine Bewohnerin das Tintenfass in die Hand genommen und schmunzelnd erzählt: „Vor mir in der Schule ist eine gehockt, die hatte lange Zöpfe. Ein Mal habe ich ihr die Zöpfe in das Tintenfass gehängt.“ Alle lachten. Dann sei eine Teilnehmerin mit Blick auf den Rohrstock nachdenklich geworden und sagte: „Ich weiß noch, wie ich Haue gekriegt habe.“ Viele der Teilnehmerinnen erinnerten sich an diese unschöne Methode und ein älterer Herr wusste gleich noch eine andere: Dass sie die Skihosen immer draußen ausziehen mussten, egal wie kalt es gewesen sei, weil Mädchen damals nicht mit Hosen in die Schule durften. „Auch traurige Ereignisse gehören zu unserem Leben. Durch die Erinnerung können sie mit anderen geteilt und aufgearbeitet werden“, erklärt Angelika Rudigier. „Auch ich lerne jedes Mal dazu!“ Für die Entspannung gegen Ende der Trainingsstunde hat Angelika Rudigier das Gedicht „Herbst“ von Theodor Storm mitgebracht, das heute eine der Bewohnerinnen vorliest. Manchmal singt die Gruppe auch gemeinsam ein Lied oder sie naschen noch etwas. Angelika Rudigier hat schon viele Fotos von den gemeinsamen Nachmittagen gemacht, die sie dann mit den jeweils getrockneten Früchten, Blättern, Blüten oder kleineren Gegenständen ans Schwarze Brett hängt. „Unsere Bewohnerinnen erzählen ihren Angehörigen oder den Pflegekräften dann gern, worüber wir gesprochen, was sie gemacht haben und sind sehr stolz. „Auch ich lerne jedes Mal dazu!“, schwärmt Angelika Rudigier. „Immer wieder bin ich überrascht, was die älteren Leute noch alles können. Unsere Bewohnerinnen kommen regelmäßig in die Gruppe. Das zeigt, dass es ihnen Spaß macht. Und das ist schließllich doch das Wichtigste!“ ❑

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