Mediathek der Stiftung Liebenau
Aufrufe
vor 3 Jahren

annalive 01/2014

  • Text
  • Menschen
  • Demenz
  • Bewohnerinnen
  • Haus
  • Thema
  • Praxis
  • Hausleiter
  • Gesellschaft
  • Josef
  • Bregenz
Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

8 DAS THEMA

8 DAS THEMA Fallbeispiele Demenz verstehen bringt Ruhe in den Wohnbereich. Nach wie vor ist es für die Mitarbeiterinnen nicht einfach, Herrn M.s Bedürfnissen ebenso wie den Wünschen der anderen, eher ruhebedürftigen Bewohnerinnen zu entsprechen. Doch die größte Herausforderung besteht darin, die Rückentwicklung seiner Fähigkeiten und Ressourcen zu akzeptieren. Denn alle wissen: Schließlich kommt der Tag, an dem Herr M. nichts mehr erzählt, sondern nur noch teilnahmslos dabeisitzt, und wir uns an ihn erinnern, als einen, der unseren Heimalltag außergewöhnlich machte. Menschen in einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Demenzerkrankung können den Grund für ein Unbehagen oft selbst nicht mehr erkennen und auch nicht artikulieren. Gleichzeitig verhalten sich viele – auch das bringt Demenz mit sich – mehr oder weniger enthemmt. Die Pflegenden zuhause oder im Heim sind nun doppelt gefordert: Einerseits geht es darum, den Bedürfnissen der Betroffenen zu entsprechen, andererseits, sie trotz ihres auffälligen Verhaltens in der Gemeinschaft zu integrieren. Zwei Hausleiterinnen und eine Wohnbereichsleiterin berichten. Text: Jutta Unger, Stefanie Freisler, Doris Zotter Fotos: Felix Kästle/Fotolia: sogmiller, olly Der ehemalige Skilehrer Vor einem Jahr ist Herr M. zu uns ins Heim gekommen. Er ist 84 Jahre alt und dement. Als ehemaliger Skilehrer war er es gewohnt, ständig mit anderen Menschen in Kontakt und auch viel in Bewegung zu sein – zwei Verhaltensweisen, die sich im Zuge seiner Demenzerkrankung noch verstärkten: Sein ununterbrochenes Reden oder Singen und sein starker Bewegungsdrang verursachten Unruhe im Heimalltag und beanspruchten die Pflegekräfte. Gleichzeitig bargen die sedierenden Medikamente, die er aus medizinischer Sicht brauchte, jedoch eine hohe Sturzgefahr. Hinzu kamen starke Weglauftendenzen. In der ersten Zeit sorgten einzig ausgedehnte, begleitete Spaziergänge durch den Wohnbereich für Entspannung. Heute ist Herr M.s Mobilität trotz Reduktion der Medikamente stark eingeschränkt und seine Sprache verwaschen – die Erinnerung an früher aber noch allgegenwärtig. Und so hat der ältere Herr weiterhin und immer allen etwas mitzuteilen, oft auch auf Englisch. Dann helfen Ablenkungen wie gemeinsames Singen, ein kleiner Spaziergang im Rollstuhl oder ein Plauderstündchen. Auch das Einnehmen der Mahlzeiten in der Runde mit anderen Mitbewohnerinnen Kleine Ursache – große Wirkung Vor einigen Monaten erkundigte sich eine ältere Dame über das Aufnahme-Prozedere in unserem Haus. Sie erzählte, dass ihr demenzkranker Gatte, Herr W., seit einer Woche in der psychiatrischen Klinik sei. Er hatte ohne Vorzeichen und ersichtlichen Grund versucht, sie zu schlagen und verhielt sich in der Folge auch anderen Personen gegenüber aggressiv. In der Klinik bekam er stark beruhigende Medikamente und wurde mittels Bauch- und Gliedmaßengurt im Bett fixiert. Nachdem Herr W.s Einzug ins Heim mit der lokalen Behörde geklärt war, nahmen wir Kontakt mit den Mitarbeiterinnen in der Psychiatrie auf und diskutierten seinen Zustand in mehreren Telefonaten. Gemeinsames Ziel war es, die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen zu reduzieren und eine angepasste medikamentöse Therapie zu finden, was zum Teil gelang. Als möglicher Auslöser für das aggressive

9 DAS THEMA Verhalten wurde ein Harnwegsinfekt identifiziert und mit Antibiotika behandelt. Trotz Bedenken auf Seiten der Klinik zog der ältere Herr zwei Wochen später in unser Pflegeheim ein. Von Beginn an haben ihn unsere Pflegekräfte validierend begleitet und so ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Dazu gehörte, ihn auf keinerlei Art und Weise in seiner Beweglichkeit einzuschränken. Heute wirkt Herr W. im Kreise seiner Hausgemeinschaft zumeist ruhig und entspannt und nimmt – soweit möglich – am täglichen Geschehen teil. Wenn ihn etwas quält, lässt er sich von der im Wohnbereich ständig anwesenden Alltagsmanagerin, in der Regel schnell beruhigen und versorgen. Unser Resümee: Menschen im fortgeschrittenen Stadium einer Demenzerkrankung sind oft nicht mehr in der Lage, ihre Bedürfnisse, Wünsche und Beschwerden mitzuteilen. Meist sind es kleine Ursachen, die ein auffälliges oder aggressives Verhalten mit sich bringen. Diese lassen sich zum Beispiel durch das mäeutische Pflegekonzept* ermitteln. Ein extremer Urlaubsgast Nach einem Motorradunfall kam Herr Z. von der Gerontopsychiatrie Rankweil für zwei Wochen zur Regeneration zu uns ins Heim. Der 80-jährige ehemalige Musikprofessor, der bereits vor seinem Unfall an einer noch unbemerkten Demenz erkrankt war, litt nun zusätzlich an einem Schädel-Hirn-Trauma. Diese Kombination machte ihn sehr unruhig, eine Medikamentierung war nicht gegeben. Er beanspruchte das Pflegepersonal den gesamten Tag mit aufgeregten Fragen und Reden. War er unzufrieden, zeigte er Weglauftendenzen, „Ich will jetzt nach Hause“, sagte er und ging los. Aufgrund seiner Biografie besorgte die Wohnbereichsleiterin klassische Musik – Bach, Mozart, Vivaldi – in der Annahme, ihn damit beruhigen zu können. Doch das Gegenteil war der Fall: Anstatt sich zurückzulehnen und zu genießen, wurde Herr Z. besonders aktiv, wollte seinen guten Anzug anziehen, zum Dirigieren gehen, suchte die Bühne und seine Frau. Auch ein validierender Umgang schlug nicht an. „Ich bin doch nicht blöd“, brachte er solche Maßnahmen zu einem schnellen Ende. Schließlich war klar: Da bei Herrn Z. zwei sich gegenseitig verstärkende Krankheiten eine Rolle spielen, braucht er – im Moment zumindest – eine Eins-zu- Eins-Betreuung. Spazierengehen beruhigte ihn, am gemeinsamen Zeitunglesen hatte er Freude. Die Pflegekräfte besprachen sich und wechselten sich in der Betreuung ab. Sie informierten auch seine Frau, wiesen sie auf die extreme Situation hin. Diese zeigte Verständnis und entlastete das Team durch ihre Besuche oder indem sie Bekannte zu einem Besuch anregte. Die Pflegenden haben mit ihrem extremen Urlaubsgast die Erfahrung gemacht, dass sie auch Biografiearbeit flexibel handhaben müssen. ❑ *Mäeutisches Pflegekonzept, auch: „erlebnisorientierte Pflege“. In der Praxis des von Cora van der Kooij entwickelten Modells geht es vor allem um das Bewusstmachen von Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Stiftung Liebenau Österreich