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annalive 01/2014

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

16 PRAXIS VORARLBERG

16 PRAXIS VORARLBERG Interview mit Günther Willi, Gemeinwesenarbeiter in den Lebensräumen für Jung und Alt Solidargemeinschaft nach Rezept BREGENZ – Anfang der 90er Jahre hat die Stiftung Liebenau das auf aktiver Nachbarschaftshilfe basierende Modell der Lebensräume für Jung und Alt entwickelt. Heute gelingt das solidarische Zusammenleben verschiedener Generationen bereits an 24 Standorten in Süddeutschland – und einem in Österreich. Wie sich die Bregenzer Lebensräume seit 2003 entwickelt haben und inwiefern das Konzept an die Gegebenheiten in Österreich angepasst werden musste, beschreibt Günther Willi, Gemeinwesenarbeiter und Leiter der Bregenzer Dienststelle Jugend, Migration, Gemeinwesen, im folgenden Interview. Die Fragen stellte: Elke Benicke Fotos: Günther Willi, Felix Kästle Im Herbst 2003 sind die ersten Mieterinnen in die Wohnungen im Haus II des Sozialzentrums Mariahilf, den Lebensräumen für Jung und Alt, eingezogen. Bereits damals waren Sie bei der Stadt Bregenz beschäftigt. Welche Haltung hatten Sie, hatte die Stadt, hatte die Bevölkerung dem Projekt gegenüber? Günther Willi: Ich war damals als Jugendkoordinator für die Stadt Bregenz angestellt und habe nichts von den Lebensräumen mitbekommen. Heute habe ich mit allen Generationen zu tun und einiges über die Anfänge erfahren: Die Stadt Bregenz hat das Konzept mit großem Interesse aufgenommen, aber auch diskutiert, ob es Gemeinwesenarbeit tatsächlich braucht oder die Bewohnerinnen der Anlage dadurch „verwöhnt“ werden. Schließlich hat das Konzept der aktiven Nachbarschaft aber überzeugt, da es eine längere Selbstständigkeit und damit eine höhere Lebensqualität im Alter ermöglicht, weniger Unterstützungsangebote erfordert und jungen Familien eine aufgeschlossene Wohnumgebung bietet. Auch die Bevölkerung hat sich sehr für die Wohnanlage interessiert. Zwar kursierten Gerüchte, dass man in den Lebensräumen gemeinsam zu Mittag essen müsse oder für gemeinsame Arbeiten eingeteilt werde. Doch bis heute ist die Bewerbungsliste für die Wohnungen lang, was bedeutet, dass die Qualität des Wohnens als sehr hoch eingeschätzt wird. Ließ sich die deutsche Idee ohne weiteres in Österreich realisieren? Abgesehen von einem etwas anderen Vergabemodus, der die direkte Mitsprache der Bewohnerinnen ausschließt, lässt sich das Wohnmodell in Österreich genauso verwirklichen wie in Süddeutschland. Das ist ja auch nicht weit von uns entfernt. Musste nachjustiert werden? Am Beginn eines solchen Wohnprojektes sind alle neu, freuen sich über die neue Wohnung, sind beseelt vom Konzept der Anlage und erfreut, dass man ihre Bewerbung angenommen hat. Da ist die Idee der aktiven Nachbarschaft stark präsent. Im Anfangselan entstehen etliche Bewohnerinitiativen. Mit der Zeit flacht das etwas ab und es braucht mehr Engagement, das gute Miteinander aufrecht zu erhalten – zum Beispiel über einen engagierten Bewohnerbeirat. Neue Impulse gibt es, wenn sich die Aktivitäten auch zum Stadtteil hin öffnen – ein Gewinn für die Bewohnerinnen und den Stadtteil. Wie haben sich die Lebensräume in Bregenz entwickelt? In den letzten Jahren sind vor allem im Hinblick auf den Stadtteil Mariahilf neue Initiativen gewachsen wie zum Beispiel das

17 PRAXIS VORARLBERG Impressionen aus den Lebensräumen. Links: Blick auf die Lebensräume vom Garten her. Frühstück im Park, das von Besucherinnen aus dem Stadtteil gerne aufgesucht und von Frauen mitorganisiert wird, die nicht in den Lebensräumen wohnen. Die Bewohnerinnen der Lebensräume wiederum engagieren sich bei den verschiedenen Stadtteilmärkten wie Flohmarkt, Advent- oder Ostermärktle. Die Verknüpfung der Wohnanlage mit dem Stadtteil wird seit einem Jahr noch dadurch verstärkt, dass ich als Leiter des Stadtteilbüros Mariahilf auch Gemeinwesenarbeiter der Lebensräume bin. Was sind Ihre Aufgaben und Ziele als Gemeinwesenarbeiter? In meinem Aufgabengebiet geht es um eine Weiterentwicklung des Stadtteils Mariahilf im Sinne der Bewohnerinnen, um Alltagskultur, die Förderung des Zusammenlebens und Bürgerbeteiligung. Das ist ein sehr vielfältiges und abwechslungsreiches Aufgabengebiet mit dem Ziel, eine höhere Wohn- und Lebensqualität der Bewohnerinnen zu erreichen. Woran liegt es, dass sich das Wohnkonzept der Lebensräume für Jung und Alt nicht weiter in Österreich verbreitet hat? Die Gemeinwesenarbeit ist in Österreich insgesamt kaum bekannt und wenig verbreitet. Da die Wohnkosten sehr hoch sind, scheut man sich, durch die Finanzierung von Gemeinwesenarbeit das Wohnen teurer zu machen. Es braucht einen weitsichtigen und nachhaltigen Blick auf das gesamte Wohnumfeld, auf den Sozialraum, um den Mehrwert und gesellschaftlichen Nutzen dieser Einrichtung zu sehen. Wie sind Ihre Prognosen für dieses Wohnkonzept in Österreich? Dass eine Wohnanlage von der Mischung sozialer Schichten profitiert, ist bei der städtischen Wohnungsvergabe, die auch die Lebensräume für Jung und Alt bedient, inzwischen allgemeiner Konsens. Damit die Bewohnerinnen untereinander von den unterschiedlichen Ressourcen profitieren, braucht es meiner Einschätzung nach aber auch eine gewisse Moderation. Natürlich sind die Menschen zunächst selbst für ihre sozialen Kontakte verantwortlich und ich möchte auch keiner Bevormundung das Wort reden. Aber die gesellschaftliche Entwicklung hin zu kleineren Haushalten, zu einer Verdichtung der Wohngebiete, zu einer Differenzierung der Lebenswelten und zu kultureller Vielfalt macht das Zusammenleben komplizierter und konfliktbehafteter. Darauf muss das Gemeinwesen reagieren und Impulse setzen, die ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft fördern. Insofern meine ich, dass das Wohnkonzept der Lebensräume in Zukunft an Bedeutung gewinnt. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Willi!

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