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annalive 01/2010

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

8 DAS THEMA Finde meine

8 DAS THEMA Finde meine Freude Am Abend bringt Heidi Frau Gantner zu Bett. Kaum betreten sie das Zimmer, beginnt Frau Gantner zu weinen. Vom Schluchzen geschüttelt, murmelt sie vor sich hin: „Alle sind do so liab zu miar und i bin so gär nünt.“ Ganz verloren wirkt die kleine runde Frau in dem großen, hellblau bezogenen Bett, in dem sie steif auf dem Rücken liegt. Heidi setzt sich auf den Bettrand, legt einen Arm um die verhüllte Gestalt und horcht eine Weile lang einfach zu. „Des tuat so guat, dass Sie einfach do blieben und mi net alla lon“, kommt es stockend zwischen den Schluchzern hervor. Frau Gantner ist verwirrt, sie ist vor einer Woche ins Heim gekommen. Ihr Lebensgefährte Boris hat sie begleitet. Boris hat Heidi vom schweren Leben der Frau Gantner erzählt. Seit 15 Jahren, seit dem Tod seiner Frau, sei er jetzt mit ihr zusammen. Er habe die ersten Reisen mit ihr unternommen. „In Mallorca, do hätten Sie d‘Helma sacha sölla, sie hot so a Fröd ghet mit dem Meer. S‘erschte Mol in ihrem Leba, dass sie s‘Meer gsacha hot. Jo mir hon a paar schöne Johr mitnand ghet, jetzt los i sie oh net im Stich.“ „Frau Gantner, es ist mir ganz wichtig, dass Sie sich bei üs wohlfühlen. I kann doch so a nette Frau net so traurig allanig loh. Frau Gantner, wo sind Sie denn am glücklichsta gsi?“ „I was net, s‘isch alls so... so furt.“ „Isch es wie im Nebel versteckt?“ „Jo genau, so isch es, i was gär nix meh, i bin ganz furt... .“ Die Tränen beginnen wieder zu rinnen. „Wissen Sie was, Frau Gantner, gemeinsam holen mir die ganza schöna Sacha wieder zruck, Stück für Stück.“ „Des wär schöh“, seufzt die alte Frau. „Waren Sie schon amol am Meer? Vielleicht mit ihrem Freund?“ Das kleine Gesicht beginnt zu strahlen, „jo genau, jetzt was is wieder. Des war schö mit dem Boris, i bin viel gschwumma und üser Hus des war, des war... .“ „War‘s direkt am Meer?“ „Na, mir hon umi laufa müasa. Und gschwumma bin i viel, des war so schö.“ Die Augen richten sich leuchtend und voll Leben auf Heidi. „Es kummt alls wieder zruck, es isch jo gär net weg. Bitte, Schwöster, finden‘s mine Fröd wieder.“ ❑ In die Pflegeplanung von Frau Gantner hat Heidi als wichtigen Punkt das Abendritual des Erinnerungen-Findens hineingenommen. Gespräche mit dem Lebensgefährten ermöglichen kleine Hilfen, mit denen die Frau ihr altes Selbst wieder finden kann. Schon nach einer Woche freut sich Frau Gantner auf das Zubettgehen, denn da kommen die vertraulichen Gespräche. Begebenheit wahr, Namen frei erfunden.

9 DAS THEMA Elenas Ängste Seit Tagen schon sitzt Elena Anderla vor ihrem Essen, ohne es zu berühren. Ihre Augen liegen in tiefen, dunkel verfärbten Höhlen. Ihr Gesichtsausdruck ist müde und leidend. Heidi setzt sich neben Elena, die gerne mit Vornamen angeredet und geduzt werden möchte. Sie betrachtet die ältere Frau, doch deren Blick ist starr nach unten gerichtet. Ihre Hände umklammern den Wäscheschutz. Leicht berührt Heidi sie am Arm: „Elena, wia gohts dir?“ „Schlecht, schlecht – i hon solle Schmerza – do.“ Sie presst ihre Hände auf die Herzgegend. „Elena söll i dir Tröpfle bringa? Denn würd‘s glei besser!“ „Na, na – los des nur si – des mag i net – gang du nur weg.“ Elena lässt ohne Gegenwehr gar nichts an sich machen, verweigert jedes Medikament, jede Untersuchung. Essen einzugeben ist unmöglich, und selbst isst sie fast nichts mehr. Inzwischen ist die alte Frau so geschwächt, dass sie nicht mehr selbst stehen kann, dass sie für alles massive Hilfe benötigt. Hilfe, die sie ablehnt. Eine halbe Stunde später bringt Heidi Elena ins Bett. Das Eincremen der wunden Stellen, das Umziehen und das Wechseln der Inkontinenzeinlage werden zum Zweikampf. Die alte Frau schreit, Heidi schwitzt. Laut dringen Elenas Schreie aus dem Zimmer: „Hilfe, Hilfe – los mi goh, gang weg, verschwind!! Kumm her, hilf mir, isch denn niamand do, Hilfe, Hilfe!!“ In dieser Nacht ist kein Rufen mehr von Elena zu hören. Das Gespräch hat keine zehn Minuten gedauert. Noch immer ist jede Handlung an dieser Frau ein Kampf, doch dank der Validationstechnik des Spiegelns gibt es wenigstens die Möglichkeit, die Handlungen positiv abzuschließen. Begebenheit wahr, Namen frei erfunden. Heidi nimmt den Widerhall der verzweifelten Rufe mit nach Hause. Eine Woche später hat sie Nachtdienst. Marie übergibt ihren Dienst an Heidi und meint: „Hilf mir bitte noch d‘Elena lagern, wascht eh, wia sie sich wehrt.“ Gemeinsam drehen sie die sich heftig wehrende Frau auf die andere Seite. „I fall, Hilfe, i fall, heb mi fescht, gang weg, hau ab, hilf mir – bitte, bitte!!“ Die Schreie gehen in verzweifeltes Schluchzen über. Elenas Nägel graben sich tief in Heidis Arm. Heidi kniet sich neben dem Bett nieder, ihre Augen auf der gleichen Höhe wie die von Elena. Sie kann die Angst der alten Frau durch die in sie verkrallten Finger deutlich spüren. Sie sieht die Verzweiflung in den Augen und beobachtet die schnelle Atmung. Sie lässt sich auf die Verzweiflung ein. Auch ihre Atmung wird schneller. Gemeinsam atmen sie im selben Rhythmus, mehrere Minuten lang. „Hilfe, Hilfe“, wimmert die alte Frau. „Helfa söll i dir? Du bruchst Hilfe?“, wiederholt Heidi mit der gleichen gepressten, zitternden Stimme. Elenas Augen werden weit, sie nimmt Blickkontakt mit Heidi auf. Ihr Atem geht ruhiger. „Du hilfst mir, gell, du losch mi goh?“, fragt Elena, etwas ruhiger, fast hoffnungsvoll. „Du willscht go, furt willscht du. Wohin willscht du denn?“ Der Griff von Elena wird langsam lockerer. „I will ham.“ Sie zieht ihre Hand zurück, „muasch mi nümm heba, des isch mir z‘eng.“ Ganz ruhig blickt die Frau in Heidis Augen und meint: „I bin jetzt müad, du kasch o schlofa go, guat Nacht.“ ❑

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