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Anstifter 3, 2014 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Altenhilfe, Behindertenhilfe, Bildung, Gesundheit, Familie und Dienstleistungen.

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© angellodeco – Fotolia.com Wartezimmer-Spiritualität von Prälat Michael H. F. Brock Eigentlich ist es nichts Besonderes. Ein Termin beim Zahnarzt. Auch nichts Dramatisches. Es steht eine einfache Zahnreinigung an. Dennoch bin ich nervös. Innerlich schüttele ich den Kopf. Stell dich nicht so an, sage ich mir. Du kennst das doch. Eigentlich jeden Handgriff. Du liegst auf dem Sessel, machst den Mund auf und in einer halben Stunde ist alles vorbei. Gut, die Geräusche sind nicht angenehm. Und es gibt auch Stellen, wenn die freundliche Assistentin an diesen Stellen ins Zahnfleisch abrutscht, dann tut es schon weh. Es gibt auch einen Zahn, den werde ich ihr verschweigen. Hoffentlich merkt sie nicht, dass der ein wenig wackelt. Irgendwas ist mit ihm. Vielleicht komm‘ ich ja noch einmal drum herum. Aber heute ist etwas vollkommen anders, und es macht mich fast verrückt. Es wird nicht „meine“ Zahnarzthelferin in meinem Mund agieren. Es wird eine „Neue“ sein. „Meine“ hat ihre Arbeitsstelle gewechselt. Das hatte sie angekündigt und wir hatten uns beim letzten Mal auch freundlich voneinander verabschiedet. Jetzt, nach all den Jahren, beginnt alles von vorne, dachte ich. Wird sie mir wehtun? Weiß sie, dass ich Angst habe und nur so tun werde, als würde mir das alles nichts ausmachen? Wird sie sensibel sein, oder macht sie halt an den Zähnen rum wie an einem Objekt, das eben sauber gemacht werden muss? Und tatsächlich. Sie stellt den Stuhl vollkommen anders ein, als ich es gewohnt bin, selbst das Schutztuch über der Brust sitzt heute anders. Sie nimmt auch ein anderes „Putzgerät“ und beginnt an einer vollkommen anderen Stelle die Zähne zu reinigen. Es ist für mich nicht vorhersehbar, was sie tut. Ich beginne zu schwitzen. Ich weiß nicht, kommt nach den Zähnen links unten gleich die Zahnreihe links oben? Früher war das anders. Es waren immer drei Durchgänge. Der erste mit einem Lasergerät, dann von Hand mit einem „scharfen“ Gegenstand. Schließlich die Politur. Ich sitze angespannt im Sessel. Meine Hände haben sich ineinander verkrampft. Eine Träne läuft aus meinem rechten Auge. Und irgendwie will sich mein Mund instinktiv schließen. Ich erinnere mich. Ich bin auch schon mal davongelaufen… Aber ich traue mich nicht, etwas zu sagen. Nach den ersten paar Minuten legt sie alle Geräte aus der Hand. Der Liegesessel gleitet in die Ausgangsposition zurück. Und wir reden miteinander: Ich von meiner Angst, die ich doch längst abgelegt hatte, weil ich mittlerweile schon so oft bei „meiner“ Zahnarzthelferin gewesen bin. Ich kenne jeden Handgriff und weiß auch, dass sie weiß, wo es mir wehtut, und ich weiß, dass sie äußerst sensibel sein wird. Ich würde ihr auch jeden Ausrutscher verzeihen, weil der halt auch vorkommen kann… Und sie erzählt von ihrer Angst. Hoffentlich tue ich meinem Patienten nicht weh. Und an manchen Stellen wäre das auch unumgänglich, jedenfalls wenn sich der Zahnstein schon unter das Zahnfleisch geschoben hätte. Ich dürfe aber jederzeit die Hand heben und wir könnten Pausen einlegen. Ich wollte unbedingt „vorgewarnt“ werden vor dem nächsten Schritt. Und irgendwie hat es mir enorm geholfen, dass sie mir gesagt hat, dass sie die Angst kenne und darum äußerst vorsichtig agieren würde. Ich spüre, dass das kurze Innehalten äußerst wichtig war. Die reine Professionalität, von der ich ja ausgehen konnte, reicht nicht. Ich musste mich auf die „Neue“ erst einstellen und Vertrauen fassen. Ich musste mich vergewissern, dass sie wusste, dass sie einen ängstlichen Menschen und nicht einfach Zähne vor sich hat, die gereinigt gehören. Ja, der eine Moment Innehalten ist entscheidend. michael.brock@stiftung-liebenau.de 12 Stiftung Liebenau

Löher: Inklusionsdiskussion versachlichen Deutscher Verein: Schnittstelle zwischen Politik, Wissenschaft und Praxis von Helga Raible LIEBENAU – „Zu viel Ideologie, zu wenig Einbeziehung der Betroffenen!“ Zur derzeitigen Inklusionsdebatte bezieht Michael Löher ebenso Position wie zu anderen aktuellen Entwicklungen der Sozialpolitik. Als Vorstand des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e. V. ist Löher einer der wichtigsten Gesprächspartner für Politik, Verwaltung und Praxis, wenn es um Sozialpolitik, soziale Arbeit und die Entwicklung des Sozialrechts in Deutschland geht. Michael Löher ist zu Gast in der Stiftung Liebenau. Ein straffes Besuchsprogramm liegt hinter ihm: Frühförderstelle, Wohnprojekt „Supported Living“, Werkstatt für Menschen mit Behinderung. „Best-Practice- Beispiele“ sammle er bei solchen Besuchen, sagt er, Praxiserfahrungen, die auch in Empfehlungen des Deutschen Vereins gegenüber Politik und Verwaltung einfließen. Der Verein arbeitet an der Schnittstelle zwischen Praxis, Legislative und Exekutive. Mitglieder sind unter anderem Kommunen und Wohlfahrtsorganisationen, Bundesländer und Vertreter der Wissenschaft für alle Bereiche der sozialen Arbeit, der Sozialpolitik und des Sozialrechts. Seit einigen Jahren ist auch die Stiftung Liebenau Mitglied. „Die Stiftung gehört zu den wichtigen innovativen Playern in der sozialen Praxis“, so Löher. Ganz oben auf der Agenda des Deutschen Vereins zurzeit: Die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Löher beobachtet die auf das Schlagwort Inklusion verkürzte Debatte mit Skepsis. „Momentan sind zu viele Interessengruppen ideologisch unterwegs. Das Wunsch- und Wahlrecht der Betroffenen selbst ist oft nicht im Blick.“ Der Weg zur gleichberechtigten Teilhabe für Menschen mit Behinderung sei ein langjähriger Prozess, der sich auf alle Lebensbereiche beziehe und von allen gesellschaftlichen Gruppen akzeptiert werden müsse. „Diese Diskussionen haben erst begonnen.“ Der Staat müsse geeignete Instrumente zur Fachlicher Austausch mit dem Vorstand der Stiftung Liebenau: (v. l.) Dr. Berthold Broll, Michael Löher, Prälat Michael H. F. Brock, Dr. Markus Nachbaur. Foto: Raible Teilhabeförderung schaffen, zum Beispiel im Rahmen der Arbeitsmarktpolitik. Träger müssten ihre Strukturen entsprechend entwickeln: „Manche müssen auch das Loslassen lernen.“ Der Begriff Teilhabe könne außerdem nur individuell definiert werden. Welchen Beitrag leistet der Deutsche Verein zur weiteren Entwicklung in Sachen Inklusion und Teilhabe? „Wir versuchen, die Diskussion zu versachlichen“, erklärt Löher. „Zum Beispiel, indem wir die verschiedenen Ebenen differenzieren: Wo ist staatliche Steuerung gefordert, wo sind Ziele zu erfüllen, wo existieren eventuell individuelle Rechtsansprüche? Aber auch: Welche Kostendimensionen sind damit verbunden und wer trägt diese!“ Ein weiterer Themenschwerpunkt ist die Altenhilfe und -pflege. Der Deutsche Verein hat Empfehlungen zur sozialräumlichen Entwicklung vorgelegt. „Wir halten es für notwendig, dass die Kommunen mehr Steuerungsverantwortung erhalten. Nur so können vorhandene Angebote besser verzahnt werden, um zum Beispiel zur Verhinderung von Pflegebedürftigkeit beizutragen.“ www.deutscher-verein.de Stiftung Liebenau 13

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