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annalive 01/2010

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Lesenswertes aus der Stiftung Liebenau Österreich

10 DAS THEMA Wie viel

10 DAS THEMA Wie viel Freiheit, wie viel Sicherheit brauchen Menschen mit Demenz? Ein alltäglicher Balanceakt Sicherheit und Freiheit sind zwei Grundrechte – auch von Menschen mit Demenz. Allerdings gehen diese Bedürfnisse nicht unbedingt konform: Je sicherer ein Heimbewohner untergebracht ist, desto mehr persönliche Freiheiten büßt er ein. Je mehr Freiheiten er bekommt, desto risikoreicher lebt er. Daraus ergibt sich oft ein Entscheidungsdilemma für die Pflege- und Betreuungskräfte. Es gilt, die Rechte des Einzelnen zu wahren, ohne dabei die Wünsche der Angehörigen zu übergehen oder Recht und Gesetz, Bestimmungen und Richtlinien zu verletzen. Text: Doris Kollar/Fotos: Felix Kästle Aus der Sicht der Angehörigen hat die Pflegeeinrichtung für eine sichere Unterkunft der ihr anvertrauten, meist an Demenz erkrankten, älteren Menschen zu sorgen. Die Kinder oder andere Verwandte haben den zu Pflegenden mit seinem Einverständnis in die Obhut des Heims gegeben, da sie die nötige Fürsorge und permanente Aufsicht im häuslichen Rahmen nicht mehr leisten können oder wollen. Um eine möglichst sichere Unterkunft zu gewährleisten, nehmen viele Angehörige aber auch einen weitgehend eingeschränkten Lebensraum, medikamentöse Beeinträchtigungen und ein Wegsperren ihres Familienmitglieds in Kauf. Folgende Forderungen und Ansichten von Angehörigen hören Pflegekräfte im Heim immer wieder: „Dagegen muss es doch ein Medikament geben!“ oder: „Gebt ihr doch ein Beruhigungsmittel! Dass meine Mutter nachts barfuß in den Schnee läuft, darf nicht mehr passieren!“ oder: „Wenn ihr die Türe nicht zusperren dürft, mache ich das. Es ist ja meine Mutter, also darf ich das!“ oder: „Was ist, wenn sich mein Vater den Schenkelhals bricht, wenn er selbständig in den Garten geht? Dann haften Sie als Einrichtung für die Folgen!“ oder: „Ich möchte meine Mutter nicht wegsperren, aber Sie tragen die Verantwortung, wenn sie von einem Auto auf der Straße überfahren wird!“ Jeder hat das Recht auf Freiheit „Jede Person hat das Recht auf Freiheit und Sicherheit“, proklamiert die Charta der Grundrechte der Europäischen Union (Kapitel II: Freiheiten). Doch was bedeutet „Freiheit“ konkret, und wer definiert „Sicherheit“ – Sicherheit für wen? Für den Bewohner, die Angehörigen, die Behörden oder die Mitarbeiter? Schließlich braucht jeder sein persönliches Maß an individueller Sicherheit und Freiheit. Diese beiden Grundbedürfnisse des Menschen verhalten sich zudem komplementär. Mehr Freiheit kann weniger Sicherheit bedeuten und mehr Sicherheit weniger Freiheit. Die fachliche Sicht der Mitarbeiter basiert auf dem Heimaufenthaltsgesetz, das den Schutz der persönlichen Freiheit jedes Bewohners im Alten- und Pflegeheim regelt. Es beschreibt zum Beispiel, wie und wann so genannte Freiheitsbeschränkende und Freiheitseinschränkende Maßnahmen eingesetzt werden dürfen oder auch müssen. Als oberstes Prinzip im Rahmen einer professionellen Betreuung von pflegebedürftigen Menschen gilt es, den Willen und die Würde jedes Einzelnen in allen Lebenssituationen zu wahren und zu achten. Hinzu kommt der eigene Anspruch der einzel-

11 DAS THEMA nen Mitarbeiter, fürsorglich zu handeln und der Erwartung der Angehörigen gerecht zu werden. Das Leben ist nicht risikofrei Das wirkliche Leben ist nicht ohne Risiken. Daher lässt sich auch das Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit nicht perfekt lösen – auch nicht für Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Die Pflege- und Betreuungskräfte sind immer wieder aufs Neue gefordert, Entscheidungen zu treffen. „Die Kunst in der Begleitung besteht darin, immer wieder neu eine Balance zu finden. Eine Balance, die einem labilen Gleichgewicht entspricht, die ein unentwegtes Austaxieren verlangt und Mut zu der Frage: Um wen geht es und wer setzt die Messlatte für die Vertretbarkeit einer möglichen Gefahr?“, schreibt Michael Ganß in der Zeitschrift „Demenz“, Ausgabe 2/2009. Diese Balance kann immer nur für den einzelnen Menschen gefunden werden. Die Bedürfnisse des Pflegebedürftigen selbst bestimmen die Handlungsleitlinie. Jeder Mitarbeiter, auch Heimleiter, Ärzte, Bewohnervertreter und Angehörige sind gefordert, zuerst auf das Individuum zu schauen und sich nicht nur dem Gesetz, den Normen oder Wünschen Dritter unterzuordnen. Der Weg zu einer optimalen Balance zwischen Freiheit und Sicherheit für den Einzelnen kann also nur gemeinsam in individuellen Fallbesprechungen gefunden werden. Gemeinsam Lösungen finden Zunächst geht es darum, die Rechte und Freiheiten des betroffenen Menschen zu verteidigen, um dann Maßnahmen für seine bestmögliche Sicherheit zu finden. Zu einem professionellen Ablauf einer Fallbesprechung gehört auch die Dokumentation der gefundenen Lösungsansätze. Anhand dieser können sich auch die bei der Fallbesprechung nicht anwesenden Mitarbeiter über die erarbeiteten Ergebnisse informieren und die umgesetzten Maßnahmen bei einer eventuellen Heimaufsicht oder bei Rückfragen von Bewohnervertretern begründen und rechtfertigen. In besonders komplexen und schwierigen Fällen ist die Heimleitung gefordert, unter einer neutralen Moderation nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen. Damit alle Beteiligten denselben Ausgangspunkt präsent haben, formuliert der neutrale Moderator den Anlass für die Entscheidungsunsicherheiten noch einmal neu. Danach wird auch die alte Frage nochmals neu gestellt. Sie kann zum Beispiel lauten: „Wie können wir die Sicherheit von Frau S. bei ihren nächtlichen Spaziergängen im Freien gewährleisten?“ Im zweiten Schritt werden die Fakten und Vorschläge der Anwesenden ausgiebig erörtert: der Wunsch der Angehörigen ebenso wie die Gesetzeslage oder auch die Empfehlungen des Facharztes. Daraufhin wird der geäußerte oder angenommene Wille des Bewohners dargelegt. Am Ende einer Fallbesprechung einigen sich die Teilnehmer auf eine gemeinsame Handlungsweise und die daraus folgenden Maßnahmen – immer im Wissen, dass es eine absolute Balance zwischen Freiheit und Sicherheit nicht gibt, sondern dass der Alltag im Umgang mit demenzkranken Menschen selbst einen Balanceakt darstellt. ❑

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