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Stellungnahme: Beihilfe zum Suizid in ethischer Bewertung

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Kirche

Kirche in Deutschland (EKD) vom 19.11.2012, die als Stellungnahme zu dem oben erwähnten „Gesetzentwurf zur Strafbarkeit der gewerbsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ veröffentlicht wurde. Allerdings gibt es im Laufe der historischen Entwicklung innerhalb dieser generellen Ablehnung doch sehr differenzierte Positionen, die in wenigen Zügen skizziert werden sollen. Im christlichen Altertum und im Mittelalter wird der Suizid unterschiedlich scharf verurteilt. Eine strikte Verurteilung spricht Augustinus (354-430) aus, der vom Dekalog her argumentiert und das dort ausgesprochene Tötungsverbot absolut versteht. Auch Thomas von Aquin (1225-1274) lehnt die Selbsttötung ab, und zwar aus drei Gründen, die in der Folge als die klassischen Argumente gelten: (1) Der Suizid ist eine Handlung gegen die von Gott wohl geordnete Natur, in der alles danach strebt, sich selbst zu erhalten. (2) Der Suizid ist ein Unrecht gegenüber der Gemeinschaft, in die der Mensch hineingeboren wird. (3) Der Suizid bildet einen Eingriff in das Souveränitätsrecht Gottes über das Leben eines jeden Einzelnen: „Wer sich also das Leben nimmt, der versündigt sich gegen Gott, so wie derjenige, der einen Sklaven tötet, sich gegen den Herrn des Sklaven versündigt.“ 48 Diese Hauptlinie der Moraltheologie wird durch eher gemäßigte Meinungen, wie sie sich etwa bei Ambrosius (339-397) und Hieronymus (347-420) finden, nicht wesentlich gemildert. So beginnt die Tradition der Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses für sog. „Selbstmörder“ schon auf Provinzialsynoden im 6. Jahrhundert und dauert in der katholischen Seelsorgepraxis bis nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) an. 49 Dezidierte Ausnahmen von dieser 48 Thomas von Aquin: Summa theologiae, IIa–IIae, q. 64, art. 5. 49 K. Hilgenreiner, Art. Selbstmord. In: Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg 1. Aufl. 1937, Band 9, 440-442. Genannt werden die Synoden von Orléans (533) und Braga (563). Grundlinie bilden allein die Gedanken Karl Barths 50 (1886-1968) und Dietrich Bonhoeffers 51 (1906-1945). Ein Blick in einige ausgewählte Katechismen der letzten Jahrzehnte lässt erkennen, dass erst in der Gegenwart die Verurteilung der Selbsttötung einer vorsichtigeren Bewertung Platz macht. Bis in die 1990er Jahre hinein wird in Glaubensbüchern beider Konfessionen der Suizid als „Selbstmord“ bezeichnet; der Katechismus der Katholischen Kirche verurteilt ihn als „schwere(n) Verstoß gegen die Gerechtigkeit, die Hoffnung und die Liebe“ 52 . Immerhin kann man den etwas trivial wirkenden Satz im Evangelischen Erwachsenenkatechismus „Die Kirche verurteilt den Selbstmord, aber nicht den Selbstmörder“ 53 so interpretieren, dass die Autoren sich bewusst sind, der tragischen Situation dessen, der sich das Leben nimmt, mit einer Verurteilung nicht gerecht zu werden. Erst in neuerer Zeit sprechen vereinzelt Erklärungen der Kirchen davon, dass über die Gründe einer Selbsttötung (!) keinem Außenstehenden ein Urteil zustehe. Dies sagt etwa die gemeinsame evangelisch-katholische Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“ von 1989, die dann fortfährt: „Für den Christen bedeutet die Selbsttötung eines anderen Menschen eine enorme Herausforderung: Er kann diese Tat im letzten nicht verstehen und nicht billigen – und kann dem, der so handelt, seinen Respekt doch nicht versagen“ 54 . Der Katholische Erwachsenen-Katechismus, sechs Jahre 50 Die berühmte Fundstelle dazu bei Karl Barth ist der § 55 der Kirchlichen Dogmatik, in der er sagt, „Jedermann, auch dem hartgesottensten theologischen Ethiker“, sei die Einsicht zuzumuten, „er könnte vielleicht letztlich doch nicht so genau wissen, was sich zwischen Gott und dem Selbsttöter nun eigentlich zugetragen hat“ (Kirchliche Dogmatik, Dritter Band: Die Lehre von der Schöpfung, Vierter Teil. Zollikon-Zürich 1951, hier 460). 51 „Nicht das leibliche Leben als solches“ – sagt Bonhoeffer – „hat ein letztes Recht an dem Menschen, der Mensch steht in Freiheit seinem leiblichen Leben gegenüber und ‹das Leben ist der Güter höchstes nicht›“ Ethik, hg. von Ilse Tödt u.a. (Werke, Band 6). München 1992, 195. Einen hervorragenden Kommentar zu den Gedanken Barths und Bonhoeffers gibt Frank Mathwig, Bern, in einem Vortrag auf der Landessynode 2012 der Evangelischen Kirche im Rheinland (Dokumente, hg. von der Ev. Kirche im Rheinland, 2013). 52 Katechismus der Katholischen Kirche. München – Wien 1993, Art. 2325, S. 589. 53 Evangelischer Erwachsenenkatechismus. Gütersloh 4., überarb. Aufl. 1982, 525. 54 Gott ist ein Freund des Lebens. Gemeinsame Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz. Gütersloh / Trier 1989, 107. 38 39

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