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annalive 01/2010

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

6 DAS THEMA Notizen aus

6 DAS THEMA Notizen aus dem Heimalltag Brücken in die Welt des Anderen Die Arbeit mit älteren, an Demenz erkrankten Menschen im Pflegeheim bedeutet weit mehr als Essen reichen, ankleiden und pflegen. Essentiell ist auch die spürbare Wertschätzung für den einzelnen Bewohner. Dazu gehört eine funktionierende Kommunikation und eine für beide Seiten erträgliche Nähe. „Es ist nicht immer einfach, die Waagschale zu halten. Heftige Reaktionen oder eine undurchdringliche Passivität, besonders auch die Ängste der Bewohner beschäftigen mich sehr“, sagt Claudia Galehr, Diplomkrankenschwester im Sozialzentrum St. Vinerius in Nüziders. Um ihre Erlebnisse zu verarbeiten, schreibt die 49-Jährige sie auf, formt kleine Geschichten daraus und lässt als ausgebildete Anwenderin auch ihr Hintergrundwissen aus der Validation einfließen. So sind in den letzten zweieinhalb Jahren, seit ihrem Eintritt in das Sozialzentrum St. Vinerius, rund 30 Kurzgeschichten entstanden. Vier davon hat sie für die „anna live“ ausgewählt. Texte: Claudia Galehr/Fotos: Felix Kästle Rohrbruch im Zimmer Frau Riccarda ist eine gepflegte Frau, die sehr viel Wert auf ihr Äußeres legt. Nichts wäre schlimmer als zuzugeben, ins Bett genässt zu haben. Die selbst gefundene Ausrede mit dem Rohrbruch und Heidis Reaktion darauf lässt sie das Gesicht bewahren. So ermöglicht sie der alten Dame den würdevollen Rückzug ins frisch gemachte, warme Bett. Begebenheit wahr, Namen frei erfunden. Eine Nacht wie jede andere. Schwester Heidi macht ihren Routine-Rundgang um ein Uhr morgens. Auf Zehenspitzen betritt sie das Zimmer von Frau Sidona. Alles in Ordnung. Erleichtert geht sie zurück in den halbdunklen Gang. Vorsichtig schließt sie die Zimmertüre hinter sich. „Hallo!“, brüllt ihr da jemand ins Ohr. Mit weit abstehenden, weißen Haaren huscht eine Gestalt durch den Gang und schreit. Irgendetwas schwingt dieses zierliche, in ein rosa Nachthemd gehüllte Gespenst über dem Kopf. Die Stimme ist allerdings alles andere als zierlich. „Hallo, halloo-o!“, tönt es immer wieder lautstark. Nach dem ersten Schreck eilt Heidi auf die Frau zu. Sie erkennt Frau Riccarda, eine temperamentvolle Italienerin, die ihre nasse Inkontinenzeinlage wie eine Trophäe über dem Kopf schwingt. „Leise, Frau Riccarda“, versucht Heidi die Frau zu beruhigen, bevor die ganze Station erwacht, „was ist denn los?“ Vertrauensvoll stellt sich Frau Riccarda auf die Zehenspitzen, um Heidi ins Ohr zu flüstern: „Es ist ganz schrecklich, ich frier‘ so wahnsinnig, da sehen Sie, ich bin ganz nass, das Bett ist nass – das ganze Zimmer ist nass, dahin kann ich nicht zurück!“ „Ja, was ist denn da passiert?“, fragt Heidi und nimmt ihr die nasse Einlage ab. Die alte Dame winkt Heidi zu sich hinunter: „Wissen Sie, da war ein Rohrbruch, alles ist unter Wasser und kalt, da müssen wir schnell einen Klempner holen, bevor die anderen was merken.“ Heidi versichert ihr, dass sie Klempnerin ist und das wieder in Ordnung bringen kann. ❑

7 DAS THEMA Schülerin mit 80 Jahren Wer Frau Rieser begegnet, würde es kaum für möglich halten, wie schwer dement diese schon ist. Sie ist von den zeitlichen Verschiebungen, in denen sie lebt, so überzeugt, dass es zum Teil sehr schwer ist, sie von Handlungen abzuhalten, die für sie gefährlich sein könnten. Wie zum Beispiel zum Bahnhof zu gehen, um einen Schulausflug zu machen. Gleichzeitig ist das logische Denken jedoch völlig intakt. Begebenheit wahr, Namen frei erfunden. Schwester Heidi kann das Schmunzeln kaum unterdrücken, als Frau Rieser – nur mit Strumpfhose und Bluse bekleidet – hüftschwingend, den Rollator vor sich herschiebend auf sie zukommt. Gestern hatte Schwester Vicky ihren ersten alleinigen Nachtdienst. Sie hat die vielfältige Arbeit hervorragend gemeistert, nur das Ritual mit dem Herrichten der Kleider für den nächsten Tag ist etwas untergegangen. So erschienen nicht nur Frau Rieser, sondern auch Frau Unterberg nur halb bekleidet zum Frühstück – die knochige Gestalt von einem weißen Spitzenunterrock verhüllt. Im Gegensatz zu Frau Rieser ließ sie sich davon überzeugen, dass da in der Garderobe noch etwas fehlt. Frau Rieser ist jedoch eine sehr eigenwillige, etwas üppig gebaute Frau Mitte 80. Als sie hüftschwingend auf Heidi zukommt, ist ihr fast faltenloses, von weißen Haaren eingerahmtes Gesicht entschlossen. „Sind Sie auch Schülerin der 6. Klasse Mittelschule?“, nuschelt sie in herrischem Ton. „Von welcher Schule, in welcher Stadt?“, fragt Heidi nach, mühsam ein Lächeln unterdrückend. „Na von Göppingen natürlich, wo sind denn Sie her, dass Sie nicht einmal wissen, wo wir hier sind? Ich suche den Speisesaal, aber Sie wissen ja sicher nicht, wo der sein könnte!“ „Frau Rieser, wo der Speisesaal ist, weiß ich genau, doch holen wir doch zuerst einmal Ihre Zähne und einen Rock aus Ihrem Zimmer. Dann zeig‘ ich Ihnen den Speisesaal.“ „Mein Gott, hab‘ ich meine Zähne vergessen! Ich versteh‘ das nicht, wie kann man nur so jung und so vergesslich sein? Aber einen Rock zieh‘ ich sicher keinen an, so seh‘ ich doch viel besser aus – Sie wissen schon, für unseren neuen jungen Lehrer – den da drüben.“ Kichernd wie ein Schulmädchen zeigt sie auf den Zivildiener, hakt sich vertraut in Heidis Arm ein und zieht sie mit zur Zimmertüre. ❑

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