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annalive 01/2014

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

10 DAS THEMA Erfahrungen

10 DAS THEMA Erfahrungen einer Angehörigen Mit Demenz umgehen Frau und Herr P. sind seit 54 Jahren verheiratet, haben drei Kinder und leben in einer heimgebundenen Wohnung des Pflegeheims St. Josef in Schruns. Doch als Herr P. vor rund zwei Jahren an Demenz erkrankte, kam nicht nur er an seine Grenzen. Während Herr P. mit Orientierungsschwierigkeiten kämpfte, versuchte Frau P. sein herausforderndes Verhalten zuhause und in der Öffentlichkeit aufzufangen und sah sich mit seinen schwindenden Ressourcen konfrontiert. Im Folgenden beschreibt sie, wie ihr erst Verständnis und Unterstützung von außen halfen, wieder ein „normales Leben“ zu führen. Text: Frau P., Jutta Unger/Foto: Elke Benicke „Als erste Anzeichen einer Veränderung fielen mir die Orientierungsschwierigkeiten meines Mannes auf. Er blieb im Kreisverkehr mit dem Auto stehen und brauchte von mir eine Anweisung für seine Weiterfahrt. Er verwechselte Ortsnamen und hatte sehr große Schwierigkeiten, sich zu erinnern. Das war eine komplett neue Situation für mich. Seine Art diese schwindenden Ressourcen zu verschleiern, machte mir den Alltag schwer. Ich sollte ständig anwesend und nur für ihn da sein. Er legte einen Befehlston an den Tag oder klammerte sich an mich. So hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht all seine Wünsche und Bedürfnisse erfüllte. Auch machte mir seine direkte Art anderen Personen gegenüber zu schaffen. Er sprach jede hübsche, junge Frau an, machte anzügliche Äußerungen, wie „Jungfrau bist du aber nicht mehr!“ oder: „Du hast eine schöne Brust!“. Unsere Bekannten und Freunde wussten nicht, wie sie mit uns umgehen sollten. Es war eine große Skepsis zu spüren, unter der die Freundschaften litten. Die Besucher wurden weniger und blieben irgendwann fast ganz aus. Mein Mann genoss meine Fürsorge sichtlich. Doch ich blieb auf der Strecke, fand keine Zeit mehr für persönliche Dinge und Hobbies. Mein Körper machte mich auf meine Grenzen aufmerksam, aber ich wollte es alleine schaffen. Erst mit Hilfe meines Sohnes, der mir aufzeigte, dass Unterstützung, egal in welcher Form, dazu beiträgt, meine Gesundheit zu erhalten, begriff ich, dass ich lernen musste, Verantwortung abzugeben. Ich machte seit langem wieder für eine Woche Urlaub, während mein Mann auf Kurzzeitpflege in das Pflegeheim ging. Als sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, akzeptierte ich den Mobilen Hilfsdienst und den Krankenpflegeverein, die mich in der Pflege unterstützten und mir eine Auszeit verschafften. Besonders schätze ich natürlich die Unterstützung meiner Kinder, die sich sehr bemühen, mir ein Gefühl der Entlastung zu geben. Es tut gut, verstanden zu werden. Denn durch die Wesensveränderung meines Mannes hatte ich das Gefühl, meinen Partner zu verlieren. Es war ein Hergeben meines und unseres vertrauten Lebens.“ ❑

11 ANNA FORUM Erste Klausur der Küchenleiterinnen Essen wird zur Chefsache Ihr gemeinsames Ziel ist Essen auf möglichst hohem Niveau. Ende September trafen sich in Stadl Paura bei der ersten Klausur der Küchenleiterinnen 14 Teilnehmerinnen aus den Häusern der St. Anna- Hilfe. Gemeinsam definierten sie einen Standard für die Produktion der Mahlzeiten, der vom regionalen Einkauf bis zur ansprechenden Gestaltung zu Tisch reicht. Text: Claudia Wörner/Foto: privat „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“, lautet ein bekanntes Sprichwort. Alle Teilnehmerinnen der Küchenleiterklausur waren sich über den hohen Stellenwert des Essens für die Bewohnerinnen der St. Anna- Hilfe einig. Der neue Küchenstandard legt nun fest, dass die Kette der Essensproduktion durchgängig und auf einem gleichbleibend hohen Niveau gehalten wird. Ebenfalls formuliert sind Hygienerichtlinien, gesetzliche Vorschriften und Essenszeiten. Der neue Standard nimmt aber vor allem die Führungskräfte in die Pflicht. Alle Führungsebenen, von der Heimleitung über die Küchen- und Hauswirtschaftsleitung bis hin zur Pflegeleiterin sind für die Kette der Essensproduktion mitverantwortlich. „Das Essen für die rund 700 Bewohnerinnen wurde quasi zur Chefsache, denn nur so kann es funktionieren“, sagt Verwaltungsleiter Winfried Grath, der die Klausurtagung moderierte. Ästhetik und Autonomie sitzen mit am Tisch Oft sind es Kleinigkeiten an denen es hapert. „Was nützt ein gutes Essen, das nicht schön angerichtet ist? Was nützt ein schön angerichtetes Essen, wenn die Bewohnerin nicht wählen kann?“, fragte eine Küchenleiterin. Einig waren sich alle, dass das Essen immer nur so gut sein kann wie das schwächste Glied in der Kette der Essensproduktion. Festgeschrieben wurde auch, dass die Qualität durch bereichsübergreifende intensive Zusammenarbeit, enge Kommunikation und Schulung der Mitarbeiterinnen sichergestellt werden soll. Die Küchenleiterinnen nahmen die gesamte Essensproduktion von Menüauswahl und Einkauf über Kochen und Liefern bis zum Essen am Tisch unter die Lupe. Wichtig ist ihnen dabei, die individuellen Bedürfnisse der Bewohnerinnen zu achten. „Selbstbestimmtheit und individuelle Lebensqualität sind ein hohes Gut und stehen oft in Konkurrenz zu gesundheitlichen Risiken. Dabei gilt es genau abzuwägen, wo nicht doch Autonomie vor Sicherheit gehen kann“, fasst Winfried Grath die Diskussion zusammen. Verschiedene Küchen – dasselbe Ziel Durch die Verschiedenartigkeit der Küchen der St. Anna-Hilfe ergab sich ein bereichernder, multiprofessioneller Austausch. Der neue Standard gilt sowohl für die Großküchen, die täglich 500 Essen produzieren, als auch für die Verteilerküchen, die Essenskomponenten kochen und aufbereiten, sowie für die Hausgemeinschaftsküchen, die das Essen bei den Bewohnerinnen zubereiten. „Es ist gelungen, trotz der Unterschiedlichkeit gemeinsame Ziele für den Alltag zu entwickeln“, so Winfried Grath. ❑ Bei der ersten Klausur der Küchenleiterinnen in Stadl Paura aktualisierten 14 Teilnehmerinnen den Standard, der für alle Küchen der St. Anna-Hilfe Österreich gilt.

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