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annalive 01/2013

Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

10 DAS THEMA Wie können

10 DAS THEMA Wie können Angehörige und Mitarbeiterinnen zu einer zufriedenen und frohen Atmosphäre im Heim beitragen? Manfred King: Sowohl den Angehörigen als auch den Mitarbeiterinnen gebührt größte Wertschätzung. Doch nur, wenn diese beiden Personengruppen miteinander und mit der jeweiligen Bewohnerin eine Einheit bilden, sich gegenseitig achten und miteinander kommunizieren, entwickelt sich auch ein Wohlfühlklima im Heim. Freude entsteht, wenn wir sie unseren Mitmenschen gegenüber ausstrahlen. Vorgesetzte sind daher gut beraten, wenn sie Bewohnerinnen, Angehörigen und vor allem ihren Mitarbeiterinnen gegenüber regelmäßig ihre Wertschätzung aussprechen und sie mit ihrer Freude infizieren. Ohne pauschalisieren zu wollen: Gibt es Ereignisse, Menschen oder Dinge, an denen ältere Menschen im Heim prinzipiell besonders Freude haben? Manfred King: Wie Sie schon sagten, pauschale Antworten gibt es nicht, denn jeder Mensch ist anders. Große Freude erlebte ich bei Bewohnerinnen allerdings immer, wenn sie Besuch bekamen, egal, ob von Angehörigen, Freunden, Personen des öffentlichen Lebens oder von Ehrenamtlichen. Auch an Geburtstagsfeiern und Jahresfesten freuten sich die Bewohnerinnen am meisten über ihre Gäste. Erinnern Sie sich an Menschen im Heim, von deren Lebensfreude Sie besonders beeindruckt waren? Manfred King: Frau N. kam ins Pflegeheim. Kurz nach ihrem Eintreffen machte ich einen Begrüßungsbesuch mit einem Blumentöpfchen in der Hand. Frau N. lag im Bett, freute sich riesig und erzählte mir sofort ihre ganze Lebensgeschichte. Was diese Frau durchgemacht hat, war für mich nahezu unfassbar. Ihre ganze Familie kam im Krieg und bei der Vertreibung ums Leben. Weitere Schicksalsschläge folgten, zuletzt musste sie sich beide Beine amputieren lassen. Sie nahm die neue Situation, jetzt im Heim leben zu müssen, sehr positiv und mit Freude wahr, äußerte sich sogar dankbar darüber, jetzt in diesem schönen Haus und unter neuen Menschen sein zu dürfen. Von ihr habe ich viel gelernt. Ebenso von Frau A.: Als diese ältere Dame 95 Jahre alt wurde, bat mich die Stationsleiterin sie bei meinem Geburtstagsbesuch doch noch einmal auf die vielfältigen Aktivitäten im Haus hinzuweisen. Frau A. käme kaum aus ihrem Zimmer heraus und würde alle Angebote ablehnen. Kurz darauf suchte ich Frau A. auf und gratulierte ihr. Ich traf eine adrett gekleidete Dame in einem super aufgeräumten Zimmer an. Sie bat mich, Platz zu nehmen, bot mir ein Glas Rotwein an, war sehr gesprächig und mitteilsam. Gegen Ende meines Besuches versuchte Die 79-jährige Melitta Reis legt vor allem auch Wert auf eigenes Geld und einen ruhigen Schlaf. Hin und wieder genießt sie ein Gläschen Wein und hört gerne alte Schlager. Für Theresia Ritter, Jahrgang 1920, steht die Gesundheit an erster Stelle. Sie freut sich auf ein Schnäpschen am Abend, geht gern spazieren und mag es, „wenn’s im Sunnaeck lustig ist“.

11 DAS THEMA „Das Schönste für mich ist die Liebe und das Lachen meiner Enkel und Urenkel“, sagt Rudolf Schweiger, Jahrgang 1923. Mathilde Bentele, Jahrgang 1920, ist ein ruhiger Schlaf besonders wichtig, auch, dass es keinen Streit gibt, sondern Frieden. „Ich erzähle gern Witze und alte Geschichten, mag gute Unterhaltung. Aber dann will ich auch wieder meine Ruhe haben.“ ich, Frau A. für unsere Aktivitäten zu begeistern. Sie schaute mich mit sanftem Blick an und sagte: „Ach, Herr King, schauen Sie, ich bin 95, ich habe mein Leben gelebt. Ich habe alles hergerichtet, den Grabpflegevertrag abgeschlossen, den Ablauf der Beerdigung festgelegt, alles bezahlt, mein Testament gemacht und jetzt bete ich jeden Tag, dass der Herr Gott mich holt.“ Für mich eine wichtige Erfahrung, die ich nicht vergessen werde! Vielen Dank für das Gespräch, Herr King! ❑

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