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Max’ Geschichte auf der therapeutischen Wohngruppe

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selbst holen. Das haben

selbst holen. Das haben wir Schritt für Schritt ausgedehnt: vom Tisch zum Sofa, vom Zimmer in den Gemeinschaftsraum. Inzwischen trägt Max seine Magazine ohne Probleme. Wir haben ihm gezeigt, dass wir seinem herausfordernden Verhalten mit Gelassenheit entgegentreten. Und wir haben versucht, unerwünschtes Verhalten so gut wie möglich zu ignorieren und gewünschtes Verhalten positiv zu verstärken. Lange Zeit wollte Max an einem Einzeltisch zeitlich und räumlich getrennt von den anderen essen; er wollte einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin an seiner Seite; sie sollten ihn füttern. Mit Essen- Herumwerfen hat er Druck aufgebaut und das eingefordert. Wir haben mit Grenzen reagiert und nach und nach versucht, Max zum Essen in die Gruppe einzubinden. Inzwischen funktioniert das gut. Er hat seinen festen Platz auf der Eckbank. Neben ihm sitzt ein Mitarbeiter, auf der anderen Seite ein Mitbewohner. Die Sicherheit, dass andere Menschen um ihn herum sitzen, ist wichtig für Max. Wenn einer der beiden nicht da ist, fragt er nach der Person. Mittlerweile kommt er häufig am Morgen zu mir ins Büro und sagt über sich selbst: „Wenn’s Frühstück klappt, kriegste ne Milch.“ Das haben wir ihm versprochen, um positives Verhalten zu bestärken. Das ist inzwischen wie ein Mantra für ihn. Ja, Max! Darauf kannst Du stolz sein; das kannst Du Mama und Papa erzählen! Eric Albrecht, Leiter der Sozialtherapeutischen Wohngruppe Lukas 41 „Jeden Morgen geht Max in die Schule. Er hat außerdem Ergotherapie und geht mit der Laufgruppe spazieren. Wir haben bei Max gute Erfahrung gemacht mit dem Wechsel zwischen Angebot und Pause, zwischen gleichbleibenden Strukturen und Flexibilität. Die Struktur, die wir vorgeben, muss immer noch eine gewisse Flexibilität aufweisen, sonst besteht die Gefahr, dass sie von Max schnell ritualisiert wird. Heute kann Max diesen Spagat meistern. Vergleicht man Damals und Heute, sieht man deutlich, dass wir ihm Entwicklung ermöglicht haben und Max diese Chance genutzt hat. Wir hatten das Vertrauen in ihn, dass er diese Entwicklung machen und Dinge selbständig angehen kann. So viel passiert im Alltag. Wir sind der Meinung, dass der Rahmen, den wir auf der Wohngruppe gestalten, dafür ausschlaggebend ist. Deshalb ist die Milieutherapie unser therapeutischer Ansatz. Es heißt Wohngruppe, also versuchen wir, sie wohnlich zu gestalten. Dazu gehört: aufeinander Rücksicht nehmen, voneinander lernen, Freundschaft, Konflikt, Stärken und Schwächen akzeptieren. Das sehe ich als eine unserer Kernaufgaben: das Zusammenleben unter den BewohnerInnen zu fördern und zu unterstützen. Ich glaube, wir schaffen es, unseren BewohnerInnen eine individuelle Lebenswelt und eine Heimat zu bieten, die sie über viele Jahre trägt.“ Foto oben Max liebt Musik. Im Unterricht singen und trommeln seine Lehrerin und er. In den letzten Jahren ist Max in allen alltagspraktischen Belangen selbständiger geworden. Als er zu uns kam, hatte er große Probleme, etwas zu tragen. Er schaut für sein Leben gern Automagazine an, aber Max wollte diese Magazine nicht selbst holen; wir sollten das für ihn tun. Wir erklärten ihm, dass er zwei Hände hat, und dass das Magazin wenig wiegt. Und wenn er es anschauen mag, muss er es 6

Katharina Rau, Leiterin der assoziierten ergotherapeutischen Praxis Fotos oben In der Ergotherapie lernt Max, den Blick auf seinen Tätigkeiten zu halten. Mandy Oberhofer, Lehrerin „Max bekommt vier mal die Woche Einzelunterricht und freut sich sehr auf die Schule. Da wir im Unterricht an der Klinikschule auf die Befindlichkeiten unserer Schülerinnen und Schüler eingehen müssen, entscheiden wir sehr individuell, was wir in jeder Stunde machen. Anfangs musste für Max alles sehr reizarm sein. Man konnte kein Fenster öffnen, da ihn die Geräusche überforderten. Ich versuchte, diesen Aspekt nach und nach auszudehnen: Wir sind nach draußen gegangen – natürlich auch, um frische Luft zu schnappen, aber vor allem, um die Geräusche in seiner Umgebung kennen- und ausblenden zu lernen. Im Lukas-Garten konzentrierten wir uns die ersten Male nur darauf, was wir hörten: Vogelgezwitscher, einen Rasenmäher. Nach und nach konnten wir uns dann den Schulaufgaben widmen. Wir arbeiten mit Farben und Formen oder Gegenständen aus dem Alltag. Wir fragen: „Was passt zusammen: Tisch und Stuhl, Apfel und Birne?“ oder wir spielen „Ich packe meinen Koffer“. Im Unterricht mit Max ist wegen seiner Sehbehinderung und seiner motorischen Tics viel Geduld gefragt. Seine Konzentrations- und Motivationsspanne ist relativ kurz, dennoch hat er sehr große Fortschritte gemacht. Ich finde es schön, diese zu beobachten und zu sehen, dass eine Beziehung zwischen uns entstanden ist.“ „Die Wohngruppe und die therapeutische Leitung überlegen, was die BewohnerInnen im Alltag weiterbringt und ob eine Ergotherapie Sinn machen würde. Wenn ja, wird sie vom behandelnden Arzt verordnet. Max ist auf einem Auge blind und mit dem anderen sieht er sehr schlecht. Seine Augenmotorik macht es ihm schwer, seinen Blick auf etwas zu halten. Er hat außerdem motorische Tics mit den Händen, die seine Tätigkeiten unterbrechen. Ich schaue mir genau an, auf welchem Entwicklungsstand er kognitiv und motorisch ist und versuche, seine Fähigkeiten so zu entwickeln, dass er im Alltag selbständiger agieren kann. Wenn in der Wohngruppe verlangt wird „Max, zieh dir bitte die Schuhe an!“ fällt es ihm nicht nur schwer, seinen Blick auf den Schuhen zu halten, er verliert auch ständig den Handlungsleitfaden. Der ist „normalerweise“ automatisiert. Wir haben ein Ziel vor Augen – Schuhe anziehen – und einen Plan, welche Schritte nacheinander durchgeführt werden müssen. Bei Max wird dieser Plan durch seine Tics unterbrochen. Er braucht also extrem lang in der Alltagsversorgung. Ich überlege mir Strategien, die Tics zu unterbrechen. Der verbale Input reicht bei Max meist nicht aus, darum nehme ich seine Hand und führe sie wieder zu der Tätigkeit hin. Das versuche ich mit einem verbalen Signal zu koppeln. Ich mache also die Berührung und sage gleichzeitig „Mach weiter!“ und hoffe, dass sich das irgendwann verknüpft. So üben wir Handlungsabläufe, die ihm mehr Selbständigkeit bringen sollen. Am Ende der Therapieeinheit tanzen wir hin und wieder. Max hat ein ganz sonniges Gemüt. Er ist eine echte Bereicherung in meinem Arbeitsalltag.“ 7

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