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Anstifter 1, 2015 der Stiftung Liebenau

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Der Anstifter ist die Hauszeitschrift der Stiftung Liebenau mit Themen aus den Bereichen Altenhilfe, Behindertenhilfe, Bildung, Gesundheit, Familie und Dienstleistungen.

Schmerzlicher Rückblick

Schmerzlicher Rückblick Gewalterfahrungen in der Behindertenhilfe der Nachkriegszeit „Beim Streben nach Dezentralisierung und Normalisierung dürfen wir nicht vergessen: Menschen brauchen Orte, an denen ihnen Halt gegeben wird.“ Monsignore Dr. h. c. Norbert Huber, früherer Vorstand der Stiftung Liebenau „Wer die Vergangenheit nicht kennt, nicht aus ihr lernt, hat keine Zukunft.“ von Helga Raible LIEBENAU – „Hilfe, Gewalt“ – Unter diesem Titel stand ein zweitägiges Fachsymposium zur Aufbereitung von Gewalterfahrungen und ihren Konsequenzen. Ausgangspunkt der Diskussion war ein Forschungsprojekt im Auftrag der Stiftung Liebenau zur Analyse von Gründen, Anlässen und Bedingungen erzieherischer Gewalt in der Zeit von 1945 bis 1975. Anhand von Zeitzeugenberichten und auf der Grundlage von vielfältigen Dokument- und Textmaterialien haben Professor Dr. Susanne Schäfer-Walkmann und Professor Dr. Birgit Hein (Institut für angewandte Sozialwissenschaften an der Dualen Hochschule Stuttgart) eine Periode von 30 Jahren betrachtet und den Alltag in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Liebenau untersucht. Sie werteten zahlreiche Dokumente und Texte aus und führten qualitative Interviews mit Zeitzeugen. Das Ergebnis zeigt: In den Jahren 1945 bis 1975 haben auch in der Stiftung Liebenau Menschen Gewalt und Leid erfahren müssen, ihre Würde wurde nicht immer ausreichend geachtet und geschützt. Dafür bat Dr. Berthold Broll im Namen des Vorstands der Stiftung Liebenau ausdrücklich um Verzeihung: „Wir wissen: Geschehenes Unrecht lässt sich nicht rückgängig machen. Dennoch bitten wir die Betroffenen und ihre Angehörigen um Verzeihung und danken all denen, die über ihre Erfahrungen berich- Michael Löher, Vorstand Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge tet haben, für ihren Mut und ihre Wachsamkeit.“ Die Auseinandersetzung mit der Geschichte sei Aufforderung an alle heute Tätigen in Leitungspositionen und in der Betreuungsarbeit, achtsam zu sein und zu bleiben. An der Studie nahmen 21 ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner teil, 19 Interviews konnten vollständig ausgewertet werden. Ihre Berichte machen deutlich, dass der Lebensalltag wenig Selbstbestimmung und Privatheit zuließ: Große Schlafsäle, stark strukturierte Tagesabläufe, eine strenge Geschlechtertrennung waren kennzeichnende Aspekte. Die unmittelbaren Nachkriegsjahre waren zudem von Mangel geprägt – an Räumen, Ausstattung, Nahrung, (Fach-) Personal. Im Heimalltag herrschten strenge Regeln, deren Einhaltung auch mittels körperlicher Gewalt eingefordert wurde. Auch in Konflikten unter den Bewohnern kam es zu Gewaltanwendung, ebenso wird von Übergriffen von Bewohnern gegen Mitarbeiter berichtet. Gleichzeitig, so die Wissenschaftlerinnen, hätten die Gesprächspartner immer wieder eine hohe Verbundenheit mit „der Liebenau“ erkennen lassen, die für sie Heimat gewesen sei. Außerdem wurden Gespräche mit zehn ehemaligen Mitarbeitern geführt. Auch hier gab es Hinweise auf gewaltbegünstigende und -auslösende Momente. Angesichts des geringen Personalschlüssels und einer fehlenden fachlichen Qualifizierung fühlten sich die Mitarbeiter häufig überfordert und allein gelassen. Wie die Wissenschaftlerinnen weiter erläuterten, war diese Zeit hierzulande immer noch stark geprägt von einer gesellschaftlichen Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung. Und diese Form der „kulturellen 16 Stiftung Liebenau

„In allen Abhängigkeitsverhältnissen besteht die Gefahr der Gewaltandrohung oder gar Gewaltausübung, unabhängig von der Organisationsform.“ Prof. Dr. Michael Seidel, Ärztlicher Direktor in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel Gewalt“ habe sich in den damaligen Anstalten – als in sich weitgehend geschlossenen Einrichtungen – manifestiert. Die unterschiedlichen Bedingungsfaktoren von Gewalt gegen Menschen mit Behinderung skizzierte Professor Dr. Michael Seidel, Ärztlicher Direktor in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Abhängigkeit, Überforderung oder unreflektierte Nähe zwischen Personen könnten ebenso gewaltfördernd wirken wie der Mangel an fachlicher Kompetenz und das fehlende Verständnis für Ursachen und Funktionen auffälligen Verhaltens, so die Erfahrung des Psychiaters und Psychotherapeuten. Prälat Michael H. F. Brock, Vorstand der Stiftung Liebenau, warf einen Blick auf die heutige Realität der Hilfe für Menschen mit Behinderung. Er nannte die Vielzahl an differenzierten Wohnformen, eine Professionalisierung der Arbeit und spezialisierte Ausbildungsgänge und Fortbildungsprogramme und Veränderungen in der Organisationsstruktur als wesentliche Merkmale der Veränderung. Auch werde heute aktiv die Beteiligung der Bewohner an der Gestaltung ihrer Lebensräume gefördert, zum Beispiel in Heim- und Werkstattbeiräten. „Alle diese Faktoren helfen, das Risiko gewalthafter Begegnungen zu verringern und Folgen zu mildern“, so seine Schlussfolgerung. Dennoch sei es notwendig, das Erreichte auch heute stets kritisch zu hinterfragen. Konkreten Fragestellungen zum fachlichen Umgang mit dem Thema Gewalt widmete sich der zweite Tag des Symposiums. In verschiedenen Workshops, moderiert von Fachleuten aus unterschiedlichen Einrichtungen der Hilfe für Menschen mit Behinderung, ging es zum Beispiel um die Sensibilisierung von Mitarbeitern für Gewalt-Anfälligkeiten, um Strategien zur Prävention und Deeskalation und um Möglichkeiten zur emotionalen Verarbeitung von Gewalterlebnissen. Experten zu Gast beim Symposium „Hilfe, Gewalt“: (v.l.) Dr. Berthold Broll, Michael Löher, Deutscher Verein; Matthias Haag, Ethikkomitee Stiftung Liebenau; Jörg Munk, Geschäftsführer St. Gallus-Hilfe; Prof. Dr. Birgit Hein, Institut für angewandte Sozialwissenschaften an der Dualen Hochschule Stuttgart; Prälat Michael H. F. Brock, Vorstand Stiftung Liebenau; Prof. Dr. Susanne Schäfer-Walkmann, Institut für angewandte Sozialwissenschaften an der Dualen Hochschule Stuttgart; Prof. Dr. Michael Seidel, Ärztlicher Direktor in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Foto: Klaus Susanne Schäfer-Walkmann, Birgit Hein „Das Schweigen dahinter“ Der Umgang mit Gewalt im lebensweltlichen Kontext von Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern der Stiftung Liebenau zwischen 1945 und 1975 Herausgegeben von der Stiftung Liebenau Lambertus Verlag, Freiburg i. Breisgau 2015 ISBN: 978-3-7841-2682-1 Stiftung Liebenau 17

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