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annalive 01/2011

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

10 DAS THEMA Der

10 DAS THEMA Der „Erinnerungstisch“ im Haus St. Josef: Neben dem persönlichen Abschied und der Messe eine Möglichkeit, des Verstorbenen zu gedenken. Würdevoll und selbstbestimmt leben bis zuletzt Was tun, wenn ein Bewohner sterben möchte? Das Aufstehen fällt ihr immer schwerer. Sie verweigert Essen und Trinken, lehnt ihre Medikamente ab oder spuckt sie wieder aus – auch ohne Worte macht die an Demenz erkrankte Seniorin deutlich, dass sie mit dem Leben abgeschlossen hat. Was tun? Die Bewohnerin am Leben erhalten oder sie in der Sterbephase begleiten? Gefragt sind Pflegekräfte, Angehörige und ihr Hausarzt. Was zählt, ist jedoch vor allem der schriftlich niedergelegte oder mutmaßliche Wille des Betreffenden selbst. Text: Elke Benicke/Fotos: Felix Kästle, Elke Benicke „Wenn uns auffällt, dass ein Bewohner das Essen oder Trinken verweigert, bieten wir zunächst Fingerfood und hochkalorische Trinknahrung an“, erklärt Jutta Unger, Hausleiterin von St. Josef in Schruns. Die kleinen, immer griffbereiten und schmackhaften Häppchen sollen den Appetit anregen, die Trinknahrung einem schnellen Gewichtsverlust vorbeugen. „Doch wenn der Bewohner das Angebot nicht annimmt, ist das seine Entscheidung!“, sagt sie. Dann werden die Angehörigen informiert. Es geht darum, die mögliche Entschei- dung des Bewohners richtig zu werten. Würde die Mutter oder der Vater wollen, dass eine Magensonde gelegt wird? Oder sogar eine Verlegung ins Krankenhaus veranlasst wird? Oft hat Jutta Unger diese Fragen schon bei der Aufnahme ins Haus St. Josef klären können. Manchmal liegt sogar eine Patientenverfügung vor. Der mutmaßliche Wille Doch manchmal konnten oder wollten sich die Senioren nicht mit dem eigenen Sterben auseinandersetzen; können oder wollen es auch im Ernstfall nicht. Dann gilt der mutmaßliche Wille. „Wir kennen unsere Bewohner und ihre Biografie meist sehr gut; außerdem besprechen wir uns mit den Angehörigen und dem Hausarzt“, sagt Evelin Walch, diplomierte Krankenschwester und Palliativbeauftragte im Haus St. Josef. „Oft hat die betreffende Person, vielleicht in Bezug auf andere Schicksale, doch einmal erwähnt, dass sie nicht „an Schläuche kommen will“ oder ähnliches.“ Wenn klar ist, dass keine weiteren lebenserhaltenden Maßnahmen ergriffen werden sollen, stellen sich die Mitarbeiter darauf ein und begleiten den Bewohner entsprechend seinen Wünschen.

11 DAS THEMA Im Sterben nicht allein sein „Zunächst besprechen wir mit den Angehörigen, wie sie ihre Besuche am besten auf die Bedürfnisse des Sterbenden abstimmen können, ohne sich selbst zu überfordern. Zusätzlich bieten wir ihnen Hilfestellung in Form von Gesprächen an, organisieren eine Hospizbegleiterin und den Besuch des Seelsorgers“, berichtet Evelin Walch. „Bei einer Begleitung rund um die Uhr durch die Angehörigen bieten wir ihnen eine gemütliche Sitzgelegenheit oder ein Zustellbett an; sie bekommen auch zu essen und zu trinken. Wir haben immer ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Angehörigen. Nur gut begleitete Angehörige haben die Kraft dem Sterbenden beizustehen.“ Körperliche Beschwerden werden individuell durch Schmerztherapie, Medikamente gegen Übelkeit oder Beruhigungsmittel gelindert. Hin und wieder holt Evelin Walch auch den Rat des mobilen Palliativ-Teams Vorarlberg ein. Zum Beispiel im Falle einer Seniorin, die panische Angst vor dem Ersticken hatte. Sie litt bereits aufgrund einer Grunderkrankung an Atemproblemen. Gemeinsam wurde eine Medikation vereinbart, die ihr das Sterben erleichterte. Einfühlsame Begleitung bis zuletzt „Wir versuchen, die letzte Lebensphase so angenehm wie möglich zu gestalten und auf die persönlichen Wünsche einzugehen“, betont die Hausleiterin, und Evelin Walch fügt hinzu: „Den Vorlieben des Sterbenden entsprechend wird mit ätherischen Ölen und angepasster Musik eine Atmosphäre der Ruhe geschaffen. „Wir organisieren die Krankensalbung, erledigen letzte Wünsche, lesen vor, singen oder beten mit ihm oder auch für ihn. Denn, was viele nicht wissen: Das Gehör ist am längsten aktiv!“ Als angenehm wird von vielen Sterbenden die Mundpflege empfunden. Dabei werden die Lippen und die Zunge des Bewohners, je nach Vorlieben zum Beispiel mit Saft, Cola oder auch Rotwein benetzt. „Wenn ein Bewohner schließlich in Frieden und in selbstbestimmter, angenehmer Atmosphäre sterben kann, ist der Tod auch für die Angehörigen und das Pflegeteam weniger belastend“, sagt Jutta Unger. ❑ Weitere Infos zur Palliativ-Arbeitsgruppe im Haus St. Josef, Schruns, auf Seite 17.

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