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Max’ Geschichte auf der therapeutischen Wohngruppe

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Alfons Ummenhofer,

Alfons Ummenhofer, Heimleiter der sozialtherapeutischen Heime Foto oben links Max schaut für sein Leben gern Automagazine an. Foto oben rechts motorische Tics mit den Händen unterbrechen häufig seine Tätigkeiten. Laura Decker, Jugend- und Heimerzieherin in der Wohngruppe Lukas 41 „Am Anfang war es nicht einfach. Als Max zu uns in die Wohngruppe kam, mussten wir einige Maßnahmen ergreifen, um ihn vor sich selbst zu schützen. Er brauchte immer eine sehr enge Bezugsperson um sich, wollte partout nicht alleine essen. Es gab Zeiten, da konnte man ihn nicht aus den Augen lassen. Ihm Socken anzuziehen dauerte Stunden. Er lachte nie. Diese Aggression, vor allem aber die Autoaggression auszuhalten, war total schwer. Unsere Aufgabe war, ihm zu vermitteln, dass er mit diesem Verhalten nicht weiterkommt. Dann fand – irgendwann – ein Beziehungsaufbau statt. Am Anfang merkte er sich keine Namen. Irgendwann wusste er die Namen seiner BetreuerInnen und seiner MitbewohnerInnen. Dann konnte er beim Anziehen helfen. Schritt für Schritt – natürlich mit Höhen und Tiefen und auch mal frustrierenden Rückschritten – kam ein Charakter hervor, den wir davor nicht kannten: Wenn dieser Kerl lacht, ist das wirklich sensationell! Mit den anderen auf der Wohngruppe hat Max es mittlerweile sehr nett. Sie sind ihm wichtig geworden. Wenn er bei seinen Eltern ist, frägt er nach seinen Freunden hier und kommt gerne zurück. Das ist eben Beziehung. Vertrauen muss sich entwickeln.“ „Max ist ein charmanter und sehr liebenswerter Mensch. Aber seine Verhaltensauffälligkeiten, seine Selbstverletzungen und Aggressionen gegen andere, machten lange Jahre nur eine Einzelbetreuung möglich. Menschen wie Max benötigen ein spezielles Setting – ein Zusammenspiel aus Ressourcenorientierung, Schutzmaßnahmen und Grenzsetzung. Warum? Weil das Verhalten, das zu einer Aufnahme bei uns führt, so massiv ist, dass es für diese Menschen unmöglich ist, sich in anderen sozialen Kontexten zu bewegen. Ihre Verhaltensauffälligkeiten sind nicht in einer klassischen Psychotherapie zu behandeln, es bedarf vielmehr eines milieutherapeutischen Rahmens in dem sich die Menschen grundsätzlich wohlfühlen. Sehr viel an Verhaltensänderung und Verhaltensaufbau findet im Alltag statt und das Leben in der Wohngruppe wird zu einem Therapeutikum. Über die Gestaltung des Alltags auf den Wohngruppen wirken wir genau auf diese Dinge ein: Was können unsere BewohnerInnen? Und wie können ihre Fähigkeiten (wieder) aktiviert und ausgebaut werden? Wie können Anforderungen und Reize reduziert werden? Wie können wir auf problematisches Verhalten Einfluss nehmen und eine tragfähige Lebensperspektive entwickeln? Bei einigen unserer BewohnerInnen führt unser Angebot zu einer Veränderung auf individueller Ebene. Sie stabilisieren sich, zeigen „positiv erwünschtes Verhalten“. Dadurch können sie bestimmte Anforderungen bewältigen und uns verlassen. Ein großer Teil unserer BewohnerInnen bleibt. Bei ihnen passen wir das Setting an die Bedürfnisse an und nicht umgekehrt. Natürlich findet auch da Veränderung statt, aber viel langsamer. Diese Menschen sind unter Umständen sehr lange auf eine solche Betreuung angewiesen.“ 4

Sabine Schampel, Therapieleiterin der Wohngruppe LUK 41 „Wir TherapieleiterInnen sind unterschiedlichen Wohngruppen zugeordnet. Auch wenn wir nicht Teil ihres Alltags sind, haben wir zu jeder Bewohnerin und jedem Bewohner, für die wir zuständig sind, eine persönliche Beziehung. Unsere Aufgabe ist vielmehr ein indirektes Einwirken auf die milieutherapeutische Gestaltung des Wohngruppen- alltags. Wir sammeln Informationen – von den El- tern, der Schule, von TherapeutInnen und Erzie- herInnen. Wir betrachten von außen und versuch- en, Erklärungszusammenhänge zu schaffen und gemeinsam mit den Teams Ideen zu entwickeln, die unsere BewohnerInnen in ihrer Entwicklung weiterbringen. Unsere Arbeit hat manchmal auch etwas Detektivisches. Es gibt so viele unterschiedliche Ausprägungsformen im Verhalten bei bestehenden Behinderungen und so viele unterschiedliche Menschen – alle haben eine eigene Geschichte und reagieren völlig anders. Max braucht strukturierte Rahmenbedingungen – ein therapeutisches Setting, welches zu ihm passt. Eine Gesprächs- oder Verhaltenstherapie in Einzelstunden hätte bei ihm wenig Sinn. Die Wohngruppe Lukas 41 bietet den sozialen Rahmen, in dem Max sich unter Gleichaltrigen bewegt. Unsere In- tention war es, sein problematisches Verhalten zu reduzieren und seine Entwicklung voranzutreiben. Doch wie schafft man das? Das ist bei jedem Menschen anders. Bei Max liegt unser Augenmerk auf den Themen „Gruppenzugehörigkeit“ und „Selbständigkeit“. Als er noch zu Hause wohnte, haben ihm seine Eltern vieles abgenommen – was ganz natürlich und verständlich ist. Ein Alltag zu Hause gestaltet sich anders. Wenn es Verabredungen gibt, die man einhalten muss – zum Beispiel die Ankunft des Schulbusses oder der Termin bei der Ergotherapie – kann man nicht wie hier auf der Wohngruppe daneben stehen und warten, bis die Schuhe angezogen sind. Man ist unter Zeitdruck. Seine Eltern nahmen Max vieles ab, nicht, weil sie ihn verwöhnten, sondern weil es die Notwendigkeit dazu gab. Es ist kein erzieherisches Versäumnis; es waren die Bedingungen, die dazu führten, dass Max ein Stück mehr „Macht“ hatte, als er es hier auf der Wohngruppe hat. Die MitarbeiterInnen in der Station haben ganz andere Möglichkeiten problematisches Verhalten auszuhalten oder auf Verhaltensauffälligkeiten zu reagieren. Das fängt bereits bei den personellen Ressourcen an. Darüber hinaus gibt es bestimmte pädagogische Strategien: „positives Verhalten stärken, negatives Verhalten ignorieren“ beispielsweise. Das funktioniert bei Max nur bis zu einem gewissen Punkt, da er seine Verhaltensauffällgkeiten nicht immer steuern kann. Mit „Verstärkern“, wie einem Glas Milch oder Süßigkeiten, kann man jemanden einfangen, der „nur“ ein bisschen motiviert werden muss – Max’ Problemverhalten hingegen entzieht sich oft seiner Kontrolle. Das Team und ich sitzen regelmäßig zusammen und entwickeln konkrete Ideen. Mit den Informationen der Eltern, den Beobachtungen der ErzieherInnen und meiner Perspektive auf die Problemsituationen reflektieren wir Interaktionsmuster oder hinterfragen die angewandten Maßnahmen.“ 5

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